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"Home" - eine Höllenstrecke

Horden von Autobahnbenutzern verjagen das Familienglück der Protagonisten im Film "Home" von Ursula Meier.

Der Film der Westschweizer Regisseurin Ursula Meier, der im Mai am Filmfestival in Cannes gezeigt wurde, kommt nun in die Westschweizer Kinos. Der Schauplatz von "Home" ist eine Autobahn - ein Einfallstor für alle möglichen Plagen.

Ein Grill, ein Sessel aus Velours, ein Tischfussballspiel, ein Swimmingpool, ein Liegestuhl... was suchen all diese Dinge hier, hingestellt am Rand einer Autobahn, nahe der Leitplanken? Man weiss es noch nicht, denn der Film hat gerade erst begonnen.

Aber man ahnt, dass all diese Gegenstände auf ein sonderbares Leben hinweisen, das Leben von Marthe (Isabelle Huppert), Michel (Olivier Gourmet) und deren drei Kindern. Sie sind die tragisch-komischen Helden von "Home". Regisseurin Ursula Meier nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise in ein absurdes Universum à la Ionesco.

Gebietseroberung ohne Armee

Wenn die Regisseurin in die Privatsphäre eindringt und die Familie beim fröhlichen Plantschen in einer Badewanne ertappt, dann könnte man meinen, das Leben in diesem Haus am Rande einer stillgelegten Autobahn sei ein "langer, ruhiger Fluss". Mitnichten!

Gegen Ende des Films ist die Sicht der Dinge eine andere. Die Erforschung des Sonderbaren verwandelt sich in die Eroberung eines Territoriums, bloss ohne Armee – oder doch nicht? Die Horden der Autobahnbenutzer sind die Armee, nach und nach verjagen sie die Familie vom Rand der Autobahn an den Rand des Abgrunds.

Der kleine Julien, der jüngste in der Familie, ahnt zuerst die drohende Veränderung und verkündet eines Abends bei Tisch: "Ich habe einen Lastwagen gesehen".

Der Junge täuscht sich nicht. Seine Worte sind wie eine Sturmböe, die auf einmal zehn Jahre des Glücks wegfegt: Die stillgelegte Autobahn wird für den Verkehr freigegeben.

Die Höllenstrecke

Eine endlose Blechlawine setzt ein. Lastwagen um Lastwagen donnern vorbei wie Sturmpanzer, gesteuert von "Kriegern" in fluoreszierenden Stiefeln, die ihre Ladungen Teer hinwerfen als wären sie Bomben. Die "Kampfhandlungen" haben zerstörerische Folgen: Schluss mit dem Zigeunerleben, willkommen in der modernen Welt des Absurden.

Die alte Autobahn, friedlich wie im Gemälde "Road and Houses" von Edward Hopper, diente bislang der Familie als Spielplatz oder auch als Ort der Besinnlichkeit. Nun wird sie zur Höllenstrecke.

Die Autoflut wird dichter und dichter und klatscht mit voller Wucht in die Welt einer störrischen Bevölkerung. Die Familie von Ursula Meier lässt sich jedoch nicht unterkriegen. Mehr noch, sie organisiert den Widerstand gegen den Lärm, die Abgase und die Horden von Ferienreisenden, die im Stau steckengeblieben sind und sich wie Besatzer aufführen.

Vom Publikum prämiert

Was zuerst als unterhaltsamer Widerstand erscheint, erreicht allmählich die Dimension einer totalen Verweigerung. "Home" wird zu einer feinen, brillant gemachten Parabel über das Leben unter einer Besatzungsmacht.

Neid ist nicht am Platz gegenüber den Regisseuren aus Hollywood, die in ihren Kriegsfilmen mit grossem Budget oft Mühe bekunden, die richtige Bildsprache zu finden.

"Home" wurde im letzten Mai am Filmfestival in Cannes von der Kritik sehr herzlich aufgenommen, ein Preis blieb jedoch aus. Die Belohnung wird aber sicher vom Publikum kommen, das war bereits am Abend der Vorpremiere spürbar. Nach der Vorführung diskutierte das Filmteam mit den Zuschauern, intelligent und bescheiden.

Gekonnt und stilsicher verwebt die Regisseurin verschiedene Genres (Komödie, Drama, Thriller, Pantomime...) zu einem einmaligen Film mit eigener Handschrift. "Home" ist ein Meisterwerk.

swissinfo, Ghania Adamo
(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer)

Ursula Meier

Geboren in Besançon im Jahr 1971, als Tochter eines Schweizer Vaters und einer französischen Mutter.

Sie absolviert ihre Schulzeit im Lycée de Ferney-Voltaire (im benachbarten Frankreich) und wächst zwischen Genf und dem Pays de Gex auf.

Später nimmt sie ihr Studium am Institut des Arts de Diffusion (IAD) in Brüssel auf, wo sie noch heute lebt.

Nach mehreren Kurz- und Dokumentarfilmen realisiert sie für den Fernsehkanal Arte einen Fernsehfilm mit dem Titel "Des épaules solides".

"Home" ist ihr erster langer Kinofilm.

Man sieht in ihrem Schaffen gewisse kinematographische Einflüsse, etwa von Ken Loach und den Brüdern Dardenne, doch sie beruft sich weder auf eine Schule noch auf künstlerische Vorbilder.

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