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"Meine Schweizer Kultur trage ich nach Italien"

Claudio Micheloni, seit 45 Jahren in der Schweiz, ist ein Vertreter der italienischen Auswanderer, welche die Wahlen in Italien massgeblich beeinflusst haben.

Der neue Senator hat durch seine Wahl entscheidend zum Erfolg des Mitte-Links-Bündnisses beigetragen. Er will seine Schweizer Kultur in die italienische Politik einbringen.

Die Wahlen vom 9. und 10. April in Italien markieren für die Auslanditaliener ein historisches Ereignis: Zum ersten Mal konnten sie eigene Kandidaten wählen.

Im Kontext des äusserst knappen Wahlresultats zwischen der "Koalition der Union" (Mitte-Links) und dem "Haus der Freiheit" (Mitte-Rechts) ist den sechs Senatoren-Sitzen für Auslanditaliener die entscheidende Rolle zugefallen, der künftigen Regierung von Romano Prodi eine Mehrheit zu garantieren.

Unter den neu gewählten Senatoren figuriert auch Claudio Micheloni, der seit über 45 Jahren in der Schweiz lebt. International bekannt für seinen sozialen und politischen Einsatz für die Immigranten aus Italien, hatte sich der Neuenburger auf der Liste des Mitte-Links-Bündnisses im europäischen Wahlkreis für den Senat eingetragen.

swissinfo: Die Umfragen, die bereits auf sicher einen ziemlich klaren Sieg des Mitte-Links-Bündnisses vorausgesagt hatten, sind überholt worden. Das Bündnis hat zwar gesiegt, aber sehr knapp. Wie haben Sie die lange Nacht der Wahlresultate verbracht?

Claudio Micheloni: Mit Angst und Bangen. Niemand rechnete mit so einem Ausgang. Man wusste, dass es knapp wird, aber nicht derart auf des Messers Schneide.

Das Wahlresultat zeigt klar, wie gespalten das Land ist. Die neue Regierung steht deshalb vor der schwierigen Aufgabe, in Italien die Einheit wieder herzustellen.

swissinfo: Politisch gesehen war das Wahlverhalten des Auslanditaliener ausschlaggebend, besonders was die Sitzverteilung im Senat betrifft. Sind Sie zufrieden mit der Rolle der Immigranten?

C.M.: Nein. Ich finde nicht, dass man stolz darauf sein muss. Es wirkt eher besorgniserregend. Es wiederspiegelt die Zerrissenheit des Landes. Letztlich fiel die politische Verantwortung auf uns Ausgewanderte, und zwar in viel stärkerem Ausmass, als wir dachten.

swissinfo: Sind Sie zufrieden mit der Wahlbeteiligung der Italiener im Ausland, insbesondere in der Schweiz?

C.M.: Was die Schweiz betrifft, bin ich äusserst zufrieden. Einer von zwei Italienern ging wählen. Aber auch weltweit erreichte die Quote der Wählenden 42%, was ich als sehr positiv erachte.

swissinfo: Was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich für die Wahlen zur Verfügung zu stellen?

C.M.: Meine Kandidatur ist eine Folge meines Einsatzes für die Immigranten seit Anfang der 70er-Jahre, als die Schwarzenbach-Initiativen aufkamen. Diese sahen eine Beschränkung der ausländischen Gastarbeiter vor, wurden aber vom Volk abgelehnt.

Ab 1998 habe ich meinen Beruf als Techniker im Bauwesen aufgegeben, um mich gänzlich den gesellschaftlichen und politischen Anliegen zu widmen.

swissinfo: Wie wird sich die Beziehung Italiens zu seinen Auswanderern ändern, wenn nun neu auch Parlamentarier gewählt werden können, die ausserhalb der Landesgrenzen leben?

C.M.: Für die Auslanditaliener besitzt dieser Wahlgang viel Gewicht. Er entspricht auch einer Kehrtwendung in der Beziehung zum Ursprungsland, weil sie endlich ihre Rechte wirksam einbringen können.

Auch für das Land selbst ist die Existenz von italienischen Parlamentariern mit Wohnsitz im Ausland von Bedeutung. Sie können viel zur Politik Italiens beitragen, dank ihrer anderen Art, politische Probleme anzugehen.

swissinfo: Wie lässt sich während Ihres Parlaments-Mandats Ihre Schweizer Kultur miteinbringen?

C.M.: Mein helvetischer Rucksack dürfte in verschiedenen Bereichen einzubringen sein. Zum Beispiel beim Respekt vor Minderheiten oder bei den langjährigen Erfahrungen mit der Integration von Ausländern.

Aus dem politischen Kultur-Fundus der Eidgenossenschaft werde ich natürlich in erster Linie die Konsens-Suche nach Italien bringen, ausserdem die Problemdiskussion auf pragmatischer statt ideologischer Basis – immer mit Blick auf das Interesse des Gemeinwohls.

swissinfo: Ist es denkbar, dass Italiener nur wenig an das Schliessen von Kompromissen gewöhnt sind? Es gibt ja bereits jetzt Stimmen, die Italien künftig als unregierbar bezeichnen.

C.M.: Ich weiss nicht, inwiefern sich Italien als regier- oder unregierbar erweisen wird. Ich wünsche mir jedenfalls, dass dieser sehr ausgeglichene Wahlausgang die Mitte-Links-Koalition nicht schwächt, sondern stärkt.

Sicher dient das Wahlresultat allen als eine Lektion. Es wird die Politiker zum Nachdenken anspornen, damit sie sich klar werden, wie nötig etwas mehr Bescheidenheit für sie wäre. Sowohl im Umgang mit Minderheiten als auch mit der Meinung von anderen.

Die Wahlen haben für Aufregung gesorgt, die sich in Zukunft als nützlich erweisen könnte.

swissinfo, Anna Passera
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)

In Kürze

Claudio Micheloni ist 1952 in Camli in den Abruzzen geboren. Seit 1960 lebt er in der Schweiz.

Vor seinem beruflichen Engagement im sozialen und politischen Bereich war Micheloni als Zeichner und Planer in einem Bauamt tätig.

Seit 1997 ist er Präsident der Federazione Colonie Libere Italiane in der Schweiz und seit 2002 Generalsekretär des Forums für die Integration der Migrantinnen und Migranten.

Micheloni ist Leitungsmitglied der Democratici di sinistra (Linksdemokraten) in der Schweiz. Er präsidiert die Kommission "Staat – Region – Autonome Provinzen des Generalrates der Italiener im Ausland".

Zudem ist Micheloni Mitglied der nationalen Direktion der Federazione Italiana Emigrazione Immigrazione (Verband Emigration und Immigration) sowie der Federazione Italiana dei Lavoratori Emigrati e Famiglie (Verband der emigrierten Arbeiter und Familien).

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Fakten

International in den Wahllisten eingetragene Auslanditaliener gibt es 3'520'809.
Davon sind in der Schweiz 374'680 in den Wahllisten eingetragen.
Insgesamt leben in der Schweiz eine halbe Million Italiener.
Zum ersten Mal haben die Auslanditaliener 12 Abgeordnete und 6 Senatoren gewählt.
In der Schweiz haben 50,4% der in den Listen eingetragenen Italiener gewählt.
Sitzverteilung Senat: 159 Union, 156 Mitte-Rechts.
Abgeordneten-Kammer: 340 Sitze für die Union, 277 für Mitte-Rechts.
Aus der Schweiz wurden gewählt: Claudio Micheloni, Unione, in den Senat, Franco Narducci, Unione, und Antonio Razzi, Lista di Pietro, in die Kammer.

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