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"Paul Klee war vor allem ein Beobachter"

Paul und Lily Klee in Dessau 1933 kurz vor ihrer Rückkehr in die Schweiz. ZPK/Schenkung fam. Klee/Franz Aichinger

In seinen Tagebüchern hat Paul Klee zahlreiche Zeugnisse über seine Arbeit, seine Persönlichkeit, seine Nächsten und seine Zeit hinterlassen.

Dieser Inhalt wurde am 21. April 2005 - 16:39 publiziert

swissinfo wollte mehr erfahren über den Künstler. Ein Gespräch mit Christine Hopfengart, Konservatorin im Zentrum Paul Klee.

swissinfo: Als Sohn eines Musiklehrers und einer Sängerin wurde Klee dazu erzogen, ebenfalls eine musikalische Laufbahn einzuschlagen. Mit sieben Jahren lernte er Geige spielen, mit elf war er bereits Mitglied des Berner Symphonie Orchesters. Trotzdem wählte er schliesslich die Malerei. Warum?

Christine Hopfengart: Während seiner Schulzeit entwickelte Klee sich zunächst in beide Richtungen, die musikalische und bildnerische. Neben dem Geigenspiel begann er schon früh zu zeichnen.

Wäre er Musiker geworden, hätte er den von den Eltern vorgezeichneten Weg eingeschlagen. Er wandte sich aber der Malerei zu und befreite sich damit zugleich vom Elternhaus. Sein Vater, ein Mann von klaren Überzeugungen, schien von Klees bildnerischem Schaffen nie ganz überzeugt.

Zudem wählte Klee die Malerei, weil er in der Musik immer nur Interpret geblieben wäre, da er nicht selbst komponierte. In der bildenden Kunst dagegen konnte er schöpferisch tätig sein und seine Persönlichkeit frei entwickeln.

swissinfo: Der grosse Mann der Kunst-Avantgarde war sehr konservativ was die Musik betraf. Ein Widerspruch?

C.H.: Das ist richtig. Während er der modernen Musik, etwa der von Arnold Schönberg, skeptisch gegenüber stand, betrachtete Klee Bach und Mozart als seine musikalischen Überväter. In ihrem Werk sah er die künstlerische Entwicklungsform der Musik vollendet. Später schrieb Klee, es gebe dieser Vollendung nichts hinzuzufügen, und er habe die bildende Kunst gewählt, weil sie weniger weit entwickelt sei. An ihrer Vollendung habe er mitarbeiten wollen.

swissinfo: Die Bilder von Klee sprechen auch Kinder sehr stark an, und er selbst setzte sich immer wieder mit dem Wesen des Kindes auseinander. Er sei selbst Kind geblieben, schrieb er. Was meinte er damit?

C.H.: Klee hatte wohl nichts Kindliches an sich, er war ein Intellektueller. Er war aber von dem kreativen, fantasievollen und unkonventionellen Wesen der Kinder fasziniert. In der Kindheit sah er eine ideale Welt, die noch nicht durch kulturelle Konventionen verformt war. Kinderzeichnungen zeigten ihm, was er selbst anstrebte, nämlich die Überwindung der akademischen Tradition und Konvention.

swissinfo: Klees Blick auf sein politisches und gesellschaftliches Umfeld war distanziert und skeptisch. Er hatte eine unerbittliche Seite. Vielen Zeitgenossen erschien er dadurch auch geheimnisvoll.

C.H.: Weil Klee sehr zurückhaltend in seinem Auftreten war, hielten ihn viele Leute für mysteriös. Er selbst hatte dieser Mystifizierung Vorschub geleistet, indem er sich öffentlich als einen Künstler bezeichnete, der "diesseitig gar nicht fassbar" sei.

Ich würde eher sagen, dass Klee vor allem ein Beobachter war. Er analysierte die Natur, seine Mitmenschen und vor allem sich selbst. Sein Blick war präzise und sachlich, oft auch schonungslos. In jüngeren Jahren fiel sein Urteil über andere oder sich selbst oft scharf und moralisch gefärbt aus, später überwog der ihm eigene feine Humor.

swissinfo: Von den Nazis als "entarteter" Künstler verschrien und vertrieben, floh Klee 1933 in die Schweiz. Wie hat er sein Exil verkraftet?

C.H.: Obwohl es nicht viele schriftliche Zeugnisse darüber gibt, glaube ich, dass Klee darunter sehr gelitten hat. Man muss sich vergegenwärtigen: Klee stand bei der Machtergreifung der Nazis auf dem Höhepunkt seiner Karriere. In Deutschland war er berühmt. Obwohl er mit seiner Kunst nicht nur auf Zustimmung stiess, sprachen die Zeitungen oft von ihm, und er verkaufte viele Bilder. Nun musste er unvermittelt das Land verlassen, in dem er als wichtiger Repräsentant der Avantgarde galt.

Er verlor, wie er es selbst ausdrückte, seine geistige Heimat, als er in die Schweiz emigrierte. Hier fand er keinen Ersatz für die freie und lebendige Kunstszene, wie er sie in Deutschland erlebt hatte. Nach seiner Rückkehr erlitt er eine künstlerische Krise, die dazu führte, dass er in seinen Bildern zunächst vermehrt alte Themen aufgriff, bevor er wieder Neues entwickelte.

swissinfo: 1935 erkrankte Klee an einer seltenen Krankheit, der er fünf Jahre später, im Alter von 60 Jahren, erlag. Wie wirkte sie sich auf sein künstlerisches Schaffen aus?

C.H.: Sehr stark. 1936 realisierte er nur gerade 25 Werke – so wenig wie nie zuvor. Es war der Tiefpunkt seiner Karriere. Kurz darauf kehrte jedoch sein Lebenswille zurück. Er entwickelte neuen kreativen Elan, der sich zu einem regelrechten Schaffensrausch steigerte. Allein 1939 entstanden über 1000 Arbeiten. Es war, als ob die Krise ihm einen neuen Start ermöglicht hätte.

swissinfo: Klee verbrachte zwar die Hälfte seines Lebens in der Schweiz, aber er ist als Deutscher gestorben - kurz vor seiner Einbürgerung. Wie war seine Beziehung zur Schweiz?

C.H.: Wohl eher zwiespältig. Klee hatte einerseits eine enge Bindung an die Stadt Bern und seine Familie, andererseits aber fühlte er sich hier eingeengt. Gleichwohl kehrte er in den Ferien immer hierher zurück.

Ein Grund dafür war wohl auch die Landschaft, mit der er sich stark identifizierte und in der er gerne herumwanderte. Trotzdem war ihm das Leben in Bern zu ruhig und "ewigbürgerlich".

swissinfo-Interview, Isabelle Eichenberger
(Übertragung aus dem Französischen: Nicole Aeby)

Fakten

Paul Klee kommt am 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee bei Bern zur Welt.

1898 zieht er nach München, um an der Kunstakademie zu studieren.

1906 heiratet er die Pianistin Lily Stumpf. Ihr Sohn wird 1907 geboren.

1916 wird er von der deutschen Armee eingezogen. Als Reservist hat er die Musse, um weiter zu malen.

1920 wird er als Professor ans Bauhaus in Weimar berufen.

1931 nimmt er eine Professur an der Düsseldorfer Akademie der Künste an.

1933, nachdem ihn die Nazis aus dem Schuldienst entlassen haben, kehrt er mit seiner Frau in die Schweiz zurück.

Am 29. Juni 1940 stirbt Paul Klee in Locarno-Muralto an den Folgen einer seltenen Krankheit.

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