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"Plötzlich verwandelt sich die Angst in Kraft"

Fussballer Johan Djourou und Skirennfahrerin Lara Gut haben ihr Gesicht und ihren Prominenten-Status der Stop-Aids-Kampagne zur Verfügung gestellt.

Immer noch infizieren sich jedes Jahr hunderte Menschen in der Schweiz mit dem HI-Virus. Seit einem Vierteljahrhundert hilft die Aids-Hilfe Schweiz Betroffenen und macht mit zum Teil frechen Kampagnen Prävention.

"Ich habe HIV von meinem Exfreund, der drogensüchtig war. Obwohl er positiv getestet wurde, hat uns das nicht sehr gestört und wir hatten zwei, drei Mal ungeschützten Verkehr - aus verschiedenen, unvernünftigen Gründen", erzählt Romy Mathys. 1986 erhielt sie die Diagnose HIV-Positiv.

Die Luzernerin hat sich über Jahre in der Aids-Prävention engagiert, namentlich bei Jugendlichen. "Ich erzähle den Jugendlichen, dass ich meinte, 'mich erwischt es nicht'. Aber ich habe mich so infiziert."

Für sie ist klar, dass eine Stopp-Aids-Kampagne via Medien alleine nicht ausreicht. "Es braucht uns HIV-Positive, die den Mut haben, das unseren Familien, den Menschen am Arbeitsplatz zu sagen. Indem wir dazu stehen, HIV-positiv zu sein, geben wir den anderen die Möglichkeit, uns als HIV-Positive zu akzeptieren."

Ein Stück menschlicher

Dies ermögliche der Gesellschaft, wieder ein Stück menschlicher zu werden. "Man beurteilt eine Gesellschaft ja auch daran, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Und im Moment, in dem ich erfahren hatte, dass ich HIV-positiv bin, bis hin zu dem Moment, wo ich mich langsam getraut habe, das öffentlich zu sagen, war ich ein sehr schwaches Mitglied dieser Gesellschaft", erinnert sich Romy Mathys.

"HIV hat mich aber auch geheilt. Durch die Auseinandersetzung mit der Angst habe ich gelernt, sie zu bezwingen. Am meisten Angst hatte ich, dass es meine Eltern erfahren würden, dass mein Arbeitgeber, ja dass die ganze Welt das erfährt."

Und dann sagte sie sich: "Ja, und? Ich bin immer noch da, die Menschen mögen mich immer noch, und das Leben geht weiter. Das hat mich stark gemacht. Wie in einem Märchen, wo der Held plötzlich seine Angst überwindet. Und plötzlich verwandelt sich die Angst in Kraft."

Verändertes Bild der Krankheit

Das Bild von HIV/Aids habe sich in den letzten 25 Jahren zum Teil verändert, sagt Bettina Maeschli, Mediensprecherin von Aids-Hilfe Schweiz, gegenüber swissinfo.ch.

"Wir beobachten, dass die Menschen, die in den 1980er-Jahren mit dem Thema aufgewachsen sind, oft immer noch das alte Bild von Aids im Kopf haben: Aids gleich Krankheit, Tod."

Auf der anderen Seite neige die junge Generation eher zu einer Verharmlosung, erklärt Maeschli. "Man hört oft, dass HIV heute doch heilbar sei, oder dass es eine Impfung gegen das HI-Virus gebe. Beides ist nicht der Fall. Man trägt das HI-Virus immer im Körper, wenn man es mal hat. Auch eine Impfung ist nicht in Sicht", stellt sie klar.

Wichtige Kampagnen

Offenbar erfolgreich waren die Kampagnen, welche die Aids-Gefahr beim Konsum von harten Drogen thematisierten, besonders durch den Mehrfachgebrauch von Injektionsspritzen: Heute stecken sich nur noch sehr wenige Menschen beim Hantieren mit Spritzen an.

Auch die Kampagnen, welche direkt Homosexuelle ansprechen, scheinen erfolgreich zu sein. Die Zahl der Ansteckungen bei Schwulen war 2009 erstmals seit 2001 rückläufig.

Kampf gegen die Gleichgültigkeit

Die Aids-Hilfe Schweiz steht heute vor neuen Herausforderungen. "Die grosse Herausforderung der aktuellen 'Love Live Stopp-Aids-Kampagne' ist der Kampf gegen die Abstumpfung", sagt Bettina Maeschli.

"Wir müssen verhindern, dass HIV und Aids in Vergessenheit geraten oder verharmlost werden, dass sich die Leute nicht mehr vor HIV schützen."

Dies sei umso schwieriger, als dass man immer noch dieselbe Botschaft habe wie vor 25 Jahren. "Wir versuchen das umzusetzen ohne Schockbilder. Die bringen nichts, wie verschiedene Studien zeigen. Wir möchten ein positives Bild der Sexualität vermitteln und die Botschaften mit Witz und etwas frech an den Mann, bzw. die Frau bringen."

Weiterhin Diskriminierungen

Offenbar werden HIV-positive Menschen auch heute noch diskriminiert. "Da sind wir kaum weiter als vor 25 Jahren", bedauert Maeschli. "Das Problem hat sich sogar noch verschärft, weil die Betroffenen heute oft arbeiten."

Rund 70% der HIV-positiven Menschen in der Schweiz sind heute erwerbstätig. Die meisten davon als Vollzeitangestellte. "Sie müssen viele Hürden überwinden. So kann es vorkommen, dass sie von Krankentaggeld-Versicherungen nicht akzeptiert werden, oder es geschehen Datenschutz-Verletzungen am Arbeitsplatz", so Maeschli.

Für Romy Mathys ist es sehr wichtig, trotz HIV ein normales Leben führen zu können. Dabei helfen ihr auch neue, bessere Medikamente. "Wichtig ist aber auch, dass ich an die regionale Aids-Hilfe gelangen kann, wenn ich in irgendeiner Weise Unterstützung brauche. Ich wurde jahrelang therapeutisch begleitet. Ich weiss nicht, ob es mich ohne Aids-Hilfe noch gäbe."

Etienne Strebel, swissinfo.ch

Mortalität

Bei den 15 bis 59-Jährigen ist HIV/Aids weltweit die häufigste Todesursache.

Bisher sind über 20 Mio. Menschen an einer HIV-Infektion gestorben, 2008 allein rund 2 Mio.

Infolge verbesserter Behandlungsmethoden sterben in der Schweiz immer weniger Menschen an HIV/Aids.

1994 waren es 686 Tote, seit 2001 sind es weniger als 100 pro Jahr.

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Infektionswege

2008 infizierten sich weltweit rund 2,7 Mio. Menschen mit dem HIV-Virus.

- 48% Heterosexueller Geschlechtsverkehr

- 45% Homosexueller Geschlechtsverkehr

- 5% Drogenspritzen

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Aids-Hilfe Schweiz

Die Aids-Hilfe Schweiz (AHS) wurde vor 25 Jahren in Zürich gegründet - von einer Handvoll direkt Betroffenen und besonders Engagierten.

Inzwischen hat sie nationale Bedeutung erlangt: Sie ist zu einem Dachverband mit 21 kantonalen oder regionalen Aids-Hilfen sowie 42 weiteren im Bereich HIV/Aids tätigen Organisationen angewachsen.

Die AHS plant, koordiniert und realisiert
Präventionsprojekte zur Bekämpfung von Aids und anderer sexuell übertragbarer Krankheiten.

Ein weiteres Anliegen der Non-Profit-Organisation: Infizierten und Erkrankten im täglichen Leben beizustehen und ihre Bedürfnisse und Rechte zu verteidigen.

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