"Seine moralische Autorität ist Vergangenheit"

Vaclav Havel und Gattin Olga 1989 in ihrem Ferienhaus im Riesengebirge. AFP

Zu den Menschen, die in Prag den Dramatiker und Bürgerrechtler Vaclav Havel feierten, gehört auch Helena Kanyar-Becker. Als Präsident habe Havel, der am Sonntag gestorben war, seine moralische Strahlkraft nach und nach verloren, erzählt sie.

Dieser Inhalt wurde am 19. Dezember 2011 - 18:07 publiziert
swissinfo.ch

Als Dramatiker sei Havel immer auch humorvoll gewesen, sagt die Slawistin, Journalistin und Buchautorin Helena Kanyar-Becker, die 1969 in die Schweiz geflüchtet war.

Weshalb Havels Amtszeit als Präsident erst der Tschechoslowakei und dann der Tschechischen Republik zunehmend in einen dramatischen Verfall seiner moralischen Autorität mündete, davon erzählt Helena Kanyar-Becker im Interview.

swissinfo.ch: Sie haben Vaclav Havel als junge Studentin in Prag persönlich getroffen. Welchen Eindruck hatte er auf Sie gemacht? 

Helena Kanyar: In den 1960er-Jahren besuchte ich regelmässig das 'Theater am Geländer', das für uns junge Studentinnen und Studenten eine Kultstätte war. Ich habe dort alle Aufführungen der Dramen Vaclav Havels gesehen.

So auch das Stück "Das Gartenfest", das 1963 uraufgeführt worden war. Es war ein absurdes Stück über Funktionäre, das wie eine Bombe einschlug. Ich weiss nicht mehr, wie oft ich das Stück insgesamt gesehen hatte.

swissinfo.ch: Beschreiben Sie uns die Atmosphäre bei diesen Vorstellungen.

H.K.: Es war eine sehr intime Atmosphäre, schon nur in den Besitz eines Tickets zu kommen, war ein Kunststück. Das Foyer war jeweils vollbesetzt mit rauchenden jungen Menschen, und Herr Vaclav stand auf der Treppe, auch er rauchend, und winkte uns zu. Seine Frau Olga, die eine schöne und schlanke Frau war, betreute die Garderobe. Auch sie rauchte dauernd.

Der Theaterraum, der vielleicht 250 Plätze zählte und stets übervoll war, war geprägt von einem 'kochenden Einverständnis' zwischen Bühne und Publikum. Wir haben auch sehr viel gelacht.

'Das Gartenfest' war nicht nur absurd und voller Humor, es war auch philosophisch. Hugo, der anpasserische 'Held', sagte darin den Satz 'Anpassung ist die gesunde Philosophie der mittleren Schichten, ohne sie gibt es keine Zukunft'. Mit dem Stück verhöhnte Havel die Anpasser. Das war genau, was wir hören und sehen wollten. 

swissinfo.ch: Ging man nach den Vorstellungen noch in ein Restaurant, um mit Havel über seine Stücke zu diskutieren? 

H.K.: Nein, es gab eine Art Trennwand zwischen Herr Vaclav und uns. Er hat sich uns stets nur lächelnd und rauchend gezeigt. Wir wagten es nicht, ihn anzusprechen, wir waren zu jung. Er war eine Art 'Heiliger', den wir sehr verehrten. Auch seine Frau Olga war, abgesehen von 'Dankeschön', nicht sehr gesprächig. Aber es war eine wunderbare Atmosphäre.

swissinfo.ch: Hatte auch sein Buch 'Briefe an Olga', die er aus dem Gefängnis schrieb, dieselbe Sprengkraft wie seine Stücke? 

H.K.: Das Buch erschien 1983 und wurde in Prag von einer kleinen Gruppe im Samisdat herausgegeben. Wir hatten es damals alle gelesen. Für uns war das Buch das Symbol eines Politikers und Philosophen.

Im Westen erschienen die Briefe im Exilverlag Sixty-Eight Publishers, den Josef Škvorecký in Toronto/Kanada gegründet hatte. Richtig bekannt wurde das Buch in Tschechien erst nach der Wende. Erst dann wurden die Briefe als eine Rückblende auf seine Zeit im Gefängnis rezipiert.

Sixty-Eight brachte nach der Charta 77 auch die Sammlung seiner politischen Essays 'Moc bezmocnych' heraus, zu deutsch 'Die Macht der Entrechteten.

Havel war eine Symbolfigur. Einmal als Dramatiker, der auch im Westen sehr erfolgreich war, dann natürlich als Figur des politischen Widerstandes. Er war sehr mutig, etwa, indem er einen offenen Brief an den damaligen Präsidenten Husak geschrieben hatte. Für seinen Mut büsste Havel mit insgesamt fünf Jahren Gefängnis.

swissinfo.ch: Havel wurde als "letzter Moralist Europas" gewürdigt. Sein unbeugsamer Wille zu einem friedlichen Widerstand erinnert an Nelson Mandela. Teilen Sie diese Sicht? 

H.K.: Er war ein grosser Moralist, und als solcher die Stütze der Dissidenten. Aber nach der 'Samtenen Revolution' von 1989 wurde er vom bewunderten Moralisten zum verhassten Moralisten. Er hatte seine Ideale, wie die Menschen in Wahrheit zu leben hatten. Jeden Sonntag redete er dem Volk ins Gewissen. Aber nach der Wende wollten die Leute keine Moralpredigten mehr hören, denn der Kommunismus war durch den Konsumismus ersetzt worden.

Sein unerschütterlicher moralischer Standpunkt machte ihn vom beliebtesten zum unbeliebtesten Politiker. Havel litt unter dem Gorbatschow-Syndrom: Wie der letzte sowjetische Parteichef wurde Havel im Westen verehrt, in der Heimat aber immer weniger geachtet. Seine letzte Wahl zum Präsidenten schaffte er nur dank der Mehrheit einer einzigen Stimme.

swissinfo.ch: Leitete also der Fall des Eisernen Vorgangs das Ende seiner moralischen Leuchtkraft ein?

H.K.: Ja, nach und nach. Als er krank wurde, hat die Bevölkerung noch mitgelitten und für ihn gebetet. Aber am Ende seiner Präsidentschaft 2003 waren die Sympathien weg.

Der Abstieg begann 1997 mit der Heirat einer Schauspielerin, und das nicht einmal ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau Olga. Die zweite Frau hat sich aufgeführt wie eine Schmierenkomödiantin. Sie zelebrierte die Rolle der First Lady mit so viel Bombast und geschmacklos, dass man sich wie in einem schlechten Theaterstück wähnte.

Das machte sie dermassen unbeliebt, dass es sogar eine Plakatkampagne gegen sie und Havel gab. Zudem war er krank und stand unter Medikamenten, er war nicht mehr derselbe.

swissinfo.ch: Welches Erbe hinterlässt Vaclav Havel, als Literat, als Politiker?

H.K.: Der Mythos Havel wird jetzt nach seinem Tod wiederbelebt. Sein Tod wird beweint, die Menschen sind persönlich berührt, auch mich hat sein Tod mitgenommen. Aber die Zeiten haben sich geändert, seine moralische Autorität ist Vergangenheit.

Vaclav Havel

1936 in Prag geboren, Familie aus Grossbürgertum.

Unter den Kommunisten durfte Havel kein geisteswissenschaftliches Studium machen.

1958 Einstieg als Bühnentechniker am 'Theater am Geländer' in Prag.

Dort 1963 Uraufführung von 'Das Gartenfest' einem seiner ersten Stücke.

Auf der Bühne stellte der Dramatiker insbesondere die anpasslerische Mittelschicht bloss, die sich mit dem Regime der Kommunisten arrangierten.

Damit legte er einen Grundstein zum Prager Frühling, der 1968 durch die Truppen des Warschauer Pakts blutig niedergeschlagen wurde. Seine Stücke wurden verboten.

Havel kritisierte Präsident Husak öffentlich und gehörte 1977 zu den Initianten der Charta 77. Dafür wanderte er für fünf Jahre ins Gefängnis.

Dort schrieb die 'Briefe an Olga', die seine Ehefrau war.

1989 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Er zählte zu den zentralen Figuren der 'Samtenen Revolution' und wurde Ende 1989 zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt.

1993 wurde er Präsident der Tschechischen Republik.

1996 Tod von Gattin Olga. 1997 Heirat der Schauspielerin Dagmar Veškrnová.

2003 Ende der zweiten Amtszeit.

Er hatte mehrere Male zu den Nominierten für den Friedensnobelpreis gehört.

In den letzten Jahren war Havel zunehmend von seiner schweren Lungenkrankheit gezeichnet.

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Helena Kanyar-Becker

Geboren 1943.

Studium der Bohemistik, Geschichte und Literaturwissenschaft an der Prager Karlsuniversität danach Tätigkeit als Journalistin.

1969 Flucht in die Schweiz, Studium an der Universität Zürich in Slawistik, Geschichte Osteuropas und Kunstgeschichte.

Fachreferentin der Universitäts-Bilbliothek Basel von 1978 bis 2008. Arbeit als Journalistin u.a. als Osteuropa-Spezialistin für die Basler Zeitung (1990-2005) sowie für andere Medien.

Bis heute Tätigkeit als Schweizer Korrespondentin für Zeitungen in Prag.

Im September 2010 erhielt die Historikerin, Slawistin und Kunsthistorikerin Helena Kanyar-Becker den Wissenschaftspreis der Stadt Basel.

Geehrt wurde sie für ihre "herausragenden und von der Öffentlichkeit viel beachteten Arbeiten und Ausstellungen über die schweizerische Flüchtlingspolitik und die humanitäre Schweiz".

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