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"Weihnachten ist alles andere als romantisch"

Der Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, warnt vor fremdenfeindlichem Diskurs.

(Keystone)

Eigentlich, erklärt Martin Werlen, der Abt des Klosters Einsiedeln, sei Weihnachten ein von Ablehnung gezeichnetes, dramatisches Ereignis.

Kritik übt der Abt an Politikern und auch an kirchlichen Kreisen, die Hass gegenüber Ausländern und anderen Religionen schüren.

Der vor zwei Jahren zum Abt des Benediktiner-Klosters von Einsiedeln (Kanton Schwyz) gewählte Martin Werlen wurde rasch zum begehrten Gesprächspartner nicht nur in Sachen Religion, sondern auch für ethische, moralische und soziale Fragen.

Der 41-jährige Intellektuelle mit seinem feinen Sinn für Humor lässt sich auf den Dialog und die Diskussion ein – auch mit Gläubigen, die an der Kirche zweifeln oder mit Angehörigen anderer Religionen. In umstrittenen Fragen wie dem Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität vertritt Werlen jedoch die offizielle, konservative Haltung.

Dem Abt ist es ein Anliegen, dass Spannungen, die für ihn zum Leben gehören, in konstruktiver Weise angegangen werden. Sorge macht ihm aber die jüngere politische Entwicklung in der Schweiz, wie er im Interview mit swissinfo erklärt.

swissinfo: Weihnachten ist heute begleitet von viel Kommerz. Überspitzt gesagt könnte man von einer Zeit der Liebe in einer lieblosen Zeit sprechen. Wie sehen Sie die Dinge?

Martin Werlen: Weihnachten hat auch heute noch einen Stellenwert, es ist zumindest eine Zeit der freien Tage. Die Bedeutung des Festes hat sich allerdings gewandelt. Mehr Mühe als der Kommerz macht mir die ganze Romantik. Denn Weihnachten ist im Grunde alles andere als romantisch.

Ein Kind wird geboren, das ist phantastisch. Es ist Gott, der auf die Welt kommt – und Mensch wird, um den Menschen zu sich zu holen. Doch die Menschen sind nicht bereit für dieses Geschenk, wie es dann im Johannes-Evangelium heisst: "Aber die Seinen nahmen ihn nicht auf."

Oder wie es Edith Stein (Karmeliterin jüdischen Ursprungs, die 1942 in Auschwitz ums Leben kam, NdR.) umschrieb: "Über der Krippe leuchtet schon das Kreuz auf."

Und diesen Aspekt haben wir heute schon etwas verdrängt. Weihnachten ist eigentlich ein dramatisches Ereignis.

Hinter dem Austausch von Geschenken steckt ein tief christlicher Gedanke. Problematisch wird es, wenn wir ein Geschenk nicht aus Liebe machen, sondern aus Zwang, wenn das Schenken berechnend wird.

swissinfo: Sie hatten letzten Sommer die erste Wallfahrt für Menschen organisiert, die im Clinch mit der Kirche stehen. Welche Bilanz ziehen sie heute?

M.W. Die Wallfahrt war wohl für alle Beteiligten eine Bereicherung. Wir durften erfahren, dass wir nicht Angekommene sind, sondern Menschen auf dem Weg. Und das ist eine Spannung. Die christliche Botschaft selber ist spannend. Diesen Clinch erfahre ich jeden Tag, zum Beispiel wenn ich jemanden um Vergebung bitten muss.

Das Problem ist, dass der Mensch die Tendenz hat, Spannungen aus dem Weg zu gehen. Durch dieses Harmoniebedürfnis werden viele Dinge abgeschliffen, verlieren ihre Anziehung.

Wer sich aber der Spannung stellt, und dies taten viele der Menschen, die sich an der Pilgerfahrt beteiligten, der lässt sich auf die Auseinandersetzung ein. Wo Spannung ist, ist Leben.

swissinfo: Für viele Gläubige sind aber heute die Spannungen, die sie spüren – aufgrund der Kirchen-Hierarchie oder der von Rom auferlegten Botschaften – so gross, dass sie ihren Austritt aus der Kirche geben.

M.W: Wie gesagt, wenn ich Spannung nur als etwas Negatives erlebe und einfach aussteige, ist das kein konstruktiver Vorgang. Mit unserer Wallfahrt haben wir ein Forum geschaffen, in dem Menschen lernen können, mit Spannungen im Glaubensleben auf konstruktive Weise umzugehen.

Es braucht auch etwas Mut, den eigenen Glauben kritisch zu hinterfragen.

swissinfo: Wo platzieren Sie die katholische Kirche in der heutigen Schweiz, in der andere Religionen und Glaubensrichtungen viel mehr Raum einnehmen als früher?

M.W.: Diese Veränderungen hängen mit verschiedenen Phänomenen zusammen, wie zum Beispiel der Immigration. Ich betrachte dies nicht als Bedrohung. Mich hat noch nie ein Moslem gehindert, Christ zu sein, im Gegenteil. Der Austausch zwischen den Religionen ist etwas sehr Fruchtbares – und eine Herausforderung, unseren Glauben überzeugt zu leben.

Vor nicht sehr langer Zeit hat mir ein führender Moslem in der Schweiz gesagt, das grösste Problem für den interreligiösen Dialog im Lande sehe er darin, dass die Christen nicht den Mut hätten, zu ihrem Glauben zu stehen. Und ich glaube, diese Aussage ist sehr zutreffend.

Was uns Angst machen muss, sind nicht fremde Religionen, sondern die Gleichgültigkeit gegenüber unserem eigenen Glauben.

swissinfo: Wäre es nicht an der Kirche, sich der Herausforderung zu stellen und dafür zu sorgen, dass die Menschen keine Angst vor dem Islam haben?

M.W.: Zwischen Amtsträgern und Theologen verschiedener Religionen gibt es einen intensiven Dialog. Aber Sie haben Recht, bei vielen Menschen gibt es diese Ängste. Und sie werden zum Teil auch bewusst geschürt, von fundamentalistischen Gruppierungen und auch von Politikern, die von diesen Ängsten leben.

Was können wir tun, um den Leuten diese Angst zu nehmen? Wichtig sind persönliche Begegnungen und das Gespräch mit Menschen anderen Glaubens. Wir müssen uns der Konfrontation stellen, aber in positiver und geduldiger Weise.

Denn jedes Mal, wenn zum Beispiel ein Anschlag passiert, werden Vorurteile bekräftigt. Radikale Gruppierungen, seien sie nun christlich oder islamisch, sind nie "die alleinigen Vertreter" ihrer Religion, sondern Verzerrungen.

swissinfo: Gewisse Fragen, etwa das Tragen des Schleiers, sorgen immer wieder für Polemik. Kann man dem Problem mit dem Aufruf nach Toleranz allein begegnen?

M.W.: Das Problem ist, dass wir heute, wenn wir von Toleranz sprechen, oft "Gleichgültigkeit" meinen. Alles ist gleichgültig. Mit dieser Art Toleranz, die nichts mit dem Christentum zu tun hat, habe ich Mühe. Warum bin ich Christ, wenn alles egal, profillos ist?

Toleranz bedeutet nicht Profillosigkeit, sondern Respekt vor einer anderen Überzeugung. Ich kann eine andere Meinung ablehnen, niemals aber den Menschen, der andere Ansichten hat als ich.

swissinfo: Der Ton der politischen Debatte hat sich verschärft, das Klima ist rau, Politiker schlagen mit Ausdrücken wie "Scheininvalide" oder "Schein-Asylant" um sich. Macht Ihnen dieses Vokabular Sorge?

M.W.: Es beunruhigt mich immer, wenn man Menschen nicht mehr als Menschen wahrnimmt, sondern als Gefahr. Ich denke, gerade die Politiker müssten sich dieser Tendenz entgegenstellen. Ein Staat kann nicht auf negativen Vorzeichen und Gefahrenszenarien aufbauen.

Und Solidarität wird immer wichtiger. Die Schweiz kann nicht mehr, wie das früher der Fall war, eine Insel sein. Heute sind wir eingebunden in Europa und in den Rest der Welt.

Wir alle profitieren von Ländern und von Menschen, denen es – auch hier in der Schweiz – nicht gut geht. Es ist unsere Verantwortung, dazu beizutragen, dass es auf dieser Welt mehr Gerechtigkeit gibt. Und das können wir nicht, indem wir einfach die Grenzen schliessen und sagen, Hauptsache, uns geht es gut.

Ich denke, jeder Politiker, der sich diesem Anliegen nicht irgendwie stellt, der kann vielleicht kurzfristig Erfolg haben, aber langfristig ist dies kein Weg.

swissinfo: Was ist Ihrer Ansicht nach der Grund für die Verluste der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP), die in den letzten Jahren viel an Terrain verloren hat?

M.W.: Wenn man die Parteiengespräche der letzten Monate verfolgt hat, war schon erschreckend, dass eigentlich nur noch eine Person im Vordergrund stand. Über Werte, über Perspektiven oder darüber, wie man den Ängsten der Menschen begegnen könnte, gab es kaum einen Diskurs.

Eine politische Partei, welcher Couleur auch immer, muss sich aber solchen Fragen stellen. Und ich denke, das ist auch das Problem der CVP.

Ich selber bin an keine Partei gebunden, setze mich aber für Werte ein, die meines Erachtens die Grundlage unseres Landes sind. Dazu gehört auch die Offenheit fremden Menschen gegenüber, ein Thema, das die Geschichte der Schweiz geprägt hat und prägt.

swissinfo-Interview: Rita Emch und Ariane Gigon Borman

In Kürze

Der Oberwalliser Martin Werlen wurde im November 2001 zum Abt des Klosters Einsiedeln gewählt. Der 1962 geborene Benediktiner-Mönch ist einer der jüngsten Äbte in der Geschichte des Klosters.

Sein Gelübde legte er 1984 ab, 1988 wurde er zum Priester geweiht.

Werlen ist Theologe, Psychologe und Lehrer. Seit 1988 war er als Lehrer an der Stiftsschule Einsiedeln tätig, ab 1998 zudem Präfekt des Internats Einsiedeln.

Im Kloster Einsiedeln leben heute unter Abt Martin 86 Benediktiner; Werlen ist zugleich Abt des Frauenklosters Fahr, wo rund 30 Nonnen leben. Einsiedeln/Fahr ist das weltweit einzige Benediktiner-Doppelkloster.

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