Afghanistan: "Nur Krieg und noch mehr Krieg"

Das Land und die Menschen sind von mehr als zwei Jahrzehnten Gewalt gezeichnet . Die Bevölkerung reagiert fatalistisch auf Drohungen aus den USA, das Land zu bombardieren, sollte es den gesuchten Terroristen nicht ausliefern.

Mir Dschan lässt die Finger langsam über die breite Narbe auf seiner Stirn gleiten. Eine weitere Narbe zieht sich als Zickzack-Linie über die seitlich verschobene Nase. Dann hebt er seinen Bart hoch, um eine weitere Naht zu zeigen, die fast von einem Ohr zum anderen reicht. Dschans Gesicht ist wie eine Landkarte der Tragödie, die Afghanistan erfasst hat.

Die Stirnwunde stammt aus der Zeit der sowjetischen Besetzung von 1979 bis 1989. Ursache der entstellten Nase ist die Explosion einer Bombe in der Zeit, in der die von den USA unterstützten Mudschahedin die Macht zu übernehmen suchten und sich dabei einen blutigen Bürgerkrieg lieferten. Allein in der Hauptstadt Kabul wurden bis zum Einzug der Taliban-Krieger im Jahr 1996 etwa 50'000 Menschen getötet, die meisten von ihnen einfache Einwohner.

"Erst sagten sie mir, ich würde keine Stunde überleben", erinnert sich Dschan an seine glückliche Lebensrettung. "Dann erklärten sie, ich würde bis zum Ende des Tages tot sein." Aber Dschan überlebte - nur um erneut verwundet zu werden. Die dritte Narbe am Hals zog er sich als Soldat der Taliban-Miliz im Kampf gegen die Nordallianz des gestürzten Präsidenten Burhanuddin Rabbani zu.

Jetzt kann Dschan sein weiteres Leben nur noch fatalistisch betrachten. "Wenn Gott bestimmt, dass Du um 10.00 Uhr sterben wirst, wird es keine zehn Minuten später sein." Und was könne man denn noch tun in Afghanistan? "Wir haben nichts, nur Krieg und noch mehr Krieg."

Fatalistisch in eine düstere Zukunft

Dieser Inhalt wurde am 18. September 2001 - 14:13 publiziert

Entsprechend schicksalsergeben verfolgen die meisten Afghanen auch die jüngste Krise nach den Terroranschlägen in den USA, für die der seit 1996 im Land lebende Araber Osama Bin Laden verantwortlich gemacht wird. "Was kann uns noch mehr passieren?" fragt Schukat Mir und streicht nachdenklich über seinen Bart. "Unser ganzes Land liegt schon in Trümmern."

Nach den Verwüstungen durch die Kriege von mehr als zwei Jahrzehnten, dem Zusammenbruch der Wirtschaft und der verheerenden Dürre in diesem Jahr sind nur noch die Ärmsten der Bevölkerung in Afghanistan zurückgeblieben. Wer über Bildung und Geld verfügt, hat das Land längst verlassen. Hunderttausende leben als Flüchtlinge in Pakistan und Iran, noch mehr haben Asyl in westlichen Ländern gesucht.

Mitten auf den von Raketeneinschlägen zerstörten Strassen in Kabul sitzen Frauen in ihren langen Burkas und betteln mit ausgestreckter Hand um Nahrung. Nach den strengen Gesetzen der Taliban dürfen sie nicht arbeiten. Aber vor einer Moschee tritt eine Frau hervor und spricht auf Englisch: "Bitte, ich bin keine Bettlerin, ich bin eine Englisch-Lehrerin. Können Sie mir eine Arbeit in der Provinz besorgen?"

Vier Millionen von Hungersnot bedroht

Vor einer der staatlich unterstützten Bäckereien, auf die zwei Drittel der eine Million Kabuler angewiesen sind, sitzt Schiva Bib und weint. Sie hat sechs Kinder, die sie zum Frühstück nur mit Brot und Tee ernähren kann. Sonst gibt es meist nur eine weitere Mahlzeit am Tag, etwas Suppe aus Kartoffeln. "Bitte, Sie müssen mir helfen", schluchzt die Mutter. "Die Welt muss uns helfen!"

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen schätzt, dass im bevorstehenden Winter bis zu vier Millionen Menschen in Afghanistan von Hunger bedroht sind. Allein in Kabul sind mehr als 750'000 Einwohner auf internationale Hilfe angewiesen um zu überleben. Aber in der vergangenen Woche sind alle Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen aus Kabul abgezogen worden. Die Hilfsprogramme sollen zwar fortgesetzt werden, aber in wesentlich kleinerem Rahmen.

Bisher brachten die WFP-Helfer jeden Monat Hunderte von Tonnen Getreide nach Afghanistan. Dies ist jetzt schlagartig beendet worden, weil Pakistan auf Wunsch der USA die Grenze zu Afghanistan geschlossen hat. Auch die anderen Nachbarstaaten haben ihre Grenzen geschlossen, weil sie den Zustrom von noch mehr Flüchtlingen verhindern wollen.

In Pakistan leben bereits zwei Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan, in Iran sind es 1,3 Millionen. Im Westen Afghanistans haben die Vereinten Nationen vier Lager für mehr als 200'000 Flüchtlinge eingerichtet. Im vergangenen Winter herrschten dort katastrophale Zustände, Hunderte Menschen erfroren. In den nächsten Monaten dürfte sich die Situation noch verschlechtern. "Wir sind sehr traurig hier in Afghanistan", sagt der Ladenbesitzer Gul Mohammed. "Alles stürzt immer auf uns unsere Köpfe herunter."

swissinfo und Kathy Gannon (AP)

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