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Agrar-Initiativen sprühen Gift und Galle übers Land

Scène de vandalisme presque ordinaire à l'approche de la votation du 13 juin sur les initiatives anti-pesticides. Union suisse des paysans

Morddrohungen, Beleidigungen, versprayte oder verbrannte Plakate: Im Abstimmungskampf über die beiden Agrar-Initiativen gehen die Wogen hoch. Das vergiftete Klima zeugt vom tiefen Unbehagen, das in der Schweizer Landwirtschaft herrscht.

Dieser Inhalt wurde am 20. Mai 2021 - 09:28 publiziert

"Meine Kinder leben in Angst. In den sozialen Medien sind sie seit Wochen Angriffen und Beleidigungen ausgesetzt. Sie haben mir verboten, auf meinem Hof ein Transparent für die Agrar-Initiativen aufzuhängen." Der Biobauer, der das erzählt arbeitet in einem kleinen Dorf im Schweizer Mittelland und ist sehr darauf bedacht, anonym zu bleiben, aus Angst vor Repressalien. "Mir persönlich macht es nichts aus, den ganzen Tag von Berufskollegen beleidigt zu werden, ich habe eine dicke Haut. Aber ich möchte meine Familie vor diesem Streit zwischen den Bauern schützen. Es ist wirklich schlimm geworden, ein Jammer", sagt er SWI swissinfo.ch.

Selten hat eine doppelte Volksabstimmung so viel Aufruhr in der Schweiz erzeugt. In den letzten Wochen gab es landesweit unzählige Vandalenakte, etwa dieser: Ein Anhänger mit einem "doppelten Nein" zu den Anti-Pestizid-Initiativen ging im Kanton Waadt in Flammen auf. Prométerre, der Waadtländer Verband zur Förderung der landwirtschaftlichen Berufe, prangerte das in einer Erklärung als "terroristischen Akt" an. Es trug nicht wirklich zur Beruhigung der Gemüter bei.

Dieser Anhänger mit Transparenten zu den Initiativen wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai in Villars-le-Grand im Kanton Waadt in Brand gesetzt. Union suisse des paysans

Die Transparente und Plakate, die überall auf dem Land wehen, werden oft heruntergerissen oder mit Tags versprayt. Davon betroffen sind sowohl das "Ja"- als auch das "Nein"-Lager der beiden Initiativen, die darauf abzielen, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft zu verbieten. Bundespräsident Guy Parmelin, der sich mit Fleiss für die "Nein"-Kampagne einsetzt, rief am vergangenen Wochenende zur Ruhe auf. "Gewalt führt nirgendwohin. Ich verlange, dass wir zurückfinden zu einer Diskussion über die Inhalte", plädierte der ehemalige Landwirt am Set des Schweizer Fernsehens RTS.

Wir haben über die beiden Initiativen ein Streitgespräch geführt. Sie können die Highlights hier angucken:

Nie dagewesene Spannungen

Die Worte wurden vom radikalsten Rand der Aktivisten, die gegen die Initiativen sind, offensichtlich nicht gehört. "Zerquetscht mir diese Wanze", "Wir müssen Leute solcher Art wegsperren", "Tod!" Nach ihrem Auftritt in der RTS-Debattenshow "Infrarouge" wurde Céline Vara, Ständerätin der Grünen, in den sozialen Medien mit einer Lawine von Hasskommentaren überzogen. Ähnliche Drohungen erhielt sie auch per Post. Die Neuenburger Politikerin bat um Polizeischutz.

Besonders angespannt ist das Klima in der Westschweiz, wo die konventionellen Bauern noch in der Mehrheit sind. Aber auch die Deutschschweiz ist nicht verschont geblieben: Morddrohungen erhielt auch Franziska Herren, die Gründerin der Initiative "Für sauberes Trinkwasser".

"Diese Eskalation der Gewalt überrascht mich. Ich hätte nicht gedacht, dass es jemals so weit kommt", sagt Yvan Droz, Dozent am Graduate Institute in Genf und Mitautor des 2014 erschienenen Buches "Malaise in Agriculture" ("Unbehaben in der Landwirtschaft"). Spannungen gab es bereits in den 1990er Jahren bei Debatten über die sogenannte "Kleinbauern-Initiative", die von Umweltschützern unterstützt wurden. "Aber zu jener Zeit war der Austausch eher friedlich, wir hatten nie ein solches Niveau der Radikalisierung erreicht", sagt Yvan Droz heute.

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Frustration und mangelnde Anerkennung

Über den rein finanziellen Aspekt hinaus ist es auch die fehlende Anerkennung und das ewige Mantra der "Giftbauern", der einen Teil der landwirtschaftlichen Welt belastet. "Man muss sich den Bauern vorstellen, der um 4:30 Uhr morgens zum Melken seiner Kühe geht, um 7:30 Uhr zum Frühstück kommt und im Radio hört, dass er Gifte ausbringt und die Umwelt verschmutzt. Ich kann seine Frustration verstehen", sagte Martin Pidoux, Professor an der Berner Hochschule für Agrarwissenschaften, im Interview mit RTS.

Die Spannungen werden auch durch den ungewissen Ausgang der Doppel-Initiative und durch eine Kluft zwischen Stadt und Land verschärft, die selten bei einer Volksabstimmung so ausgeprägt war. Die letzten Umfragen zeigen, dass Befürworter und Gegner Kopf an Kopf liegen, auch wenn laut Prognosen am Ende ein "Nein" stehen wird, da die Mehrheit der ländlichen Kantone des Landes beide Initiativen ablehnt. "Ich denke, die Dinge werden sich beruhigen, sobald die Abstimmung vorbei ist. Die Landwirte werden nach dieser Zeit der grossen Spannungen wieder aufeinander zugehen", hofft Yvan Droz.

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