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Bruno Kernen weiss aus eigener Erfahrung, wie sich WM-Gold anfühlt und wie man in St. Moritz eine Medaille gewinnt. Noch zehn Jahre nach seinem Rücktritt vermisst er den Adrenalin-Kick vor dem Start.

Im Sommer 2007 sah sich Kernen wegen eines Knorpelschadens im rechten Knie als Folge seines schweren Sturzes beim Weltcup-Finale in Lenzerheide zum Rücktritt gezwungen. Dabei wäre der damals 35-Jährige gerne noch ein, zwei Jahre weitergefahren. Während er früher "den Druck vor dem Start, weil man schnell sein wollte, ja musste" nicht immer liebte, vermisst er diesen nun selbst ein Jahrzehnt nach dem Karriereende manchmal. Selbst bei Fahrten mit der TV-Kamera bei Tempi weit über 100 sei es nie das Gleiche, so Kernen, der seit dem Rücktritt als Kamerafahrer für das Schweizer Fernsehen im Einsatz steht.

In diesem Winter nimmt ihn diese Aufgabe rund 30 Tage in Anspruch. Natürlich steht der Berner Oberländer aus Reutigen, der zudem auch Markenbotschafter für Stöckli und Jack Wolfskin ist, in den kommenden zwei Wochen im Dauereinsatz. Ihm gehört auch das Internetportal skionline.ch, zudem ist er an einer Eventfirma beteiligt. Diese führt Präventionsanlässe im Bereich Elektro- und Mountainbike sowie neu auch im Ski durch.

Obwohl dies eine "sehr spannende Geschichte" sei, wird sich für Kernen, der seit seinem Rücktritt nirgends angestellt war, in diesem Frühling beruflich eine Veränderung ergeben. "Spruchreif ist noch nichts. Aber klar ist, dass ich danach nicht mehr so viel unterwegs bin, was auch dem Privatleben gut tut", hofft der Vater eines neunjährigen Sohnes, der im Nachwuchs der GCK Lions Lions fleissig Eishockey spielt.

Wengen als schönster Sieg

Gefragt nach seinem persönlich schönsten Sieg, muss Kernen nicht lange überlegen: "Eindeutig Wengen 2003." Sein wohl wichtigster Sieg war allerdings ein anderer, wie er auch zehn Jahre nach seinem Rücktritt regelmässig zu hören bekommt. "Wenn ich irgendwo vorgestellt werde, dann nicht als Lauberhorn-Sieger, sondern eben als Weltmeister."

WM-Gold sei also nachhaltiger, so der Berner, der 1997 in Sestriere Abfahrts-Weltmeister wurde. War Kernen damals innerhalb von zwölf Jahren der fünfte Schweizer, dem dies gelang, so sollte es nach ihm 18 Jahre dauern, bis Abfahrts-Gold dank Patrick Küng wieder einmal in die Schweiz ging. Und Beat Feuz, Carlo Janka und auch Titelverteidiger Küng räumt er gute Chancen ein, in St. Moritz wiederum einen Coup zu landen. Mindestens eine, ja vielleicht gar zwei Medaillen seien für dieses Speed-Trio möglich, hofft Kernen.

Selber war Kernen 2003 noch einmal nahe an einem zweiten WM-Titel. "Die Stimmung in St. Moritz war dank den 38'000 Zuschauern fantastisch. Der Zielraum glich einem Ameisenhaufen", erinnert sich der Berner. Der Blick vom Sessellift über diese riesige Menschenmenge, die ihm zudem schon vor dem Rennen lautstark zujubelte, führte dem frischgebackenen Lauberhorn-Sieger die Wichtigkeit des Rennens noch zusätzlich vor Augen.

Beste Leistung an Grossanlässen

Zu Kernens Stärke gehörte, dass er oftmals an Grossanlässen seine beste Leistung abrufen konnte. Der Berner führt dies darauf zurück, dass er versucht habe, vom WM-Virus gepackt zu werden. "Viele Trainer sagen den Athleten, dass Olympia- und WM-Rennen wie jedes andere Weltcup-Rennen sind. Dem ist eben gerade nicht so. Du musst dir bewusst sein, dass etwas Spezielles bevorsteht und die kommenden zwei Minuten Fahrt dein Leben verändern könnte. Dies erlebte ich selbst ja 1997", erzählt der fünffache Olympia- und WM-Medaillengewinner.

Vom WM-Virus gepackt zu werden, im Starthäuschen aber die Emotionen und Erwartungen im Griff zu halten - dies gelang Kernen aber auch vor 14 Jahren im Engadin. Mit Startnummer 22 übernahm er die Führung, welche auch nach 30 gestarteten Fahrern - vor Didier Cuche und Top-Favorit Stephan Eberharter - Bestand hatte.

Zu diesem Zeitpunkt ist ein WM- oder auch Weltcup-Rennen normalerweise entschieden. Doch in St. Moritz setzten sich Michael Walchhofer und Kjetil André Aamodt, die im letzten Training ein Tor verpasst hatten und deshalb mit einer Nummer über 30 starten mussten, noch vor Kernen. Der Berner Oberländer, der 2003 für die erste von letztlich vier Schweizer Auszeichnungen sorgte, komplettierte mit Bronze seinen persönlichen WM-Medaillensatz.

SDA-ATS

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