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Im FC St. Gallen blieb in diesem Sommer kaum ein Stein auf dem anderen. Der Präsident ist neu, Sportchef Christian Stübi weg, dem Leiter der medizinischen Abteilung (Simon Storm) wurde gekündigt.

Einer musste kühlen Kopf bewahren: Trainer Giorgio Contini, selber erst seit zwei Monaten im Amt. Im Interview mit der Nachrichtenagentur sda erzählt der 43-jährige Zürcher, wie er die turbulente Zeit erlebt hat, was er mit dem FCSG vorhat und wie er seine Ziele erreichen will.

Giorgio Contini, Sie haben mit dem FC St. Gallen aufgrund der vielen personellen Wechsel im Staff einen Sommer der Kategorie "hektisch" durchgemacht. Welchen Einfluss hatten die vielen Mutationen auf Ihre Arbeit?

Giorgio Contini: "Man nimmt die Mutationen zur Kenntnis. Ich versuche mich auf meine Haupttätigkeit zu fokussieren. Das Tagesgeschäft im Fussball lässt keine Zeit und Wahl zum Sinnieren. Man muss vorwärts schauen. Die Einstellungs-Gespräche mit Christian Stübi sind so verlaufen, dass wir es zusammen durchziehen, damals noch mit Dölf Früh. Deshalb war meine Frage bei der Suche nach dem Nachfolger für das Präsidentenamt auch: 'Fällt alles auseinander?' Versprochen war, dass nichts passiert. Dass Christian im Anschluss gekündigt hat, war für mich nicht sehr angenehm. Wir haben Transfers und Ideen vorangetrieben."

Wie war das im Vergleich mit anderen Zwischensaisons bei früheren Klubs?

"Man muss grundsätzlich sagen: Wenn man Trainer in Vaduz ist, hat man den schönsten Arbeitsplatz der Super League. Es ist alles sehr familiär, ruhig, das Interesse am Geschehen ist nicht sehr gross. Deshalb durfte ich viereinhalb sehr ruhige, schöne Jahre im Ländle verbringen. Auch dort gab es Veränderungen, Spielerkäufe und -verkäufe. Es hat einfach niemanden interessiert. An meiner Arbeitshaltung hat sich nichts geändert. Das Interesse in St. Gallen ist nun einfach viel grösser."

Das ist aber auch gleich die Herausforderung als Trainer, oder?

"Ja, das ist so. Die Zeit in Vaduz war für mich sehr lehrreich. Man konnte vieles ausprobieren, Grenzen ausloten und mit den Spielern, der Vereinsführung, den Medien Erfahrungen sammeln. Es war die Vorbereitung auf den nächsten Schritt. Es steckt ein Karriereplan dahinter. Vom U21-Trainer (in St. Gallen) zum Assistenten (in Luzern unter Murat Yakin) zum Trainer in Vaduz und nun zu einem Verein, bei dem das Interesse und die Erwartungshaltung grösser sind."

War für Sie denn schon während der Karriere als Spieler klar, dass Sie Trainer werden möchten?

"Nein, als Spieler gar nicht. Ich war nie der Leadertyp oder das Aushängeschild, sondern eher der Teamplayer. Der Gedanke kam erst gegen das Ende der Karriere auf. Ich wollte mich zwischen dem kaufmännischem Bereich, einem Bürojob oder Trainer entscheiden. Die Trainerdiplome trieb ich Ende 30 als Spieler der 1. Mannschaft in Winterthur voran, nebenbei coachte ich Junioren. Das hat das Feuer entfacht. Irgendwann gab es die Möglichkeit, im Nachwuchs von St. Gallen einzusteigen."

Schlägt sich in Ihrer Arbeit als Trainer nieder, auch im Bezug auf Ihre ehemalige Position als Stürmer, dass Sie nicht von Beginn weg konsequent auf die Ausbildung zum Coach gesetzt haben?

"Das weiss ich nicht. Es gibt gewisse Spieler, die aufgrund ihrer Position als Innenverteidiger oder im zentralen Mittelfeld als Organisator in gewisse Rollen hineinwachsen. Dann erhält man schnell einmal das Prädikat, irgendwann ein guter Coach zu werden. Ein guter Trainer ist aber nicht daran messbar, ob er selber einmal in der Super League oder in der Nationalmannschaft gespielt hat. Das sind andere Faktoren: Sozialkompetenz, der Umgang mit Menschen oder wie man sein Konzept verkauft. Aber es ist sicher ein Vorteil, die grosse Bühne gespürt zu haben."

Was wollen Sie den Spielern an Werten weitergeben?

"Was mich als Spieler geprägt hat und was ich vermitteln will, ist die Mentalität. Ich war als Aktiver nie zu Saisonbeginn als Stammspieler gesetzt, sondern eher der Joker. Einer, der Tore schoss, wenn es sie brauchte, der aber auch wieder auf die Bank musste. Was ich damals überhaupt nicht akzeptierte. Und doch merkte ich mit etwas Abstand, dass es eben auch Spieler braucht, die mit Pressing, Toren oder was auch immer den Unterschied ausmachen. Man muss als Spieler nicht zwingend in die ersten elf gehören, um etwas zu gewinnen. Das habe ich 2000 beim Titel in St. Gallen gemerkt. Es beruht nicht alles nur auf Talent. Man muss auch die Leidenschaft schaffen, um zu leiden."

Sie können also besser nachvollziehen, wenn sich ein Spieler über eine Nichtberücksichtigung aufregt?

"Ja. Ich bin allerdings auch ein Trainer, der dies zu erklären versucht. Heutzutage sind die Spieler mündiger. Sie sind offener, weiter, haben mehr Informationen. Somit sind sie wissbegieriger und fragen mehr. In meiner Aktivkarriere hätte ich mich als U18-Spieler niemals getraut, beim Trainer an die Bürotür zu klopfen und zu fragen, wie die Lage aussieht."

Wie gelegen kam Ihnen die Sommerpause, um Ihre Philosophie und die Vorstellungen mit dem Team zu vertiefen?

"Ich hatte das Glück, bereits in den letzten sechs Partien der alten Saison hier sein zu können. So konnte ich die Mannschaft auf verschiedenen Positionen in unterschiedlicher Zusammensetzung sehen. In der Vorbereitung ging es vor allem darum, die Leitplanken zu setzen."

Können Sie Ihr Konzept etwas detaillierter erklären?

"Ich will ein Team, das aktiv ist, das vorwärts verteidigt, mutig ist, Fehler provoziert. Wir dürfen nicht ängstlich sein. Fehler passieren. Wichtig ist, dass wir das Konzept konsequent durchziehen. Wir wollen uns nicht nach 90 Minuten vorwerfen lassen, nicht alles versucht zu haben. Die Erholungsphase wird bei Ballbesitz erfolgen. Wenn wir 30 Sekunden gebraucht haben, um den Ball zu erobern, im roten Bereich drehen und die Beine sauer sind, müssen wir nicht gleich einen Angriff lancieren. Das heisst für mich, dass wir in gewissen Situationen auch einmal einen Rückpass von der Mittellinie spielen dürfen - auch auf die Gefahr hin, dass dies dem Publikum nicht gefällt."

Geduld wäre also sicher kein schlechter Ratgeber.

"Es wäre vermessen, wenn ich an die Geduld appellieren würde. In der Super League geht es um Punkte und um Erfolg. Aber wenn ich in diesem Job etwas gelernt habe, ist es Gelassenheit. Vielleicht hat mich auch meine Arbeit in Liechtenstein so geformt. Ich war mehr mit Niederlagen als mit Siegen beschäftigt. Diese Statistik muss in St. Gallen definitiv anders werden."

Stehen Sie ein paar Tage vor Meisterschaftsstart dort, wo Sie das Team haben wollen?

"Wir haben mit den Verletzungen von Silvan Hefti und Toko, die zentrale Rollen spielen und in der Planung entsprechend wichtige Rollen eingenommen haben, einen Dämpfer kassiert. Aber ich bin keiner, der lange Trübsal bläst. Was Organisation und Ausrichtung oder die Umsetzung der Prinzipien anbelangt, bin ich mit dem Team sehr zufrieden. Wir sind im Fahrplan."

In der letzten Saison war oft von fehlendem Glück und von mangelnder Effizienz die Rede. Wie wollen Sie dies ändern?

"Zunächst stellt sich die Frage: Will ich zuerst lernen, defensiv sauber zu stehen und Gegentore zu verhindern? Oder, was viel schwieriger ist, will ich Tore schiessen? Wenn wir zu Null spielen, ist die Chance eines Sieges viel grösser, sei das durch einen Penalty, eine Standardsituation oder einen Sonntagsschuss. Wenn wir aber jedes Wochenende drei Treffer kassieren, wird es schwieriger, klar zu machen, dass man für Siege vier Tore erzielen muss. Deshalb haben wir in der Vorbereitung zuerst unser defensives Konzept besprochen."

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in ihre erste volle Saison als Trainer des FC St. Gallen?

"Dass wir von Beginn weg punkten, auch wenn wir mit zwei Auswärtsspielen in Lausanne und Lugano starten. Unsere Ambition ist, dass wir unser Gesicht zeigen. Das muss über die Mentalität sichtbar sein. Wenn wir gut starten, kann man die Zielsetzungen auch nach oben revidieren. Sie dürfen als FC St. Gallen ruhig ambitioniert sein. Bei zehn Mannschaften darf der FCSG den Anspruch haben, unter die Top 5 zu kommen. Im Cup ist der Weg zum Ziel weniger weit. Den Pokal in die Ostschweiz zu holen, wäre ein riesiges Highlight."

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SDA-ATS