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Der FC Sion hat in Genf mehr verloren als den ersten Cupfinal nach 13 Siegen in Endspielen. Er verliert auch den Mythos, der zum Identitätsstiftenden Element des Klubs geworden ist.

Eigentlich ist Genf ein gutes Pflaster für den FC Sion. Servette war 1965 der Gegner im ersten von anschliessend 13 hintereinander gewonnenen Cupfinals. In Genf feierte der FC Sion vor exakt 25 Jahren und zwei Tagen, am 23. Mai 1992, seinen ersten Meistertitel. Doch nun wird die Metropole für immer Schauplatz einer traurigen Wegmarke in der Klubhistorie der Walliser sein. Im Stade de Genève endete nach 52 Jahren der Mythos der Unbezwingbarkeit in Cupfinals.

Entsprechend waren die Aussagen der Protagonisten. Sie zeugten von Fassungslosigkeit und Enttäuschung. Er spüre "eine grosse Leere", sagte Trainer Sébastien Fournier. "Es tut weh, zu dem Sittener Team zu gehören, dem das geschehen ist", gestand Verteidiger Elsad Zverotic. Und Veroljub Salatic sprach von einem "grenzenlosen Schmerz". Er meinte damit nicht die Platzwunde über seinem rechten Auge.

Es fehlte: alles

Schmerz und Leere. Es waren die meist gehörten Ausdrücke auf der Sittener Seite der Katakomben. Nur einer ging, wie könnte es sein, tiefer in seiner Analyse. Präsident Christian Constantin. Er, der Sonnenkönig aus Martigny, der scheinbar die (Cup-)Erfolge des FC Sion erst möglich macht(e), nimmt im Misserfolg erst recht kein Blatt vor den Mund. Also sprach er: "Vor den ersten beiden Treffern leisteten wir uns Fehler wie bei den Junioren. Danach fehlte eine Reaktion. Es fehlten Kraft und Enthusiasmus. Es fehlten Leader auf dem Platz." Also es fehlte dies: alles.

Es war eine fachliche und richtige Analyse. Emotionen zeigte Christian Constantin dabei nicht, auch nicht in diesem Moment, so kurz nach der bittersten Niederlage seiner Zeit als Präsident des FC Sion. Und die läuft mit einem fünfjährigen Unterbruch (1998 bis 2003) nun auch schon seit 1992. Die Frage, ob er nach einem solchen Spiel genervt sei, lächelte er einfach weg.

Vielleicht, weil er tatsächlich nicht genervt ist. Denn er ist wohl viel mehr als das. Denn der FC Sion hat an diesem Auffahrtstag in Genf mehr verloren als ein Spiel. Mehr als einen Cupfinal. Er hat verloren, an was er sich in den letzten Jahren zusehends geklammert hat. Diesen Mythos nämlich der Unbesiegbarkeit im Cupfinal. Diese Allzweckwaffe von Constantin gegen die Unzufriedenheit des eigenen Publikums. Wenn wieder mal das ganze (Fussball-)Tal besänftigt wurde, weil der Cupsieg über eine enttäuschende Saison in der Meisterschaft hinwegtröstete.

Es ist vier Jahre her, als der damalige Sittener Mittelfeldspieler Xavier Margairaz nach einem Heimspiel die Treppen der Haupttribüne im Stade de Tourbillon hinaufkletterte und Constantin an den Kragen ging. Die Saison 2012/13 war so schlecht gewesen, dass Margairaz von den Fans dafür beklatscht wurde. Zwei Jahre und die Super-League-Klassierungen 6 und 7 später feierte der ganze Kanton den 13. Sieg im Cup, dem phänomenalen 3:0 gegen Basel, bis tief in die Nacht. Keiner erhielt dabei beim Fest auf der Place de la Planta mehr Applaus als Constantin.

In dieser Saison gibt es keinen Cupfinal-Lack, der den Rost übermalt. Constantin hat zweimal den Trainer gewechselt. So wie er das fast jedes Jahr macht. Genützt hat es fast nichts. Wieder torkelt der FC Sion in der Super League dem Saisonende blutleer entgegen. Auf dem 4. Platz sind die Walliser derzeit klassiert. Dritter wollen sie werden, um sich direkt für die Gruppenphase der Europa League zu qualifizieren.

Zehn Jahre, nie in Top 3

Die Teilnahme an diesem Wettbewerb wäre ein Bonus, weil sie rund vier bis fünf Millionen Franken in die Klubkassen spült. Doch eigentlich geht es Constantin nicht um das Geld. Davon hat er genug. Für Constantin wäre es aus einem anderen Grund wichtig, die Saison auf Platz 3 zu beenden. Weil sein Klub eine solche Klassierung seit zehn Jahren nicht mehr erreicht hat, obwohl er Jahr für Jahr in der Budget-Rangliste nur den FC Basel und die Young Boys vor sich hat.

Seit Jahren steht der sportliche Ertrag in keinem Verhältnis zum finanziellen Aufwand. Diesmal kann kein Cupsieg die Bilanz schönen. Ohne ihn, den Präsidenten, wäre erstklassiger Fussball im Wallis nicht möglich, entgegnet Constantin in solchen Momenten seinen Kritikern. Im Wallis glaubten in den letzten Jahren immer mehr Fans an diese Worte.

Sie stimmen dann, wenn Constantin unter erstklassigem Fussball ein Budget von rund 30 Millionen Franken versteht. Und doch bleiben gerade an einem Tag wie diesem in Genf zwei Fragen zurück: Gibt es einen verlorenen Cupfinal und eine Klassierung zwischen den Rängen 4 und 9 wie in den Jahren 2008 bis 2017 nicht auch für weniger Geld? Und gibt es den FC Sion tatsächlich nur dank Christian Constantin?

SDA-ATS

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