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Bierregen und Schimpftiraden. Die Viertelfinalserie zwischen den ZSC Lions und Lugano begann mit Getöse. Sie kann zum epischen Drama werden.

Alte Feindschaft rostet nicht. Der Start zur Viertelfinalserie der ZSC Lions gegen Lugano bot mehr Dramatik und Unterhaltung als 50 Qualifikationsrunden zusammen – und verspricht eine ereignisreiche Fortsetzung.

Die spielerischen Rollen sind so verteilt, wie es die Qualifikation erwarten liess. Die Zürcher, in Sachen Tempo, Offensivkraft und Spielkunst ihrem Gegner überlegen, suchen den direkten und schnellsten Weg zum Glück. Damit hätten sie Spiel 1 schon nach 20 Minuten in klare Bahnen lenken müssen. Doch in den Playoffs sind die Gesetzmässigkeiten des Alltags ausser Kraft – und Emotionen und Nehmerqualitäten wichtiger als Ästhetik und Virtuosität. Die Wiener Philharmoniker hätten an der Luzerner Fastnacht einen schweren Stand.

Ähnlich erging es den Lions am vergangenen Samstag. Spätestens nach der Kollision ihres besten Centers, Robert Nilsson, mit Lugano-Verteidiger Julien Vauclair mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass die Zeit des schwedischen Schönspiels vorbei ist: mit dem humpelnden Abgang ihres Topskorers entschwand die Aussicht, den Erfolg allein durch Kreativität und Technik zu finden. Als dann Lugano-Goalie Elvis Merzlikins wild gestikulierend das Zürcher Publikum provozierte, wähnte man sich schon fast in den wilden Nuller-Jahren, als die Rivalität zwischen Tessinern und Zürchern mit fünf aufeinanderfolgenden Playoff-Duellen ihren Höhepunkt erreichte.

"Pizza, Spaghetti, Nella Martinetti", tönte es damals aus dem ZSC-Anhang. "Non mollare mai" (Niemals aufgeben) hielten die Luganesi dagegen. Der Gotthardbasistunnel hat Lugano und Zürich um eine Stunde näher gebracht. Die atmosphärischen Differenzen zwischen den Kulturen sind allerdings geblieben – und die Falllinie der Bierbecher und die Lautstärke der Schimpftiraden aus dem Publikum sind ebenfalls gleich wie einst im Mai. Auch dies stellte der vergangene Samstag klar.

"Das ist die Serie, die man sehen muss", schrieb Kent Ruhnke vor der Neuauflage des Duells im "Tages Anzeiger". Der kanadische Trainer weiss, wovon er spricht. 2000 lenkte er den ZSC in einer denkwürdigen Finalserie gegen Lugano zum ersten Titelgewinn seit 39 Jahren. Adrien Plavsic schoss die Zürcher damals zehn Sekunden vor Ende der sechsten Partie ins Meisterglück. Das alte Hallenstadion erzitterte in seinen denkmalgeschützten Grundmauern. Zürich tanzte bis in den Morgen. Löwenkönig Michel Zeiter erschien am folgenden Abend in biergetränkter Vollmontur zum Interview im Studio des Schweizer Fernsehens.

"Das Tor von Plavsic änderte alles" blickt Ernst Meier, der Präsident des "alten" Zürcher Schlittschuh Clubs, auf jene Nacht zurück – "es verhalf unserem Projekt auf einen Schlag zu jener Akzeptanz, die ihm zuvor von gewissen Kreisen verweigert worden war". Das Projekt, von dem Meier spricht, ist die Zusammenarbeit des ZSC mit der Eishockey-Sektion des Grasshopper Clubs. Der Geist des Volksklubs ZSC und das Geld der noblen Grasshoppers ergaben die perfekte Symbiose – und beförderten das Stadtzürcher Eishockey innert drei Jahren von einem weissen Flecken auf der Landkarte zum Mittelpunkt der Szene. "Dass uns das Zusammenführen der beiden Vereinskulturen gelungen ist, war fast unglaublich", sagt Meier.

Der HC Lugano leistete in diesem Prozess indirekte und unfreiwillige Schützenhilfe. Denn in den Südtessinern hatte man jenen Rivalen gefunden, der in Zürich alle Gesellschaftsschichten und sportkulturellen Gesinnungen zusammenführte. Als die ZSC-Fans in der Finalreprise 2001 in der Resega ausgesperrt wurden, erreichte die Emotionalität des Duells einen weiteren Kulminationspunkt. All dies wurde am Samstag von der Hallenstadion-Regie genüsslich in Erinnerung gerufen – als man vor dem ersten Bully die Meisterschüsse von Plavsic (2000) und Morgan Samuelsson (2001) per Grossleinwand einspielte.

Das vielleicht aufregendste Duell der Klubs fand aber schon 1992 statt. Damals begegneten sich Tessiner und Zürcher im noch jungen Playoff-Format das erste Mal. Hier der haushohe Favorit aus Lugano, der mit den Millionen von Präsident Geo Mantegazza und dem strategischen Genie von Trainer John Slettvoll das Schweizer Eishockey revolutioniert hatte, da der notorische klamme Zürcher Schlittschuh Club, der das Verliererimage kultivierte, im Zigarettenqualm und Bierdunst seinen Fans auf weichem Eis lauwarmen Sport bot und schon das Erreichen der Playoffs wie den Meistertitel feierte. Doch in jenem Winter stellten zwei Persönlichkeiten die Hierarchie auf den Kopf, die aus komplett unterschiedlichen Welten stammten, aber in Zürich eine magische Seelenverwandtschaft entwickelten: der altgediente Eishockey-Sputnik Wladimir Krutow und der junge Engadiner Trainer Arno Del Curto.

Der damalige Präsident Pepe Wiss erinnert sich: "Krutow und Del Curto waren Meister ihres Fachs – mit einer grandiosen Ausstrahlung." Dem Publikum fehlte gleichwohl der Durchblick: "Das Hallenstadion war so verraucht, dass man die Spieler aus dem dritten Rang nur schemenhaft erkannte", erzählt Wiss. Und das Oerliker Oval stiess an seine Grenzen. Feuerpolizeilich war die Kapazität auf 11'500 Zuschauer beschränkt. Doch weil es keine elektronische Eingangskontrollen gab und der Sicherheitsdienst von der Rockerbande "Rossi Boys" nach hemdsärmligen Kriterien umgesetzt wurde, liess man so viele Zuschauer ins Stadion, bis jede Treppenstufe und sämtliche Stehplätze direkt hinter der Bande besetzt waren: "Die wirkliche Zuschauerzahl durften wir nicht nennen, aber ich gehe davon aus, dass über 13'000 Menschen im Stadion waren", sagt Wiss.

Diese Zeiten sind vorbei. In der Moderne wird im Hallenstadion der Nebel mit Trockeneis produziert, die Fans werden mit Plastikratschen ausstaffiert, und die Raucher zwängen sich in den Drittelspausen artig in ein Fumoir. Und trotzdem ist noch vieles wie früher. Denn die besten Feinde lassen sich durch keine Hausordnung trennen.

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SDA-ATS