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Das Wochenende brachte der nationalen Leichtathletik gleich vier Rekorde. Die 19-jährige Siebenkämpferin Géraldine Ruckstuhl stellte dabei mit Alex Wilson den schnellsten Schweizer in den Schatten.

Die Aufmerksamkeit gilt in der Leichtathletik in der Regel den Sprints - seit der Ära Bolt erst recht. Gleichwohl generierten die Schweizer Rekorde von Alex Wilson in 10,11 und 20,37 Sekunden über 100 und 200 m in Weinheim in Deutschland nicht derart viel Aufmerksamkeit wie die 6291 Punkte von Géraldine Ruckstuhl im Siebenkampf in Götzis im Vorarlberg. Die Leistungen der Luzernerin, die im Verlauf des Wettkampfs auch den Schweizer Rekord im Speerwurf (58,31 m) an sich riss, kamen überraschend, während der 26-jährige Basler schon zuvor angedeutet hatte, dass von ihm nochmals eine Steigerung zu erwarten ist.

"Ich hätte nie erwartet, dass ich eine solche Punktzahl erreichen würde. Wahrscheinlich realisiere ich erst in den nächsten Tagen, was ich hier geschafft habe", sagte Ruckstuhl. Im Vorbeigehen erfüllte sie auch die mit 6200 Zählern hoch angesetzte Weltmeisterschafts-Limite für London. Die Atmosphäre im Mehrkampf-Mekka Götzis - das traditionelle Meeting nahe der Schweizer Grenze hat sich über all die Jahre diesen Ruf erarbeitet - nahm die junge Luzernerin als sehr inspirierend wahr. "Vor dem Hürdenlauf war ich sehr nervös, aber danach bin ich gut in den Wettkampf reingekommen. Ich hatte meine Vorbilder unmittelbar neben mir. Das war ein spezielles Gefühl. Sehr beeindruckend, aber auf eine positive Weise."

Notoperation

Ruckstuhls Leistungen werden durch ihre Vorgeschichte zusätzlich aufgewertet. Ihr gelang nach einem Drama eine Traum-Rückkehr. Im März 2016 hatte ihre sportliche Karriere für kurze Zeit auf der Kippe gestanden. Beim Training in Magglingen strauchelte sie über eine Hürde und fiel auf das nächste, am Boden liegende Hindernis. Die aufstehende Metallstange quetschte ihren Bauch. Was zunächst harmlos aussah, weil der Sturz äusserlich keine Wunde hinterliess, entpuppte sich als medizinischer Ernstfall: Innere Verletzung, ein Loch im Darm mit Blutverlust, Notoperation. Die junge Athletin hätte verbluten können, ausserdem bestand die Gefahr einer schweren Infektion. Die Ärzte mussten Ruckstuhl bei einem delikaten Eingriff ein Stück Dünndarm entfernen. 14 Monate nach diesem Zwischenfall meldete sich die Luzernerin nun mit einem Exploit zurück.

"Dies war mein erster grosser Siebenkampf nach meiner Verletzung. Mein Ziel war, die 6000-Punkte-Parke zu knacken. Dass ich nun die WM-Limite und den Rekord bei den Aktiven übertroffen habe, ist unglaublich", sagte sie.

Die Schweizer Nachwuchshoffnung sorgte damit zum zweiten Mal für sportliche Schlagzeilen. 2015 hatte sie in Cali in Kolumbien Gold im Siebenkampf an den U18-Weltmeisterschaften gewonnen. Dabei trat sie in die Fussstapfen von Anita Weyermann. Die Bernerin war zuvor als bislang einzige Schweizerin Weltmeisterin in einer Nachwuchskategorie geworden.

Siebenkampf geniesst Priorität

Ruckstuhl setzt in den nächsten Jahren weiterhin auf den Siebenkampf, obwohl sie in der Grundschnelligkeit - eigentlich das A und O im Mehrkampf - noch Defizite aufweist. Corinne Di Tizio-Schneider, deren 32 Jahre alter Rekord aus dem Jahr 1985 getilgt wurde, war im Hochsprung und Weitsprung besser, und die Weltspitze liegt in diesen zentralen Disziplinen noch Welten vor Ruckstuhl. Die Olympiasiegerin Nafissatou Thiam überbot am Sonntag in Götzis als erst vierte Frau die Marke von 7000 Punkten. 1,98 m im Hoch- und 6,56 m im Weitsprung kamen für die Belgierin in die Wertung, während die Schweizerin 1,77 und 5,78 m erreichte.

"Géraldine ist ein Bewegungstalent und macht intuitiv vieles richtig. Aber im Kraftbereich, der für die Schnelligkeit zuständig ist, liegt noch einiges brach", betonte Peter Haas, der Chef Leistungssport bei Swiss Athletics. Bezüglich Power soll nun in der nächsten Zeit ein Schwerpunkt gelegt werden. Ruckstuhl schliesst dieser Tage ihre KV-Lehre ab. Danach will sie voll auf die Karte Sport setzen und dürfte mit der Aufnahme in die Spitzensport-RS perfekte Trainingsmöglichkeiten erhalten.

Ruckstuhl stammt wie Selina Büchel, Noemi Zbären oder André Bucher nicht aus einem grossen Leichtathletik-Verein, sondern ist in einer kleinen Zelle zusammen mit ihrem Trainer gross geworden. Im TV Altbüron eignete sich Rolf Bättig, begleitet durch den Nationaltrainer, immer mehr Fachwissen an. Zudem leitet auch der ehemalige Speerwerfer Terry McHugh einige Trainings. Die Eltern der Siebenkämpferin sind zwar sportbegeistert, hatten aber in ihrer Jugend keinen wettkampfmässigen Bezug zur Leichtathletik.

Der Name Ruckstuhl tauchte allerdings schon vor einem Jahrzehnt in der Leichtathletik auf. Karin Ruckstuhl, die im November 1980 in Baden im Kanton Aargau zur Welt kam, ist eine in der Schweiz geborene niederländische Leichtathletin. Bei den Europameisterschaften 2006 in Göteborg belegte sie hinter Carolina Klüft den 2. Platz mit niederländischem Landesrekord von 6423 Punkten. Sportlich gibt es zwischen Géraldine und Karin Ruckstuhl Parallelen, familiär besteht aber keine Bindung.

Gedrängtes Programm

Géraldine Ruckstuhls Blick ist nicht ausschliesslich auf die Weltmeisterschaften von Anfang August in London gerichtet. Anfang Juli steht zunächst der Mehrkampf-Europacup in Tallinn an. Danach geht die 19-Jährige an den U20-Europameisterschaften in Grosseto in der Toskana auf Medaillenjagd.

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SDA-ATS