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Wenige Tage vor der WM-Gruppenauslosung in Moskau analysiert Captain Stephan Lichtsteiner die globale Positionierung der Schweizer Auswahl. Er wünscht sich ein Duell mit Klubkollege Sami Khedira.

"Bei jenen Verbänden, die seit Jahren zur erweiterten Spitze gehören, sind wir dabei." Lichtsteiner lobt explizit auch die Arbeit auf Verbandsebene. Er spüre eine verbreitete Leistungskultur, so der 96-fache Internationale. Mit der Nachrichtenagentur sda spricht der bald 34-jährige Aussenverteidiger auch über seine persönlichen Perspektiven im SFV-Ensemble. Und der sechsfache Serie-A-Champion tönt zumindest an, wie es im Sommer nach seinem wahrscheinlich letzten Juventus-Jahr auf Klubebene weitergehen könnte.

Neben der SFV-Auswahl haben es in der europäischen Konföderation nur der aktuelle Welt- und Europameister sowie drei Ex-WM-Titelträger geschafft, sich viermal in Folge für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Wo ordnen Sie die Schweiz ein?

"Zu den ganz Grossen darf man uns nicht zählen, aber sicher zu den Top 10 - bei jenen Verbänden, die seit Jahren zur erweiterten Spitze gehören, sind wir dabei. Ich denke da an Polen, Belgien und an uns. Andere Top-Nationen hatten teilweise Mühe, ihr Level zu halten."

An wen denken Sie?

"Italien zum Beispiel, das erstmals seit 1958 scheiterte. Wir hingegen haben sehr gut gearbeitet. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir spielen einen guten Fussball und verstecken uns vor keiner Aufgabe. Die Mannschaft macht Spass und verdient Respekt. Dem Verband, den Coaches, allen Beteiligten gebührt ein grosses Lob."

Die Spieler schöpfen die Ressourcen nahezu perfekt aus.

"Die Basis stimmt, der vom Verband geschaffene Rahmen ist optimal. Ich spüre eine verbreitete und gelebte Leistungskultur. Wir haben inzwischen eine Reihe von Spielern im Kader, die viel gewonnen haben und regelmässig in wichtigen Partien Verantwortung tragen. Im Playoff gegen Nordirland zahlten sich diese Werte aus. Mit der extrem anspruchsvollen mentalen Herausforderung ging das Team vorbildlich um."

Das Selbstbewusstsein der Mannschaft wirkt nicht antrainiert. Die Haltung, jedes Spiel dominieren zu wollen, haben die Protagonisten verinnerlicht.

"Das kommt nicht von ungefähr. Die meisten sind in der Bundesliga, in Italien, in England oder in Spanien im Einsatz. So lernt man den Druck und die Intensität der Kritik kennen, die auf internationalem Level üblich ist. Wer Woche für Woche das Trikot eines europäischen Topklubs trägt, kennt die Unterschiede. Die Erwartungen sind immens, der Konkurrenzkampf ist unerbittlich."

Die Mannschaft scheint für den nächsten Schritt an der Endrunde bereit. Schildern Sie uns Ihre persönlichen Erwartungen.

"Vieles ist möglich. Im Fussball gibt es keine Gewissheit, dass eine Mannschaft automatisch weiter aufsteigt, weil sie in Vergangenheit konstant starke Leistungen und überzeugende Ergebnisse erbracht hat. So funktioniert der Sport nicht. Auch wenn uns 2014 theoretisch nur ein paar Minuten zur möglichen Achtelfinal-Sensation gegen Argentinien fehlten und wir ein sehr gutes EM-Turnier spielten, konnten wir den WM-Viertelfinal nicht für uns verbuchen."

Was sind denn die Grundvoraussetzungen für weitere Fortschritte?

"Jeder Einzelne muss sich in den nächsten sechs Monaten auf seinen Job konzentrieren, an sich arbeiten und sein leistungsmässiges Optimum abrufen. Im Frühling muss die persönliche Verfassung stimmen. Es sollte sich möglichst keiner verletzen, damit der interne Konkurrenzkampf spielt. Nur wenn jeder Spieler bereit ist, sich wieder neu zu beweisen und wir auch als Mannschaft noch eine Schippe drauflegen, liegt etwas drin in Russland; dann werden wir eine gute Endrunde spielen."

Anders als vor der EM in Frankreich steht das taktische Konzept, die Mechanismen sind vorhanden. Das Team hat seinen Stil gefunden, oder?

"Ja, wir sind uns einig, was wir wollen - zum Beispiel konsequent am Ball bleiben. Wir warten nicht einfach ab, sondern wollen die Kontrolle der Partie übernehmen. Gegen Nordirland sind wir mit dieser Marschroute gut gefahren. Einzig an der mangelnden Effizienz gilt es zu arbeiten. Wir müssen noch mehr tun, um ein Tor zu schiessen."

Sie denken täglich an Russland, Ihre italienischen Teamkollegen verbinden diese WM ausschliesslich mit dem eigenen Scheitern. Wie nehmen Sie die Fussball-Depression im Land Ihres Arbeitgebers wahr?

"Es tut mir sowohl für meine Mitspieler als auch für das ganze Land leid. Ich hätte Italien das Turnier gegönnt. Für viele war es altersbedingt die letzte Chance. Die Zeitungsberichte nach dem WM-Out habe ich nicht gelesen. Ich kann mir aber die Art der medialen Aufarbeitung gut vorstellen: Wenn es nicht läuft, ist jeder ein Versager und prinzipiell alles schlecht."

Wie interpretieren Sie denn das italienische WM-Out?

"Wir brauchen nicht zu diskutieren: Es ist ein gewaltiger Misserfolg und Schock für ein Land, das von morgens bis spätabends Fussball atmet. Aber wenn Italien aus dieser Niederlage die richtigen Schlüsse zieht und Gas gibt, wird es ein Comeback geben. England oder Frankreich haben vergleichbare Perioden durchmachen müssen - inzwischen sind sie wieder voll da."

Wie geht es für Sie weiter? Zum einen im Klub, andererseits mittelfristig als Captain des Nationalteams?

"Ich will sicher weitermachen. Auch wenn ich im nächsten Januar zwar 34 werde, fühle ich mich körperlich fit, gesund und leistungsfähig. In mir steckt noch viel Energie, Kraft und Lust, auf hohem Niveau Fussball zu spielen."

Ihr Vertrag in Turin läuft im kommenden Frühling aus. Wo setzen Sie ihre Karriere fort?

"Wo ich das tun werde, weiss ich noch nicht. Es gibt ein paar spannende Optionen, die mich interessieren. Viele Faktoren müssen passen, alles macht man nicht mehr mit. Die Meinung meiner Familie ist mir ebenfalls wichtig."

Konkrete Vorstellungen haben Sie noch nicht? Ist England ein Thema?

"Mir schwebt vor allem vor, mit Jungen etwas zu bewegen - so wie in der Nationalmannschaft. Aber ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht im Detail mit meiner Zukunft beschäftigt. An einem Transfer studiere ich nicht herum, ich habe vor, die Saison in Turin erfolgreich zu beenden. Vorerst denke ich nur an Juve! Ich will nochmals alles gewinnen, was in dieser Saison noch schwieriger werden dürfte. Doch ich werde, wie gewohnt alles geben - fino alla fine!"

In Turin haben Sie alle kritischen Beobachter widerlegt: Sie sind in der Liga ausnahmslos gesetzt. Behalten Sie diesen Status nach der WM auch im Nationalteam bei?

"Ich werde zu gegebener Zeit mit dem Trainer sprechen und erfahren, wie seine Planung aussieht. Am Ende zählt immer die Leistung. Auf dem Plus, eine wunderbare Karriere gemacht zu haben, kann ich mich nicht ausruhen; zurückzulehnen kommt nicht infrage."

Gestatten Sie uns einen Ausblick auf die Gruppen-Auslosung vom 1. Dezember im Moskauer Kreml. Wen aus dem Topf 1 wünschen Sie sich? Portugal wohl kaum ein zweites Mal?

"Warum auch nicht? Wir spielten gegen die Portugiesen nicht schlecht. Bis zum unglücklichen Eigentor im Rückspiel liessen wir gegen sie wenig zu."

Wie sähe denn Ihre Lieblingsgruppe aus?

"Deutschland müsste dabei sein - gegen Sami Khedira (Teamkollege bei Juventus - Red.) würde ich gerne spielen. Und es ist immer eine Herausforderung, sich mit dem Weltmeister zu messen. Dazu vielleicht noch Costa Rica und Panama. Schwer wird es so oder so, aber wir können ein gefährlicher Aussenseiter sein."

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SDA-ATS