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In der Ostschweiz gibt es nur noch einige wenige Handsticker, die mit ihrer Arbeit an die grosse Zeit der Textilindustrie erinnern. Der 78-jährige Bernhard Hollenstein stickt in seinem abgelegenen Haus im Toggenburg an der gleichen Maschine, die bereits sein Vater bediente.

Die Zeitreise beginnt mit vielen Kurven an kleinen Weilern vorbei durch ein abgelegenes Toggenburger Seitental. Sie führt zurück in die Zeit, als in der Ostschweiz Tausende von Heimarbeitern in den Kellern der Bauernhäuser an Handstickmaschinen für die Textilfirmen in St. Gallen arbeiteten - die dann die aufwendig produzierten Stoffe in alle Welt exportierten.

In Dreien (Gemeinde Mosnang SG) steht das Haus, in dem Bernhard Hollenstein zusammen mit seinen Geschwistern aufgewachsen ist. Es ist inzwischen halb Museum, halb Wohnhaus. Der Hausherr erweist sich beim Rundgang als liebenswürdiger Erzähler, aber auch als grosser Bewahrer von Relikten aus der Vergangenheit. Vor allem aber ist er Botschafter einer Passion, die früher in erster Linie harte Arbeit bedeutete: das Handsticken.

Elf, zwölf Stunden Arbeit pro Tag

Über eine enge Treppe geht es vom Erdgeschoss in den Keller, ins Sticklokal. Es ist ein bisschen feucht. Aber das sei gut für die Fäden, erklärt Hollenstein. Dort unten steht sie, die grosse Handstickmaschine. Am gleichen Ort, an dem sein Vater nach dem Einzug in das Haus im Jahr 1929 gearbeitet hat - elf, zwölf Stunden am Tag.

Nach dem Kauf wurde sie noch mit Ross und Wagen und in Einzelteile zerlegt nach Dreien gebracht. Seither wird die zwei Tonnen schwere Apparatur der Karl Bleidorn AG, Arbon, regelmässig benutzt und gewartet - unter Mithilfe eines inzwischen 80-jährigen Monteurs.

Der Vater sei jeweils um fünf Uhr aufgestanden, erzählt Hollenstein aus seiner Kindheit. Bereits um sieben habe er dann mithelfen müssen. Eigentlich war die Stickerei ein Familienbetrieb: Schulfrei bedeutete für die Kinder nämlich nichts anderes als Mitarbeit an der Stickmaschine.

Nur mit Kinderarbeit

Sie halfen dem Vater beim Einfädeln, steckten die Nadeln ab, kontrollierten die Fäden. Alles Tätigkeiten, die flinke Kinderfinger besser erledigen konnten als die Hände eines Erwachsenen, der nebenher noch zimmerte. Ohne wäre es nicht gegangen - oder viel langsamer: Die Hilfe der Kinder habe etwa 30 Prozent des Verdienstes ausgemacht, schätzt Hollenstein heute.

Als er 1936 zur Welt kam, hatte die Handstickerei ihre grosse Krise bereits hinter sich. Um 1890 standen in der Ostschweiz rund 19'000 Handstickmaschinen. Danach ging es abwärts. Vor allem während der Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren wurden Tausende Maschinen verschrottet. Erst in den 40er- und 50er-Jahren gab es für die wenigen verbliebenen Handsticker wieder genügend Aufträge.

Punktgenaue Stiche

Wenn Bernhard Hollenstein an seiner Maschine sitzt und stickt, ist er gleichzeitig Motor und Kreateur: Mit Armen und Beinen (Tretpedal) bedient er die ausgeklügelte Mechanik vor der aufgespannten Stoffbahn und kann bis zu 312 Stiche gleichzeitig setzen.

Das Muster hat er vor sich aufzogen. Es ist eine gezeichnete sechsfache Vergrösserung des Sujets, das gestickt wird. Der Pantograph übersetzt die Bewegung der Hand auf dem Musterblatt auf die Maschine, die den Stich dann punktgenau setzt.

Neben der Stickmaschine steht eine Einfädelmaschine, erfunden 1897 und konstruiert von Henry Levy, Rorschach. Es ist ein wahres mechanisches Wunderding, mit Häkchen und Rädern, das einen Faden in ein Nadelöhr einfädeln und mit einem Knopf versehen kann, der sich genau vier Millimeter hinter der Nadel befindet.

Faszination Sticken

Bernhard Hollenstein ist 78-jährig und stickt noch immer. Wie sein Bruder der zu Hause eine "Benninger" aufgestellt hat. Wie eine Handvoll anderer Handsticker in der Ostschweiz, etwa die 90-jährige Lina Bischofberger in Reute AR.

Der Grund ist - die Arbeit selber. Das Sticken sei schön. Alles befinde sich wie im Fluss, wenn die Maschine arbeite. Man könne die Gedanken laufen lassen - und auch Erinnerung nachhängen, schildern die beiden Brüder Bernhard und Bruno Hollenstein ihre Passion.

Im oberen Stock des Bauernhauses in Dreien lagern dicke, zerfledderte Bände, die aussehen, wie man sich Zauberbücher vorstellt. Es sind die Musterbücher, mit denen die Aufträge aus St. Gallen über die Fergger an die Sticker weitergegeben wurden.

Im gleichen Raum hat Hollenstein Kisten mit Baumwollfäden aufgestapelt, die er aus der Liquidationen seines früheren Arbeitgebers, der Altoco AG in St. Gallen, übernehmen konnte. Müsste er sie heute bestellen, könnte er sich das Sticken nicht mehr leisten.

Das Wissen bewahren

Die letzten Handsticker verfügen über ein Wissen, das unwiederbringlich verloren gehen könnte. Sie sind Zeitzeugen einer untergegangen Epoche. Handstickmaschinen gibt es zwar noch einige, etwa im Textilmuseum in St. Gallen oder im Saurer-Museum in Arbon. Aber wer hat das Garn dazu? Wer die Musterblätter für den Pantographen? Und vor allem: Wer weiss die Geschichten dazu?

Es gibt Anzeichen, dass ein Teil des Erfahrungsschatzes bewahrt werden kann. Das Textilmuseum in St. Gallen hat regelmässig Kontakt mit Hollenstein. Er und sein Bruder geben ihre Kenntnisse an interessierte Stickerinnen weiter.

Und solange er mag, zeigt Bernhard Hollenstein angemeldeten Besuchern die Handstickmaschine in seinem Haus in Dreien und erzählt, wie schön das Sticken ist, aber auch wie es war, als Kind mithelfen zu müssen, damit der Verdienst stimmte.

(Informationen unter www.handstickerei.ch)

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SDA-ATS