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Mit wenig Kredit ist Russland zur Heim-WM angetreten, nun steht die Mannschaft von Stanislaw Tschertschessow überraschend in den Viertelfinals. Der Gastgeber beginnt zu träumen.

Noch ehe Igor Akinfejew am Sonntag mit seinen beiden Penalty-Paraden zum landesweiten Helden avancierte, hatten sich die Zuschauer im Luschniki-Stadion in Moskau bereits in den Armen gelegen. Der Abpfiff von Schiedsrichter Kuipers nach der regulären Spielzeit war wie ein Sieg gefeiert worden, derjenige nach der Verlängerung erst recht. Die knapp 80'000 Zuschauer trauten ihren Augen kaum: Ihr Team schaffte es tatsächlich, gegen den haushohen Favoriten Spanien nicht als Verlierer vom Platz zu gehen.

Mit "Rossija, Rossija"-Rufen hatten sie ihre Mannschaft nach vorne gepeitscht; je länger das Spiel dauerte, desto heftiger, leidenschaftlicher und ekstatischer ertönten ihre Rufe - bis zum rauschenden Ende mit dem Sieg im Penalty-Krimi. "Rossija, Rossija" tönte es auch später in den Metros, den Bars und den öffentlichen Plätzen der Zwölf-Millionen-Metropole. Der Jubel in den Strassen Moskaus war ausgelassen, der Alkohol floss im Übermass, viele machten nach dem grössten Erfolg einer russischen Fussball-Mannschaft seit dem Zerfall der Sowjetunion die Nacht zum Tag.

"Vor drei Wochen liefen diejenigen Gefahr, für verrückt erklärt zu werden, die daran glaubten, dass Russland die Vorrunde überstehen würde", schrieb die Zeitung "Rossijskaja Gaseta". Nun kämpft der Gastgeber gegen Kroatien um den ersten Halbfinal-Einzug seit der UdSSR 1966. Sogar die russischen Kosmonauten auf der rund 400 km von der Erde entfernten Internationalen Raumstation ISS gratulierten der "Sbornaja" zur Viertelfinal-Qualifikation. Und auch die Politik nahm den Steilpass des sportlichen Erfolgs dankend an. Ein Kreml-Sprecher verglich die Feierlichkeiten vom Sonntag mit denjenigen im Mai 1945 und der Kapitulation Deutschlands zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Pragmatismus als Trumpf

Auf ausgelassene russische Jubelfeiern hatte vor dem Turnier nichts hingedeutet. Sieben Testspiele in Folge war die Mannschaft ohne Sieg geblieben, ausgerechnet bei Präsident Wladimir Putins Prestigeobjekt drohte das sportliche Waterloo. T-Shirts mit dem Slogan "No Dope, no Hope" mit dem Konterfei des zurückgetretenen WM-Cheforganisators Witali Mutko wurden in Anspielung auf den Olympischen Dopingskandal von 2014 und die Gerüchte um gedopte russische Fussballer in den Souvenirläden in der Moskauer Innenstadt angeboten.

Dem Team fehlen grossartige Individualisten, wie es das grösste Land der Welt immer wieder hervorgebracht hat. Lew Jaschin, der "Schwarze Panther", der als bester Torhüter seiner Generation die Sowjetunion 1966 auf Platz 4 führte. Oder Igor Belanow, der ukrainische Goalgetter, der 1986 mit der UdSSR in einem der spektakulärsten WM-Achtelfinals der Geschichte Belgien in der Verlängerung 3:4 n.V. unterlag und zwei Jahre später mit ihr den EM-Final erreichte. Oder Andrej Arschawin, das technische Genie, das 2008 an der EM in der Schweiz und Österreich nur vom späteren Europameister Spanien gestoppt werden konnte.

Die Stärken der heutigen Mannschaft sind weder Genialität, Intuition noch Kreativität, sondern Teamgeist, Laufbereitschaft und Kampfkraft. Sinnbildlich dafür stand gegen Spanien der bald 39-jährige Innenverteidiger Sergej Ignaschewitsch, der in seinem 126. Länderspiel kämpfte, köpfelte und klärte, als gäbe es kein Morgen. Die Russen legten 146 Kilometer und damit neun mehr als ihre Kontrahenten zurück. "Wir sind zu 23 Brüdern geworden", sagte Stürmer Artem Dsjuba, der beim Penalty zum 1:1 den einzigen russischen Torschuss abgab. Auch die einheimische Zeitung "Sport-Express" schrieb von "schlechtem Fussball".

Dem pragmatischen Trainer Stanislaw Tschertschessow war die Kritik am Spielstil egal, auch der Triumph liess ihn gelassen. "Es ist der Anfang der WM, ich muss meine noch Emotionen aufheben", sagte der ehemalige Torhüter. "Ich denke nur an das nächste Spiel, so einfach ist das." In diesem soll am nächsten Samstag in Sotschi das nächste sportliche Wunder folgen. "Wir haben vor niemandem mehr Angst", schrieb "Sport-Express" weiter.

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SDA-ATS