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Er war nicht nur ein Meister der humorvollen Erzählung. Mit Romanen wie "Deutschstunde" und "Heimatmuseum" schuf Siegfried Lenz herausragende Werke der Nachkriegsliteratur. Am Dienstag ist der gebürtige Ostpreusse im Alter von 88 Jahren in Hamburg gestorben.

Oft ist Siegfried Lenz mit Heinrich Böll und Günter Grass in einem Atemzug genannt worden. Auch wenn er selber nicht zu Nobelpreisehren gelangte, prägte der Autor die deutsche Nachkriegsliteratur stark mit. "Jetzt bleibt die Erinnerung an eine einzigartige Freundschaft, an einen grossen Menschen und als Zeugnis dafür seine Bücher", würdigte Lenz' Verleger und Freund Thomas Ganske den Schriftsteller.

Versöhnung mit Polen

Persönliche Erfahrungen in der Nazizeit und das Leid des Zweiten Weltkrieges waren für Lenz Antriebsquellen seiner literarischen Arbeit und seines politischen Zeugnisses.

Versöhnung mit Polen und Solidarität mit Israel gehörten zu den Anliegen des Autors. Im eigenen Land ging es Lenz um Toleranz, Demokratiefähigkeit und die Fähigkeit, zu einem eigenen Urteil zu kommen. Der Literatur mass er dabei eine begrenzte Bedeutung zu.

Über seine Jugend in Lyck im ostpreussischen Masuren hat Lenz ungern gesprochen. Mit 17, nach dem Notabitur, kam Lenz zur Kriegsmarine. Anfangs begeistert, weckte das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 bei ihm Zweifel: "An diesem Tag stürzte ich aus einer Illusion", sagte er später.

Das nach Kriegsgefangenschaft in Hamburg begonnene Lehrerstudium brach Lenz 1948 ab, um Journalist zu werden. Nach kurzer Arbeit als Kulturredaktor der Zeitung "Die Welt" begann er 1951 als freier Schriftsteller in der Elbmetropole, die seine neue Heimat wurde.

Pflichtbegriff als zentrales Thema

Ein zentrales Thema des Autors wurde die Auseinandersetzung mit dem Pflichtbegriff. Auch in seinem in 35 Sprachen übersetzten Welterfolg "Deutschstunde" (1968) geht es neben einem Vater-Sohn-Konflikt vor allem um die Folgen eines unkritischen Pflichtbewusstseins.

Konsequent versuchte Lenz den Anspruch, verantwortungsvoll die Welt mitzugestalten, für sich umzusetzen. In Wählerinitiativen engagierte er sich in den1960er und -70er Jahren für die SPD. Insbesondere die auf dem Versöhnungsgedanken basierende Ostpolitik Willy Brandts unterstützte der gebürtige Ostpreusse energisch.

Auf Einladung Brandts reiste er - wie auch Günter Grass - 1970 nach Warschau zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages (der Ostpreussen endgültig für Deutschland verloren gab). Schriftstellerisch aufgearbeitet hat Lenz das Thema Heimatverlust in dem auch in Polen gelobten Roman "Heimatmuseum" (1978).

Neben "ernsten" Werken - seit 1951 entstanden 14 Romane, zahlreiche Erzählungen, Essays, Hörspiele und einige Theaterstücke - hat Lenz immer wieder Zeit für Humoristisches gefunden.

In 20 Sprachen übersetzt

Im hohen Alter konnte Lenz mit der Novelle "Schweigeminute" (2008) noch einmal einen grossen Bestseller landen. Der Freund und Kritiker Marcel Reich-Ranicki sprach vom möglicherweise schönsten Buch - vielleicht ein Trost nach dem Verlust seiner Frau. Sie starb 2006, das Paar war 57 Jahre verheiratet.

Lenz' Werke sind nach Angaben des Hamburger Verlages Hoffmann und Campe vom Dienstag in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden, die Weltauflage liegt laut dem Verlag bei mehr als 25 Millionen.

Viele der Ehrungen, die Lenz erfahren hat, spiegeln seine Verantwortung für Politik und Literatur wider: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck, der Bremer Hansepreis für Völkerverständigung, der Goethepreis der Stadt Frankfurt oder die Ehrenbürgerschaften Hamburgs und Schleswig-Holsteins.

Die letzten Jahren war Siegfried Lenz gesundheitlich schwer angeschlagen und auf den Rollstuhl angewiesen. In einer Seniorenresidenz an der Elbchaussee in Hamburg hatte er in seinem Appartement immerhin einen freien Blick auf den so sehr von ihm geliebten Fluss. Sein persönliches Archiv übergab Siegfried Lenz in diesem Jahr dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

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SDA-ATS