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Wirken sollen sie, aber für welchen Preis? Der neuste Auslandpreisvergleich von Medikamenten sorgt wieder einmal für Diskussionen. (Archiv)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

(sda-ats)

Die Schweiz wird ihrem Namen als Hochpreisinsel ein weiteres Mal gerecht: Die Medikamentenpreise sind hierzulande deutlich höher als im Ausland. Die neusten Zahlen bestätigten einen jahrelangen Trend, werden aber von Betroffenen ganz unterschiedlich interpretiert.

Bereits zum achten Mal verglichen der Krankenversichererverband santésuisse und der Branchenverband interpharma im vergangenen September gemeinsam die schweizerischen Medikamentenpreise mit dem Ausland. Die nun präsentierten Ergebnisse gleichen jenen der Vorjahre. Die Fabrikabgabepreise bleiben in der Schweiz viel höher.

Die rund 250 umsatzstärksten patentgeschützten Originalpräparate der Spezialitätenliste waren im Ausland durchschnittlich 14 Prozent günstiger. Beim letzten Preisvergleich im September 2015 war die Differenz mit 10 Prozent noch kleiner gewesen.

Patentabgelaufene Originalprodukte waren im Ausland einen Fünftel günstiger zu kriegen. Beim letzten Vergleich hatte der Unterschied noch 11 Prozent betragen.

Bei den Generika ist der Unterschied noch deutlicher: Solche kosten im wirtschaftlich vergleichbaren Ausland im Schnitt 53 Prozent weniger als in der Schweiz. Oder anders ausgedrückt: Die Schweizer Preise für Generika sind doppelt so hoch als im ausländischen Durchschnitt und die höchsten aller Vergleichsländer.

"Es fehlt eine Preissymmetrie"

Der Trend ist nicht neu, die Probleme sind erkannt, die Akteure sassen auch am Donnerstag vor den Medien in Bern an einem Tisch. Doch die Meinungen der verschiedenen Akteure könnten unterschiedlicher kaum sein. Schlussfolgerungen und Lösungsvorschläge gehen weit auseinander.

Die Pharmalobby stellt klar, dass die Preise in der Schweiz nur leicht gestiegen seien. Der grosse Unterschied zum Ausland rühre auch daher, dass in vielen Vergleichsländern die Preise wechselkursbedingt gesunken seien.

Heiner Sandmeier, der interimistische Geschäftsführer von interpharma, schaut denn auch der weiteren Wechselkursentwicklung kritisch entgegen. "Es fehlt eine Preissymmetrie." Auch wenn sich der Franken abschwächen sollte, könnten einmal gesenkte Preise nicht erhöht werden.

Pharmalobby sieht Fortschritte

Zum aktuellen Auslandpreisvergleich sagte Sandmeier: "Solche Unterschiede sind nichts Aussergewöhnliches." Verglichen mit den steigenden Gesundheitsausgaben oder mit anderen Konsumgütern wie Nahrungsmitteln, Haushaltsgeräten oder Kleidern fielen die Preiserhöhungen bei Medikamenten gering aus.

Zudem seien neue Medikamente schon heute nicht teurer als im ausländischen Durchschnitt, sagte Sandmeier. Betrachte man den Konsumentenpreisindex, sänken die Medikamentenpreise über die Zeit.

Die Vertreter der Pharmaindustrie sind überzeugt, dass das per Anfang März in Kraft getretene neue Preisbildungssystem mit der Preisüberprüfung durch den Bund alle drei Jahre eine zusätzliche Wirkung entfalten wird. "Ich erwarte, dass die Preise erneut gesenkt werden", sagte Sandmeier. Das werde zu namhaften Einsparungen führen.

"Wirkstoff heilt, nicht die Marke"

Dieses neue System hatte interpharma nur zähneknirschend akzeptiert. Es sei immerhin besser als ein Festbetragssystem, wie es die Krankenversicherer seit längerem fordern. Dieses sieht vor, dass bei einem Teil der Medikamente bei gleicher Leistung nur noch das günstigere vergütet werden soll.

Dieser Passus steht im Krankenversicherungsgesetz, wird aber laut den Versicherern zu wenig konsequent angewendet. Generika würden auch deshalb zu wenig rasch an Marktanteilen gewinnen.

Laut Verena Nold, Direktorin von santésuisse, ist das besorgniserregend. "Der Wirkstoff heilt, nicht die Marke", sagte sie. Die Situation bei den Medikamentenpreisen habe sich in den vergangenen zwei Jahren noch einmal verschärft. "Wir müssen handeln, sonst öffnet sich die Schere weiter."

Versicherer sehen grosses Sparpotenzial

Nold fordert weitere Massnahmen, um die Kosten zu senken. Die Preise sollten bei allen Medikamenten jährlich angepasst werden, nicht nur bei einem Drittel. Zudem sollten Ärzte künftig nicht mehr Medikamente, sondern Wirkstoffe verschreiben.

Auch müssten die Markteintrittsbarrieren und Zulassungshürden für Generika abgebaut werden. Werde deren Marktanteil in der Schweiz erhöht, käme die dadurch erzielte Einsparung den Prämienzahlern zugute.

Im Idealfall rechnet Nold mit Einsparungen von rund einer Milliarde Franken. "Jede versicherte Person könnte so jährlich etwa 125 Franken an Prämienkosten sparen." Die Stiftung für Konsumentenschutz stützt diese Rechnung. Auch der Preisüberwacher sieht grosses Sparpotenzial.

Kritik am Preis-Dumping

Weitere Reaktionen zeigen, wie verhärtet die Situation ist. Die Vereinigung der führenden Generikafirmen der Schweiz, Intergenerika, kritisierte den Medikamentenpreisvergleich als unzulässig. Da würden Äpfel mit Birnen verglichen, hiess es in einer Mitteilung.

Der Vergleich sei einmal mehr irreführend, weil er unzulässige Vereinfachungen enthalte und das Preis/Leistungs-Verhältnis in keiner Weise abbilde. Intergenerika warnt vor weiterem Preis-Dumping: Schon heute lägen einige Medikamentenpreise unter den Herstellungskosten.

Auch für den Apothekerverband pharmaSuisse sind weitere Preissenkungen der falsche Ansatz, wie er mitteilte. "Der notwendige Erlös zur Deckung der Personal-, Infrastruktur- und übrigen Betriebskosten ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken." Apotheker setzen über die Hälfte der Medikamente im ambulanten Bereich ab.

SDA-ATS

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