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Altkleidermarkt in der Krise

Eine TEXAID-Mitarbeiterin sondert im Sortierwerk Schattdorf UR brauchbare Textilien aus.

(Keystone)

Noch vor kurzem brachten Kleidersammlungen den Schweizer Hilfswerken namhafte Gewinne. Nun steckt der weltweite Secondhand-Kleidermarkt in einer Krise.

Importe von neuen Billig-Kleidern aus Asien gefährden Arbeitsplätze in der Schweiz und in Afrika.

"In den letzten zwei Jahren sind die Preise für Altkleider auf dem Weltmarkt um fast die Hälfte eingebrochen", sagt Hans Rudolf Benjamin, Geschäftsführer des Recycling-Unternehmens Contex, das unter anderen die Terre des hommes Kinderhilfe an seinen Erträgen beteiligt.

Die drei anderen grossen Schweizer Kleidersammelorganisationen Texaid, SoliTex und SATEX bestätigen die Baisse. Texaid-Präsident Bernhard Burger spricht gar von einer "strukturellen Krise".

Der Preissturz hat mehrere Ursachen. In Europa und Nordamerika haben Modegewohnheiten und die gesunkene Qualität importierter Billigware die Lebensdauer von Kleidern verkürzt, so dass immer mehr Alttextilien anfallen.

In den südlichen Absatzländern stehen die Altkleider in direktem Wettbewerb mit asiatischen Neutextilien.

Gratisentsorgung im Container

Weltweit werden jährlich über eine Million Tonnen Altkleider gesammelt. In der Schweiz werden jährlich gegen 80'000 Tonnen Textilien verbraucht, die Hälfte davon wird eingesammelt.

Marktführerin Texaid, die für das Rote Kreuz, Caritas und andere Hilfswerke tätig ist, verdoppelte ihr Ergebnis innert zehn Jahren auf 17'000 Tonnen.

Auch die Konkurrenz verzeichnet mehr Quantität, bei gleichzeitig sinkender Qualität. "Viele Leute haben die Container als Gratis-Entsorgungsmöglichkeit entdeckt", beklagt Daniela Grämiger von SATEX.

Burger bestätigt: "Seit Einführung der Sackgebühr erhalten wir immer mehr Ware, die nicht einmal mehr für die Herstellung von industriellen Putzlappen taugt."

Arbeitsplätze in der Schweiz und Afrika



Texaid sortiert die Sammelware teilweise in der Schweiz – mit Defiziten. Burger räumt ein, dass die Triage in den Sortierwerken Schattdorf (Uri) und Zürich "eigentlich ein ökonomischer Unsinn" sei.

Doch der Erhalt von 150 Arbeitsplätzen sei wichtig. Die Hilfswerke geben nur wenige gebrauchte Kleider gratis an Bedürftige ab. Der grösste Teil wird in Sortierzentren nach Italien, Osteuropa oder den Benelux-Ländern exportiert.

Höchstens die Hälfte der Sammelware kann nochmals getragen werden. Der Rest wird entweder der industriellen Verwertung zugeführt, etwa als Fasergrundstoff für Vliese und Auto-Innenverkleidungen, oder verbrannt.

Was als Secondhand-Kleidung durchgeht, landet meist zu Ballen verpackt in Entwicklungs- und Ostländern. Dort bietet die Ware unzähligen Sortierern, Händlerinnen, Transporteuren und Detaillistinnen eine Verdienstmöglichkeit.

Pierre Duponchel von der französischen Sammelorganisation Relais spricht von mehreren hunderttausend Arbeitsplätzen allein in Afrika.

Oft sichert das so erzielte Einkommen das Überleben ganzer Familien: "Mein Mann hat seit 30 Monaten keinen Lohn ausbezahlt erhalten", erzählt die Frau eines Elektronikingenieurs im kongolesischen Likasi. "Ich bin ins Secondhand-Geschäft eingestiegen und jetzt reicht mein Einkommen sogar für das Schulgeld unserer Kinder."

Mit etwas Glück bringe der Verkauf eines Ballens Altkleider zehnmal mehr ein als der Monatslohn eines Lehrers.

Massiver Preisdruck



Doch nun droht die Kleiderschwemme aus Asien den Markt aus dem Gleichgewicht zu bringen. "Wir müssen die Preise dauernd nach unten anpassen", klagt Laurent Cambier vom belgischen Unternehmen Petits Riens. Der Export nach Afrika sei heute kaum mehr rentabel.

Es könnte noch schlimmer kommen: Fachleute erwarten ab 2005 eine erneute Umwälzung des Textilmarktes.

Wenn durch das Auslaufen des Welttextilabkommens alle bilateralen Importquoten für Jeans, T-Shirts und andere Massenprodukte fallen, dürften Anbieter aus China und Indien mit neuen Tiefstpreisen den Markt überschwemmen – mit direkten Folgen für den Altkleiderhandel.

Die Schweizer Sammelorganisationen haben immerhin einen Vorteil: "Unsere Ware wird als hochwertiger eingeschätzt als jene aus anderen europäischen Ländern", sind sich Benjamin und Burger einig. Objektiv sei der gute Ruf aber wohl nicht gerechtfertigt.

Benjamin verweist darauf, dass in einigen europäischen Regionen die Kleidersammlungen mangels Rentabilität eingestellt wurden – nicht mehr gebrauchte Textilien landen in Müllverbrennungsanlagen. "Soweit kommt es in der Schweiz hoffentlich nicht", sagt der Contex-Chef.

Entsorgungsgebühr gefordert



Doch die Möglichkeiten, die stark geschrumpften Erträge wieder zu verbessern, sind beschränkt.

Die aufwändige Strassensammlung wird bereits unter den Organisationen koordiniert und zudem zunehmend durch die Containersammlung ersetzt; eine Automatisierung der Sortierung ist kaum machbar und die Transportkosten steigen tendenziell an.

Bernhard Burger stellt deshalb eine vorgezogene Recyclinggebühr zur Diskussion. "Es geht nicht an, dass die Hilfswerke einen Entsorgungsauftrag erfüllen“, sagt er.

Besonders ärgert den Texaid-Präsidenten, dass die Modehäuser zwar immer mehr Labels bezüglich Kinderarbeitsverbot oder ökologischem Baumwollanbau einführen. "Aber die Labels hören im Laden auf. Die Importeure und der Handel müssen sich künftig auch um die Entsorgung kümmern", fordert er.

In den Absatzländern haben die Käufer manchmal ganz andere Sorgen mit ihren Secondhand-Kleidern. So erzählt ein methodistischer Priester aus dem kongolesischen Lubumbashi: "Kürzlich habe ich eines meiner T-Shirts verbrannt. Es hatte den englischen Aufdruck: "Ich bin Mitglied der Kalifornischen Kirche Satans."

swissinfo, Boris Bögli (InfoSüd)

Fakten

Weltweit werden jährlich mehr als 1 Million Tonnen Altkleider gesammelt, davon 40'000 Tonnen in der Schweiz.
Höchstens die Hälfte der Sammelware kann nochmals getragen werden.

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