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Alzheimer - Preis für eine höhere Lebenserwartung

Zürcher Stadtarzt und Alzheimer-Experte Albert Wettstein.

(Keystone Archive)

Die Zahl der Alzheimer-Kranken in der Schweiz nimmt zu: Rund ein Drittel der Menschen über 85 Jahre leidet an dieser Demenz-Krankheit. Noch gibt es keine Heilung.

Die Forschung läuft auf Hochtouren, doch die Hoffnung auf schnellen Erfolg ist klein, sagt der Zürcher Stadtarzt und Alzheimer-Experte Albert Wettstein im Gespräch mit swissinfo.

Alzheimer ist eine grausame Krankheit. Sie zerstört Milliarden Nervenzellen im Gehirn und macht aus Menschen hilflose Geschöpfe, die rund um die Uhr Betreuung brauchen, bevor sie nach zehn, zwölf Jahren schliesslich sterben.

Mit der steigenden Lebenserwartung in unserer Gesellschaft gewinnt die Demenz-Krankheit an Bedeutung.

Am Wochenende treffen sich einige Hundert Wissenschafter im amerikanischen Philadelphia zum internationalen Alzheimer-Kongress.

Es werde unglaublich viel Geld in die Forschung gesteckt, doch bis heute sei die Wirkung der Medikamente bescheiden, sagt der Alzheimer-Spezialist Albert Wettstein, Chefarzt des Stadtärztlichen Dienstes in Zürich.

Im Zentrum stehe deshalb die Frage, wie man den Alltag für Kranke und die Angehörige möglichst lebbar machen könne.

swissinfo: Die Alzheimer-Erkrankungen nehmen stetig zu – weshalb?

Albert Wettstein: Das liegt daran, dass – glücklicherweise – immer mehr Leute alt werden und damit in ein Alter kommen, in dem Alzheimer häufig ist.

swissinfo: Die Krankheit an sich verbreitet sich nicht?

A.W.: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: Die Krankheit dürfte etwas abnehmen, weil es dank besserer Kontrolle des Blutdrucks und Cholesterin-Spiegels weniger Hirnschläge gibt, und weniger Hirnschläge heisst weniger Demenz.

swissinfo: Die genaueren Diagnosen haben die Zahlen wohl ebenfalls in die Höhe getrieben?

A.W.: Mein Grossvater sagte über seinen Grossvater, der Alzheimer hatte, er sei kindlich geworden. Mein Vater sagte von seinem Vater, er habe Arterien-Verkalkung gehabt. Ich sage von meinem Grossvater, er hatte einen beginnenden Alzheimer.

Der Name, den wir geben, hat sich verändert, das Krankheitsbild nicht. Das ist unverändert seit 800 vor Christus, als Homer in der Titonos-Sage die Krankheit in Details beschrieben hat.

swissinfo: Zum Kongress in Philadelphia trifft sich die Spitze der Wissenschafter: Was sind die Erwartungen und Hoffnungen an die Forschung?

A.W.: Es gibt zwei Themen, die brandaktuell sind:

Eine Studie aus England stellt die bisherigen Erfolge in der medikamentösen Behandlung von Alzheimer-Patienten in ein ernüchterndes Licht. Die ganze Alzheimer-Behandlungsgemeinschaft hat hier eine kalte Dusche bekommen.

Die Behandlung der Alzheimer-Krankheit mit den heute gängigen Medikamenten bringt gemäss Studie keine Verzögerung einer Heim-Platzierung um zwei Jahre, wie dies bei der Anpreisung der Mittel behauptet wurde.

Die Studie, die nicht von der Pharmaindustrie gesponsert wurde, sondern vom staatlichen Gesundheitswesen neutral durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass die Medikamente zwar wirken - während zwei Jahren, dass sie aber nur eine Verzögerung des Abbaus um etwa drei Monate bewirken. Das sind für den Alltag aber keine relevanten Verbesserungen.

swissinfo: Das muss eine grosse Enttäuschung sein?

A.W.: Die Insider wussten das schon lange. Wir haben zwar den Fortschritt gegenüber früher, wo es nichts gab, betont. Aber wir wussten immer, dass die Wirkung relativ bescheiden ist. Sie bringt für die wirklich entscheidenden Parameter "Verhaltensstörungen" und "Heimplatzierung" kaum etwas.

swissinfo: Sie haben ein zweites aktuelles Thema genannt, das am Kongress in den USA diskutiert wird...

A.W.: Möglicherweise gibt es trotzdem medikamentöse Strategien, um die Progression der Krankheit wirkungsvoll bremsen zu können.

Am Kongress sollen zwei solche Studien vorgestellt werden, die untersuchen, wie der Übergang von leichten kognitiven Beeinträchtigungen in eine klare Demenz durch ein Medikament vielleicht verzögert werden kann.

Die Hoffnungen sollten aber nicht zu hoch gesteckt werden.

swissinfo: Grosse Erwartungen weckt noch immer das Projekt einer Alzheimer-Impfung, das an der Universität Zürich vorangetrieben wird. Gibt es neue Erkenntnisse?

A.W.: Die Impfung wäre natürlich eine unglaublich elegante Methode. Man muss ein paar Mal den Impfstoff spritzen, und dann würden - wie bei den Mäusen im Labor - Antikörper die unerwünschten Alzheimer-Proteine auffressen. In Tests hat dieses Verfahren gewirkt, und der Verlauf der tödlichen Krankheit konnte gebremst werden.

Das Problem sind die hohen Nebenwirkungen bei einem Teil der Probanden. Es sind zwar nur 8 Prozent betroffen; 92 Prozent konnten profitieren, was sehr ermutigend ist.

Dennoch muss nun an einem neuen, gezielter wirkenden Impfstoff geforscht werden, um die Komplikationsrate zu reduzieren.

swissinfo: Wie viele Jahre wird diese Suche dauern?

A.W.: Es geht sicher noch mindestens 10 Jahre, bis man mit dem Impfstoff etwas erreichen kann.

Bis auf weiteres existieren also keine medikamentösen Behandlungen, die den Krankheitsverlauf nachweisbar verändern können.

Aber: Es fliesst in der ganzen Welt unglaublich viel Geld und Forscher-Geist in die Erforschung dieser Krankheit, und das wird auch so bleiben. Deshalb ist auch jedes Jahr mit neuen Überraschungen zu rechnen.

swissinfo: Welche Herausforderungen stellt Alzheimer an unsere immer älter werdende Gesellschaft?

A.W.: Es ist mit Abstand der wichtigste Grund, weshalb Menschen im Alter pflegebedürftig werden. Es ist auch die am meisten gefürchtete Alterskrankheit. Sie macht Angst und ist hauptsächlich daran schuld, dass das Altwerden einen so schlechten Ruf hat.

Was im Alzheimer-Bereich geschieht, ist für unsere Gesellschaft von äusserster Wichtigkeit: Von der Ökonomie der Altersversorgung, der Pflegeversicherung bis zur Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung AHV.

Wichtig ist, dass man sich – wenn man eine Verschlechterung des Gedächtnisses beobachtet - gut abklären lässt, um den Angehörigen zu helfen, mit der Krankheit besser fertig zu werden.

Das Schwergewicht am Kongress in Philadelphia sind denn auch die möglichen nicht-medikamentösen Massnahmen, um das Los der Patienten und der Angehörigen zu erleichtern.

Da gibt es relativ vieles, das wirkt und gut untersucht ist: Spezielles Training für die Kranken beispielsweise und Schulung der Angehörigen, um mit der hohen Belastung besser fertig zu werden. Sie lernen dort die Krankheit kennen, und sie bekommen Instruktionen, wie sie auf Verhaltensstörungen der Kranken richtig reagieren.

swissinfo-Interview: Katrin Holenstein

Fakten

In der Schweiz leben heute gegen 90'000 Demenz-Kranke. "In zwanzig Jahren werden es 120'000 sein", rechnet Albert Wettstein.
Es wird geschätzt, dass fast 30% der über 85-Jährigen an Alzheimer leiden.
Drei von fünf Patienten leben zu Hause.
Im Betreuungsangebot klaffen jedoch Lücken (Spitex, Tagesstätten, Ferienangebote).

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In Kürze

Alzheimer ist die häufigste Demenz-Form (organische Erkrankung der Grosshirnrinde mit Verlust intellektueller Fähigkeiten - v.a. Gedächtnis - und Persönlichkeits-veränderungen).

Div. Ursachen sind im Spiel: Vererbung, Entzündung, Umweltgifte, psychische Einflüsse.

Sie heisst nach dem deutschen Pathologen Alois Alzheimer (1864 – 1915).

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