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Am 1. Mai laden Arbeiter ihre Batterien auf

Vasco Pedrina, Co-Präsident der Unia, der grössten Gewerkschaft der Schweiz. Keystone

Für Vasco Pedrina akzentuieren die politischen Veränderungen nach den Wahlen von 2003 die sozialen Unausgewogenheiten und Sozialpartner-Spannungen.

Dieser Inhalt wurde am 28. April 2005 - 15:07 publiziert

Im Interview mit swissinfo geht der Co-Präsident der Unia auf die Auseinandersetzungen ein, welche die Gewerkschaften in der Schweiz erwarten.

swissinfo: Herr Pedrina, vor rund 20 Jahren haben Sie begonnen, 1.-Mai-Ansprachen zu halten. Hat sich der Sinn dieses Tages für Sie seither verändert?

Vasco Pedrina: Der 1. Mai steht für mich auch heute für einen Tag, an dem Werte wie Solidarität, soziale Gerechtigkeit, Freiheit und nicht zuletzt Friede hervorgehoben werden. Diese Werte sind nicht mehr und nicht weniger als die Pfeiler der Arbeitswelt und des gewerkschaftlichen Kampfs.

Für alle, die am 1. Mai mitfeiern – auch für mich, der an diesem Tag Ansprachen hält – gilt dieser Tag als Zeitpunkt, um nachzudenken und Bilanz zu ziehen. Aber auch als Gelegenheit, die Batterien aufzuladen – mit Blick auf die kommenden Kämpfe im Sozialbereich.

swissinfo: A propos Auseinandersetzungen – in den vergangenen Monaten scheinen die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften gespannter geworden zu sein. Spüren Sie das in ihrer täglichen Arbeit?

V.P.: Leider ja. Die Spannungen sind eine Folge der rechtslastiger gewordenen Politik, die seit über einem Jahr im Parlament und in der Regierung vorherrscht.

Wir fühlen, wie in den Arbeitgeber-Organisationen jene sehr ideologisierte Denkweise zunimmt, die sich an den Thesen der Schweizerischen Volkspartei (SVP) orientiert. Derselbe Wind weht auch aus den Denkfabriken der Arbeitgeberschaft, beispielsweise bei Avenir Suisse.

Akzentuiert werden die Spannungen sicher auch durch die Sparpolitik, die von den öffentlichen Institutionen an allen Fronten betrieben wird. Ihr fallen sogar Arbeitsplätze zum Opfer.

Mit diesem Abbau der Beschäftigung werden nicht nur zusätzliche Sozialausgaben kreiert. Diese Politik bremst auch den Konsum und damit die Wiederankurbelung der Konjunktur.

swissinfo: Während der Bund Beschäftigung abbaut, hat der Privatsektor Mühe, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dennoch haben grosse Schweizer Unternehmen 2004 gute Resultate, teilweise gar Rekordergebnisse ausgewiesen.

V.P.: Das ist es ja gerade, was derart skandalös erscheint. Diese neoliberale Politik manifestiert sich auch in den Dienstleistungssektoren wie Banken und Versicherungen.

Sie verbreitert die Kluft zwischen der Mehrheit der Arbeitnehmer mit ihrer abnehmenden Kaufkraft und den Managern, die immer reicher werden. Diese haben heute nicht einmal mehr in der Schweiz moralische Skrupel.

Während die Einkommen der Manager wachsen, nimmt andererseits die Anzahl der Leute zu, denen am Monatsende das Geld fehlt. Der 1. Mai ist deshalb eine gute Gelegenheit, für einen Richtungswandel zu appellieren. Das wäre im Sinne sowohl eines Konsenses zwischen den Sozialpartnern als auch einer demokratischen Zivilgesellschaft.

swissinfo: Der Wirtschaftsverlauf in der Schweiz zeigt sich seit etlichen Jahren eher von seiner blutleeren Seite. Wie lauten die Rezepte der Gewerkschaften, dem Wirtschaftsmotor wieder mehr Saft zuzuführen?

V.P.: Seit einigen Jahren schlägt sich der Exportsektor vergleichsweise gut, während die Binnenwirtschaft stagniert. Die beste Methode, den Wirtschaftsmotor wieder anzukurbeln, besteht deshalb darin, den Konsum zu unterstützen.

Also sollte man auf die Erhöhung der Kaufkraft der Arbeitnehmer achten – mittels einer gerechteren Verteilung des Einkommens-Kuchens.

Vom Staat andererseits könnte man sich wünschen, dass er in zukunftsträchtige Sektoren investiert. Die Kombination dieser beiden Massnahmen könnte, zusammen mit einer guten Geldpolitik, der Schweiz ermöglichen, wieder bessere Wachstumsraten auszuweisen.

swissinfo: Die Schweizer Unternehmen beschränken sich nicht mehr nur auf den Export. Immer mehr dislozieren sie gleich selbst mit, weil die Produktionskosten in den aufstrebenden Märkten tiefer liegen. Dies lässt die Arbeitslosigkeit in der Schweiz als zu hoch erscheinen. Ist diese Tendenz beunruhigend?

V.P.: Die Auslagerung an sich wäre kein grosses Problem, falls die Unternehmen bei all dem in der Lage bleiben, weiterhin in der Schweiz Innovation zu betreiben sowie neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Das läuft beispielsweise in der Pharmabranche so. Sie eröffnet im Ausland neue Fabriken, doch produziert sich weiterhin im Inland.

Für die Schweiz ist es deshalb wichtig, auf die Produktion von solchen Gütern und Dienstleistung zu zielen, die einen hohen Mehrwert abwerfen. Dazu braucht es qualifiziertes und motiviertes Personal.

Also ein Personal, mit dem korrekt umgegangen wird, was die Arbeitbedingungen betrifft. Denn nur so ergibt sich eine gute Motivation.

swissinfo: Auch die Erweiterung des freien Personenverkehrs auf die neuen Länder der EU beschäftigt die Gewerkschaften. Genügt das Massnahmenpaket des Parlaments, um ein Lohndumping zu verhindern?

V.P.: Diese flankierenden Massnahmen sind ein wichtiger Schritt, den wir nach einer harten Auseinandersetzung mit einem Parlament, das immer unsensibler gegenüber sozialen Problemen wird, errungen haben.

Es verbleiben jedoch einige offene Punkte. Auf jeden Fall müssen diese Massnahmen auch von einigen Kantonen angewendet werden. Und in gewissen Kantonen zeichnet sich ein Kampf ab, der sich bisher als recht schwierig erweist.

Flankierende Massnahmen gegen das Dumping können ausserdem nur dann Erfolg haben, wenn sie sich auf Konkretes abstützen, beispielsweise auf solide Gesamtarbeitsverträge. Hier macht uns der Umstand Sorge, dass in einigen Sektoren wie der Bauwirtschaft die Arbeitgeberschaft versucht, das Arbeitsvertragswerk zu schwächen.

In einem solchen Fall würde es uns sehr schwer fallen, unsere Basis davon zu überzeugen, für eine solche Öffnung gegenüber Europa zu stimmen.

swissinfo-Interview: Armando Mombelli
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)

In Kürze

Die Gewerkschaft Unia entstand im Oktober 2004 aus dem Zusammengehen der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen (SMUV), der Gewerkschaft Verkauf, Handel, Transport, Lebensmittel (VHTL), der "unia" und "actions".

Mit über 200'000 Mitgliedern und rund 100 Sekretariaten ist die Unia landesweit die grösste Gewerkschaft.

Die berufsübergreifend operierende Unia wirkt als Partner in rund 500 Gesamtarbeitsverträgen (GAV) mit, an denen rund eine Million Arbeitnehmer beteiligt sind.

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Fakten

Am 28. Juni 1950 in Airolo geboren, besuchte Vasco Pedrina die Handelsschule in Bellinzona. Er studierte Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg.
Seit den 80er-Jahren ist Pedrina im Gewerkschafts-Wesen aktiv.
Während vieler Jahre führte er die Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI).
1999 wurde er Vizepräsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).
Ab 2005 wurde er Co-Präsident der Unia, zusammen mit Renzo Ambrosetti, ebenfalls einem Tessiner.

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