Schweizer Zeitzeugen der Yanomami-Kultur

Ein Bild aus der Ausstellung zum Werk von Claudia Andujar in der Fondation Cartier in Paris. Es zeigt zugleich Gelassenheit und Unbekümmertheit wie auch die Bedrohung eines Volks, dessen Lebensweise bedroht ist, zu verschwinden. Claudia Andujar / Fondation Cartier

Die Fondation Cartier für zeitgenössische Kunst in Paris widmet der Schweizer Fotografin Claudia Andujar eine grosse Ausstellung. In den 1960er-Jahren hatte sich ihr Weg mit dem des Genfers René Fuerst gekreuzt, der ihre Aufmerksamkeit für die Yanomami im Amazonas-Regenwald weckte.

Dieser Inhalt wurde am 22. Februar 2020 - 11:00 publiziert
Mathieu van Berchem, Paris

1974: Claudia Andujar kehrt nach ihrem ersten Besuch drei Jahre zuvor in das Gebiet der Yanomami zurück. Sie hatte alles für einen langen Aufenthalt geplant, einschliesslich etwa hundert Filme, in Styroporkisten verpackt, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen.

Das war eine gute Idee, denn in dieser Ecke des Amazonas regnet es in Strömen; ihr Tonbandgerät und die schöne Hängematte, die sie in Sao Paulo gekauft hatte, werden klatschnass.

Nach Paris wird die dem Werk von Claudia Andujar über die Yanomami gewidmete Ausstellung vom 6. Juni bis zum 23. August 2020 im Fotomuseum in Winterthur gezeigt.

Lesetipp: Yanomami, premiers et derniers Amazoniens, von René Fuerst, erschienen bei Editions 5 Continents.

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Die Fotografin ist fiebrig, wegen eines verflixten Medikaments gegen Malaria, an der sie schon lange leidet. Sie folgt Yanomami-Jägern. "Ich hatte nicht gewagt, zu fragen, wohin wir gehen", sagt sie in einer Tonaufnahme von damals. Die Indianer bringen Wild zurück, schon zerlegt, eingewickelt in Bananenblätter.

Im Wald ist das Licht so schwach, dass sie die Lichtempfindlichkeit des eingelegten Films für ihre (analoge) Fotokamera auf 3200 ASA "hochschrauben" musste, wie man damals sagte. Im Verlauf einiger Monate wird Andujar nicht nur ihren eigenen fotografischen Stil finden – Schwarz-Weiss-Aufnahmen, sehr nah am Motiv, mit einem sehr groben Korn, Bilder, die manchmal fast abstrakt wirken – sondern auch den Sinn ihres Lebens.

"Wie eine grosse Familie"

"Die Yanomami scheinen immer glücklich zu sein, es gibt keine Spannungen zwischen ihnen, es ist wie eine grosse Familie", sagt sie in der oben erwähnten Aufnahme weiter. "Es ist das pure Gegenteil der "angry ones", der "Zornigen", auf welche die Indianer in dieser Zeit zunehmend stossen: Die Weissen, Goldgräber, Missionare und Soldaten, die sich in den 1970er-Jahren in der Region breitmachen.

"Ich glaube, ich dokumentiere das Leben eines primitiven Volks auf eine Art und Weise, wie es nie zuvor getan wurde", schreibt sie an die Guggenheim-Stiftung, mit der Bitte um eine Verlängerung ihres Stipendiums.

Die Ausstellung der Fondation Cartier für zeitgenössische Kunst mit dem Titel "Claudia Andujar. La Lutte Yanomami" zeichnet jene Jahre nach, in denen dieses "primitive" Volk – heute würde die Fotografin sicher den Begriff "traditionell" vorziehen – von der "Zivilisation" und deren Folgen, fast alle schädlich, erschüttert wurde: Krankheiten, welche die Yanomami bis dahin nicht gekannt hatten, Wandel in der Art und Weise ihrer Bekleidung, Eindringen von Wirtschaft und Handel in ihren Lebensraum und anderes mehr.

Eine Frau wendet einen Maniok-Kuchen mit einer Holzschaufel. Im Gegensatz zu jenen der Künstlerin Claudia Andujar sind die Fotos von René Fuerst die eines Ethnologen, dokumentarisch. René Fuerst

Kriegstragödie

Claudia Andujar wurde 1931 in Neuenburg als Tochter der Schweizer Protestantin Germaine Guye und des ungarischen Juden Siegfried Haas geboren. Die Familie lebte in Transsylvanien, einer Region zwischen Ungarn und Rumänien.

Ab 1940 stand Ungarn auf Seiten der Nazis. Der Vater und die ganze Familie väterlicherseits wurden in das Ghetto von Oradea geschickt, dann deportiert und schliesslich in Auschwitz imgebracht. Das Mädchen und seine Mutter flohen in die Schweiz; nach dem Krieg wanderte Claudia in die USA aus, wo sie eine Zeitlang lebte, bevor sie sich schliesslich in Brasilien niederliess.

Sie machte zunächst für amerikanische und brasilianische Zeitschriften Foto-Reportagen über Brasilien, besonders über die ärmsten Bevölkerungsgruppen. Dann traf sie den Genfer René Fuerst, der sie zu den Yanomami führte.

Der Ethnograf Fuerst, ein "unabhängiger Autodidakt", wie er sich selbst beschreibt, erkundete seit 1955 Indianerregionen in Brasilien. "Claudia war auf der Suche nach einem neuen Gebiet für ihre Foto-Reportagen. Wir waren Freunde geworden, und ich dachte, ihr Talent könnte den Yanomami nützlich sein", sagt der Forscher, der jüngst "Indiens d'Amazonie. Vingt belles années (1955-1975)" veröffentlicht hat, erschienen bei 5 Continents Editions.

Forscher-Ansatz

Fuerst verfolgte einen sehr unterschiedlichen fotografischen Ansatz: Wenn er sich aufmachte, um Gegenden zu besuchen, die von indigenen Stämmen bewohnt waren, kaufte er jeweils Waffen und Munition ein, sowie die "bei den Indianern beliebteste Währung, das heisst, 15 Kilogramm mittelgrosse Porzellanperlen, rote, blaue und weisse".

Denn er musste von seinen Reisen Objekte für die ethnografischen Museen von Genf, Basel und Berlin zurückbringen. Zum Beispiel Urubu-Federn, Wayana-Töpfe und Ton, oder Bögen und Pfeile der Yanomami.

Das hatte nichts Skandalöses an sich: Auch der Vater des Strukturalismus, Claude Lévi-Strauss, kaufte für seine Expeditionen aus den gleichen Gründen Perlen. An der Kreuzung Réaumur-Sébastopol in Paris, wie er selbst beschrieb, während Fuerst seine Perlen in Rio von libanesischen Importeuren erwarb.

Alarmiert über die ernsthafte Bedrohung der indigenen Völker Brasiliens, beschloss das Internationale Komitee vom Roten Kreuz 1970, eine Delegation in den Amazonas zu entsenden und machte Fuerst zum wissenschaftlichem Berater der Mission. Diese Erfahrung verhalf ihm zu einem einzigartigen Wissen über die indigene Bevölkerung.

Ritueller Tanz der Yanomami-Jäger. Claudia Andujar ist in die schamanische Kultur dieses Amazonas-Volks eingetaucht. Mit verschiedenen Prozessen (in einer Zeit vor elektronischen Filtern) verlieh sie ihren Fotos oft magische Farbtöne. Claudia Andujar

Vaseline auf der Linse, halluzinogene Experimente

Andujar trieb ihrerseits das Eintauchen in das Universum der Yanomami weiter voran. Sie lebte mit ihnen, ass an ihrer Seite, versuchte sogar das halluzinogene Yakoana-Pulver. Die erste Reaktion? "Eine unkontrollierbare Übererregung. Ich dachte, ich würde verrückt werden und wollte die Wände erklimmen", sagt sie im Ausstellungskatalog. Dann beginnt die "Reise". "Man hat das Gefühl, keinen physischen Körper mehr zu haben, und zu einem 'universellen Wesen' zu werden."

Um die schamanischen Rituale in ihren Bildern darzustellen, nutzte die Fotografin verschiedene Methoden: Darunter Doppelbelichtung, Vaseline auf der Linse, um verschwommene Ränder zu erzeugen, oder spezielle Verschlusszeiten, was dem Tageslicht übernatürliche Aspekte verleihen kann. "Es ist wie ein schamanisches Ritual", wird sie im Ausstellungskatalog zitiert.

Subjektive Ausdrucksform

Es sind dunkle, faszinierende Fotos, bei denen Spiritualität wichtiger ist als der Alltag. "Ich finde Claudias Vision der Yanomami sehr schön, aber ein bisschen traurig", sagt Fuerst heute.

"Es stimmt, dass ihre Situation dramatisch ist, aber sollte man das noch verstärken? Sie fotografiert viele schamanische Zeremonien, und sie hat Recht, aber es gibt Tausend andere Aspekte der Yanomami-Kultur". Claudia habe die subjektive Sichtweise einer Künstlerin, sagt Fuerst, und er selber eher die eher dokumentarische Sichtweise eines Forschers.

"Nach Jahren des Fotojournalismus in der Zeit zwischen 1950 und 1960 entfernte sich Claudia Andujar von der rein dokumentarischen Fotografie", sagt Leanne Sacramone, Kuratorin der Fondation Cartier in Paris. "Ihr damaliger Ehemann, der Fotograf George Leary Love, ermutigte sie, den Weg des Experiments weiter zu gehen und die Fotografie als subjektive Ausdrucksform zu betrachten."

Gefahr bleibt bestehen

Einig sind sich Andujar und Fuerst bei der Warnung vor der Gefahr einer völligen Ausrottung des Volks der Yanomami. Vor allem, seit Jair Bolsonaro Präsident wurde.

"Es gibt kein indigenes Land, auf dem es keine Mineralerze gibt. Gold, Zinn und Magnesium finden sich auf diesem Grund und Boden, vor allem im Amazonas-Gebiet, der reichsten Region der Welt. Ich werde mich nicht auf diese Manie einlassen, Land für Indianer zu verteidigen", hatte Bolsonaro erklärt, bevor er Präsident wurde.

Eine Botschaft, welche die illegalen Goldgräber, die "Garimpeiros", die seit seiner Wahl zu Tausenden in das Gebiet der Yanomami eingedrungen sind, laut und deutlich gehört haben.

Der Einbaum ist ein leichtes Reise- und Transportmittel, das aus einem einzigen, sechs Meter langen Stück Rinde besteht, das geschickt direkt aus dem Baum geschnitten und geformt wird. René Fuerst

50 Jahre Kampf

1970: Der Bau der transamazonischen Strasse im Süden des Yanomami-Territoriums durch die brasilianische Militärregierung öffnet die Region für Abholzungs- und landwirtschaftliche Kolonisierungsprojekte und verursacht die Zerstörung ganzer Gemeinden, indem er die Ausbreitung von Epidemien fördert.

1978: Claudia Andujar gründet zusammen mit dem Missionar Carlo Zacquini und dem Anthropologen Bruce Albert die Commissão Pro-Yanomami (CCPY) und startet eine Kampagne zur Abgrenzung ihres Territoriums, eine wesentliche Voraussetzung für das physische und kulturelle Überleben dieses Volks.

1989: Als Antwort auf die von der brasilianischen Regierung unterzeichneten Dekrete zur Zerstückelung des Yanomami-Gebiets in neunzehn Mikroreservate erstellt Andujar das audiovisuelle Manifest "Genocide of the Yanomami: Death of Brazil (1989-2018)", das auf Fotos aus ihren Archiven fusst.

1992: Die brasilianische Regierung erklärt sich bereit, das Territorium der Yanomami rechtlich anzuerkennen. Die Unversehrtheit dieses Gebiets und damit die Lebensgrundlage der Yanomami sind jedoch bis heute bedroht durch eine massive Invasion von Goldgräbern und die von Grossbauern und Viehzüchtern verursachte Abholzung.

(Quelle: Fondation Cartier)

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