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An der AKW-Beerdigung reichen sich die alten Feinde die Hand

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Ende Jahr wird das AKW-Mühleberg endgültig abgestellt. Eine Trauerfeier findet nicht statt, aber auch kein Freudenfest. Keystone/Peter Klaunzer

Wenige Wochen vor der ersten Stilllegung eines Atomkraftwerks in der Schweiz ist die Debatte um dessen Sicherheit bereits zum Stillstand gekommen. Nach jahrzehntelangem Kampf ziehen die Betreiberin und die AKW-Gegner nun am gleichen Strick.

Dieser Inhalt wurde am 26. Juli 2019 - 10:00 publiziert

Jahrelang waren sie sich spinnefeind. Jetzt sind sie des Lobes voll für die andere Seite. "Der Unterschied zu früher ist frappant. Ich habe eine neue BKW [Betreibergesellschaft des Kernkraftwerks Mühleberg, n.d.R.] kennengelernt, die mit den Leuten einen Dialog führt und nicht nur Communiqués verschickt", sagt Peter Stutz. Der Geschäftsleiter des Vereins NWA (Nie wieder Atomkraftwerke) vertritt seine Organisation in der "Begleitgruppe NGO", welche die BKW 2015 ins Leben rief, um auch AKW-kritische Experten in die Rückbau-Planung einzubeziehen.

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"In dieser Begleitgruppe werden wir stets sehr gut informiert. Die Verantwortlichen – ob Leiter der Abteilung Nuklear oder des Rückbaus –, wen auch immer wieder sprechen wollten, waren jedes Mal am Tisch, um all unsere Fragen zu beantworten."

Sogar der äusserst nuklearkritische Blog "energisch.ch" verzichtete auf eine Beschwerde gegen das Stilllegungsprojekt:  "(…) Die wichtigsten Anliegen bei der Mitsprache wurden inhaltlich zugesichert", heisst es auf deren Website und weiter: "Insbesondere ist sichergestellt, dass sämtliche Sicherheitssysteme und deren Sicherheitsfunktion erhalten bleiben müssen oder höchstens verbessert werden dürfen, bis die eigentliche Stilllegung erfolgt ist, namentlich bis die Brennelemente aus dem Reaktor ins Brennelemente-Kühlbecken entladen wurden."

"Zwei kompetente Frauen haben das Ding zum Kippen gebracht."

Dass die BKW 2013 entschied, ihr einziges Atomkraftwerk Ende 2019 stillzulegen und ihre Planung des Rückbaus bisher kaum für Kritik sorgte, führt Stutz auf eine "glückliche Kombination mehrerer Faktoren" zurück:

  1. Der AKW-Widerstand: "Er hat Mühleberg von aussen her ziemlich sturmreif geschossen."
  2. Stark sinkende Strommarktpreise
  3. Fukushima: "Nach der Reaktorkatastrophe in Japan verlangte die Aufsichtsbehörde im Fall von Mühleberg, das den gleichen Reaktortyp hat, kostspielige Nachrüstungen."
  4. Zwei kompetente Frauen: "Die ehemalige Vertreterin des Kantons Bern im Verwaltungsrat der BKW, Barbara Egger, hat sich für eine Stilllegung stark gemacht. Sie und die CEO der BKW, Suzanne Thoma, haben das Ding zum Kippen gebracht", lobt Stutz.

Noch ist kein Endlager in Sicht.

Der Entscheid von 2013, ein "sicheres Kernkraftwerk" stillzulegen, sei aus ökonomischen Gründen gefallen, erklärte die BKW damals. Wegen der sinkenden Strompreise und den von den Behörden nach der Fukushima-Katastrophe verlangten Nachrüstungen, sei es nicht mehr möglich, das Werk rentabel zu betreiben.

Für die Stilllegung muss mit Kosten von mindestens drei Milliarden Franken gerechnet werden. Schwieriger abschätzbar sind die Kosten der Endlager für Atommüll, die erst ab etwa 2050 in grossem Stil anfallen werden. Noch weiss niemand, wo in der Schweiz ein Endlager gebaut werden soll.

Erster AKW-Rückbau

Fünfzig Jahre nach dem Bau des ersten AKW in der Schweiz im aargauischen Beznau wird Ende 2019 das zweitälteste AKW, jenes in der bernischen Gemeinde Mühleberg, als erstes stillgelegt. Gebaut wurde dieses zwischen 1967 und 1972. Fast drei Mal so lange, nämlich voraussichtlich bis 2034, wird der Rückbau gemäss Plan der BKW dauern.

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Das AKW Mühleberg deckte rund 5% des schweizerischen Stromverbrauchs. Die Grundversorgung sei künftig nicht gefährdet, erklärt die BKW. Man sei weiterhin nicht auf Importe angewiesen.

Beim Rückbau wird viel Neuland betreten.

Von den weltweit fast 600 AKW sind bis heute erst zehn kleine vollständig rückgebaut worden. Erfahrungen mit dem Rückbau eines AKW hatte hierzulande niemand. Diesen will die BKW vorwiegend mit den eigenen Leuten vornehmen, die im Werk jedes Ventil und jede Schraube kennen. Nur für die schwierigsten Arbeiten werden spezialisierte Fremdfirmen zugezogen.

Der Leiter des Rückbau-Projekts, Stefan Klute, arbeitete zuvor bereits in Deutschland und anderen Ländern am Rückbau von Atomkraftwerken mit. Aber insbesondere in organisatorischer und rechtlicher Hinsicht werde in der Schweiz Neuland betreten, sagte CEO Suzanne Thoma gegenüber Medien.

Drachentöter sind verstummt

Seit dem Stilllegungs-Entscheid ist es in der Anti-AKW-Bewegung des Kantons Bern still geworden. Als das Todesurteil des Drachens gefällt war, verstummten auch die Drachentöter. Keine Spur von Euphorie. "Wir wollten zum Ende von Mühleberg ein Fest steigen lassen", sagt Stutz, "aber von den 37 angefragten Organisationen hatte keine einzige Lust mitzumachen."

Immerhin: Die BKW wird für ihre Mitarbeitenden, die ihren Arbeitsplatz bestimmt nicht leichten Herzens abbauen, in Mühleberg ein Festzelt auf die Beine stellen.

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