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Antikommunismus in der Schweiz Wie Kommunisten-Angst die Schweizer zu Spionen machte

Relikt aus dem Kalten Krieg: 1999 fand die Schweizer Bundespolizei in einem Wald bei Bern einen Koffer voll Material des sowjetischen Geheimdienstes KGB.

(Keystone)

In der Schweiz fand der Kalte Krieg in den Köpfen statt. Dort herrschte Angst vor dem  Kommunismus der Sowjets. Misstrauen gegenüber allen, die sich nicht scharf genug davon distanzierten. Und ein Wahn, dass der Feind unter den Nachbarn lebt, wo er sein Gift verströmt.

Januar, 1957: Martha Farner sitzt im Wartezimmer ihres Zahnarztes in Schwyz, sie wird aufgerufen.  Doch als sie sich auf den Behandlungsstuhl setzen will, beginnt ihr Zahnarzt zu schreien: "Halt, halt, bevor sie absitzen, müssen Sie abschwören?" "Was abschwören?" "Dem Kommunismus müssen Sie abschwören!" Einem Exorzisten gleich forderte er die Abrenuntiatio diaboli. Die Kommunisten, meint Martha Farner in ihren Erinnerungen, seien in der Schweiz als der "leibhaftige Teufel" gesehen worden – besonders nach 1956.

Der Mob von Thalwil

Im November 1956 rollten sowjetische Panzer in Ungarn ein, um dort demokratische Reformen im Keim zu ersticken. Hunderttausende flüchteten – viele auch in die Schweiz. Die ungarischen Flüchtlinge wurden hier mit einer Wärme empfangen, die man weder im Zweiten Weltkrieg noch danach je in diesem Ausmass gesehen hatte. Denn die Ungaren waren nicht einfach Menschen in Not, sondern Brüder und Schwestern im Kampf gegen den Kommunismus.

Dieser Artikel bildet den Auftakt zu unserer Serie "Die Schweiz im Kalten Krieg". swissinfo.ch beleuchetdarin verschiedene Aspekte der damaligen Schweiz, die als neutrales Land zwischen den Blöcken stand und sich gleichzeitig klar dem Westen zuordnete.

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Zugleich aber wurde der Zorn auf die rasend, die mit dem imperialistischen Kommunismus der UdSSR im Bunde zu stehen verdächtigt wurden. Die schweizerische kommunistische "Partei der Arbeit" (PdA) wurde als "Partei des Auslands" beschimpft, ihre Mitglieder wurden zu Feinden im Inneren des Landes erklärt. Es kam zu Angriffen auf ihre Läden, etliche wurden entlassen, andere wurden direkt tätlich angegriffen.

Ein gewisser Konrad Farner, der Mann von Martha Farner und Kunsthistoriker von Beruf, geriet besonders ins Fadenkreuz des Volkszorns. Die bürgerliche "Neue Zürcher Zeitung" hatte Farners komplette Adresse publiziert: Man solle bei ihm nachfragen, was er von der sowjetischen Invasion in Ungarn halte.

Zeichnung einer roten Maus neben einem Verkehrsschild.

Warnung vor Konrad Farner (rote Maus), dem "Wühler".

(Nebelspalter, e-periodica.ch)

Kurz darauf erhielten die Farners anonyme Anrufe: "Verreckt!" – "Am besten wär’s, ihr ginget nach Sibirien". Einige Tage danach formierte sich der Mob vor ihrem Haus im zürcherischen Thalwil und schrie "Hängt ihn!". Die meisten Ladenbesitzer im Dorf bedienten die Familie nicht mehr, Handwerker arbeiteten nicht mehr für sie – oder nur versteckt. In der Lokalpresse wurden Inserate geschaltet, die zur Vertreibung der Familie aufforderten: "Wir wollen und können unser Dorf von diesem Totengräber der Freiheit säubern, der bis jetzt gelacht hat über die schafsköpfigen Demokraten". Die Kinder in die Schule zu schicken wurde undenkbar: Die Familie Farner flüchtete aus Thalwil. Die Austreibung gelang.

Konrad Farner SRF Wissen

Sendung SRF: Kampagne gegen den Kommunisten Konrad Farner

Ein Stammestanz

Anlass zu antikommunistischen Ressentiments bot die Sowjetunion mit ihrer aggressiven Aussenpolitik durchaus. Und die PdA war gewiss keine Meisterin in der Abgrenzung von einem gewalttätigen Sozialismus unter Stalin  –  was sie nach dem Zweiten Weltkrieg letztlich alle politische Kraft kostete.

Doch der Antikommunismus in der Schweiz überstieg demokratische Kritik. Er hatte etwas Kultisches. Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt bezeichnete den Antikommunismus des Kalten Krieges als "Stammestanz der Schweizer".

Man tanzte ihn für die Weltöffentlichkeit: Nach 1945 stand die Schweiz isoliert da – ihre neutrale Rolle im Krieg war den Siegermächten suspekt. Die offizielle Schweiz positionierte sich deswegen besonders beflissen auf der Seite der "freien Welt".

Und das Rabulieren gegen den Kommunismus bot auch eine Möglichkeit, nicht über die eigene Rolle im Zweiten Weltkrieg sprechen zu müssen. Dürrenmatt dazu: "Da wir keine Kriegshelden waren, wollen wir nun wenigstens die Helden des Kalten Krieges sein."

Gehirnwäsche - die Furcht vor psychologischer Kriegsführung

Ende 1956 gaben Studenten der anlässlich des Ungarnaufstands gegründeten Aktion "Niemals Vergessen" Unterricht im Werfen von Molotow-Cocktails. Auf Flugblättern, die zusammen mit Initialzündern für die Cocktails verteilt wurden, gaben sie genauste Anweisungen, wie ein russischer Panzer am effektivsten zerstört werden sollte. Man übte sich in einem Krieg, der einfach nicht kommen wollte.

Menschenansammlung in einem Halbkreis auf einem Trottoir.

Bern im Dezember 1956: Studenten geben Strassenunterricht in der Herstellung von Molotow-Cocktails als Teil der Aktion "Niemals vergessen".

(Schürch © StAAG/RBA1-11-23_3)

Der Kommunismus konnte auch als etwas Satanisches empfunden werden, das man den Menschen austreiben musste, weil der kommunistische Feind nie richtig greifbar wurde. Auch wenn Moskau und Sibirien geografische Orte waren, der Feind blieb wie der Beelzebub nicht ganz fassbar und gerade deswegen allgegenwärtig und allmächtig.

Denn die drohende Invasion durch die Sowjetunion, da waren sich die Schweizer Militärstrategen einig, begann lange vor der Invasion. Lange vor dem ersten Schuss schleichend und lautlos, für das ungeübte Auge nicht erkennbar, tobte schon der psychologische Krieg.

Ein Spottgedicht in der Satirezeitschrift "Nebelspalter" mahnte 1958 bedrohlich: "Schlaf, Schweizer nur! Die rote Diktatur kommt kampf- und lautlos über Nacht und stets als Minderheit zur Macht."

Ein verbreitetes Angstszenario war, dass den Russen ausgefeilte Techniken zur Verfügung standen, um in die Gehirne oder Seelen der Menschen einzudringen, um sie willenlos und widerstandsunfähig zu machen.

In der "Schweizer Illustrierten", einer beliebten Schweizer Zeitschrift, wurde 1956 der Fall von sechs russischen Dissidenten erzählt, die durch eine Droge, die man ihnen einflösste, vollkommen willenlos geworden seien. Auf den Befehl, sich aus dem Fenster zu stürzen, hätten sie ohne Zögern gehorcht. Fazit des Artikels: "Wo die Russen die Hand im Spiel haben, ist nichts so unheimlich, dass es deshalb nicht wahr wäre!"

Grosse gezeichnete Köpfe machen kleinen schwarzen Figuren Angst.

So warnte der Bund im Zivilverteidigungsbuch vor dem Kommunismus: "Mitten im Frieden, arbeitet der Feind unermüdlich daran, Misstrauen und Zwietracht zu säen. Er tut dies unmerklich, in scheinbar harmloser Form, mit perfiden Nadelstichen, denen wir schließlich erliegen, wenn wir nicht wachsam sind."

(zvg)

Die Bevölkerung wach halten - und überwachen

Etliche Organisationen sahen deswegen ihre Aufgabe darin, die Bevölkerung vor der "Einschläferung" durch subtile Sowjet-Propaganda zu bewahren. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg fanden Gruppierungen im Antikommunismus ein neues Tätigkeitsfeld. Noch im Zweiten Weltkrieg waren sie der moralischen Mobilmachung gegen den Faschismus verpflichtet.

Eine zentrale Rolle spielte hier der "Schweizerische Aufklärungsdienst" (SAD), der 1947 als private Nachfolge staatlicher Propaganda-Organisationen gegründet wurde. Die Mitglieder des SAD waren landesweit um Aufklärung über die Gefahr, die vom Kommunismus ausging, bemüht – an Vorträgen und Tagungen, oft auch mit staatlicher Finanzierung.

Zu Beginn der 1960er -Jahre schrieb der Publizist Jean-Rudolf von Salis, es herrsche geradezu eine antikommunistische Angstpsychose: "Es gibt Leute, die in einer harmlosen Konsumgenossenschaft ein bolschewistisches Verschwörernest wittern." Kritiker waren in dieser Sicht immer auch potentielle "Wühler", die mit geheimen Gängen das Staatsgefüge zu unterhöhlen versuchten.

Pazifisten, so hiess es, wollten nur die Kampfkraft des Schweizer Militärs schwächen. Jeder Zeitungsartikel konnte die Moral im Kampf gegen das Böse schwächen. Alles links der Mitte wurde so verdächtigt, die Wehrkraft zu unterwandern. Dadurch war der Antikommunismus auch ein nützliches Mittel, um Kritik an Staat, Armee und Vaterland zu marginalisieren.

Zeichnung eines traditionell gekleideten Schweizers auf einem Stuhl.

Die Schweiz schläft, der Feind greift zu: Karikatur von 1956.

(Nebelspalter / e-periodica.ch)

Die dämonisierende Perspektive auf den Kommunismus und auf alles, was ihm zu gleichen schien, führte auch dazu, dass man sich den Systemen im Osten in einem Punkt immer mehr anglich: Der totalen Überwachung.

Erst am Ende des Kalten Krieges wurde der Schweizer Öffentlichkeit klar, wie sehr Geheimdienste und Polizei bemüht waren, vermeintliche politische Unterwanderung zu dokumentieren und zu beobachten.

Mit dem Fichenskandal 1989 kam heraus, dass über das politisch auffällige Verhalten von fast 700'000 Menschen Notizen erfasst worden waren. Im Fokus standen keineswegs nur Kommunisten, sondern alles, was Kritik an der Mehrheitsgesellschaft übte: Linke aller Schattierungen, Grüne, Alternative, Drittwelt-Aktivisten, Feministinnen.

Doch auch mit dem Ende des Ostblocks verschwand der Antikommunismus nicht wirklich. Organisationen wie die antikommunistische "Pro Libertate" – ebenfalls 1957 gegründet – versuchten sich in einer Neupositionierung in einer Welt ohne Spaltung.

Statt vom Kommunismus sprachen jene nun von "Politischer Korrektheit". Oder sie polemisierten nicht mehr gegen die drohende Weltrevolution, sondern gegen transnationale Organisationen wie die UNO und die EU. Das Zentrum der antikommunistischen Ängste zog nach 1989 um: von Moskau nach Brüssel.

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