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Antikorruptions-Experte weist Fifa Weg aus der Krise



Der Weltfussballverband Fifa muss Reformen durchführen.

Der Weltfussballverband Fifa muss Reformen durchführen.

(AFP)

Der unter massiver Kritik stehende Weltfussballverband Fifa muss radikale Veränderungen vornehmen, um zukünftige Skandale zu vermeiden. Das ist die Meinung des renommierten Schweizer Antikorruptions-Experten Mark Pieth.

Ein kritischer Bericht empfiehlt die Ernennung von externen Exekutivmitgliedern, eine gründliche Untersuchung der Exekutiv- und Antikorruptions-Systeme sowie Veränderungen bei den Präsidentenwahlen. Dennoch sind einige Beobachter der Ansicht, der Bericht gehe zu wenig weit.

Am meisten kritisiert wird, dass der Bericht lediglich in die Zukunft schaue, vergangene ernsthafte Vergehen aber nicht erwähne.

Ins Visier der Kritik gekommen war die Fifa wegen angeblicher Korruption im Zusammenhang mit der Ernennung der Austragungsländer für die nächsten Fussball-Weltmeisterschaften sowie der Wahl von Joseph "Sepp" Blatter für eine vierte Präsidentenamtsdauer.

Ein hohes Fifa-Exekutivmitglied wurde früher in diesem Jahr ausgeschlossen, und andere Exekutivangehörige wurden suspendiert infolge von reisserischen Medienberichten über angebliche Bestechungsfälle. Trotz diesen Bestrafungsaktionen verdächtigen viele Leute die Fifa, weiterhin von Korruption befallen zu sein.

Fifa-Präsident Blatter versprach, damit aufzuräumen und bestimmte eine unabhängige Kommission, die den Weg zu diesem Ziel aufzeigen sollte. Der kürzlich zum Leiter dieser Kommission für Governance (ICG) ernannte renommierte Schweizer Antikorruptions-Experte Mark Pieth legte am Mittwoch einen fast 40-seitigen Bericht vor. Darin wird eine Reihe von Schwächen aufgezeigt, wie die Fifa regiert wird. Schwächen, die den Weltfussballverband korruptionsanfällig machen.

Die Spur des Geldes

Viele der Korruptionsvorwürfe betreffen die Verteilung von Fifa-Geldern an die 208 nationalen Fussballverbände, die Fifa-Mitgliedschaftsbasis.

"Die Mitglieder sind die Besitzer und Aufseher der Fifa und gleichzeitig die Nutzniesser", sagt Mark Pieth gegenüber swissinfo.ch. Weil derart viel Geld an die Mitglieder geht, besteht das Risiko, dass einzelne Personen, einzelne Entscheidungsträger von einem Teil dieses Geldes direkt profitieren."

Eine Möglichkeit zur Reduktion solcher Korruptionsrisiken wäre die Ernennung von externen, organisationsfremden Exekutivmitgliedern, vielleicht aus Wirtschaftskreisen. Diese könnten einen unabhängigen Blick auf Fifa-Entscheide werfen und den "Insiderclub" aufbrechen.

Eine weitere Möglichkeit zur Bekämpfung von Aktionen unehrlicher Einzelpersonen wäre, eine unabhängigere Fifa-Ethikkommission zusammenzusetzen, die zwielichtige Leute aussondern und sie von einflussreichen Positionen fernhalten könnte.

Pieth spricht auch von Verbesserungen bei der Wahl des Fifa-Präsidenten, die in diesem Jahr durch Bestechungsfälle beschmutzt wurde. Auch die weitgehend undefinierte Macht, die der Fifa-Präsident ausübt, sollte unter die Lupe genommen werden.

Sicherheitssystem

"Wir brauchen ein Sicherungssystem", erklärt Pieth weiter. "Wie wählt man einen Präsidenten, zu welchem Zeitpunkt sollte er bekanntmachen, dass er wieder für sein Amt kandidiert, wann muss der Präsident in den Ausstand treten, wenn er wieder kandidiert, wer bezahlt seine Wahlkampagne?" Einige dieser Fragen würden jetzt angegangen, aber nicht genügend, andere überhaupt nicht, so Pieth.

Während der ICG-Bericht einige konkrete Vorschläge macht, geht er bloss auf Fragen zu verschiedenen Themen (z.B. wenig effizientes Antikorruptions-Programm) ein, ohne indessen detaillierte Empfehlungen zur Festmachung der Defizite zu machen.

Pieth verteidigte die Verschwommenheit von einigen Teilen des Berichtes. Er betonte, das vorgelegte Papier sei nicht das "Endprodukt", sondern der "Anfang eines Prozesses".

Die Zusammensetzung der ICG, der Pieth vorsteht, soll am 17. Dezember bei der Zusammenkunft der Fifa-Exekutive bekanntgegeben werden. Den ersten Härtetest wird die Arbeit der ICG im kommenden März bestehen müssen, wenn die Exekutive darüber entscheidet, ob es am FIFA-Kongress 2012 zu Statutenänderungen kommen könnte.

Foulspiel

Viele Bobachter befürchten, dass die Kommission für Governance absichtlich vergangene Verfehlungen und ernsthafte Foulspiel-Behauptungen ignoriert.

Die Nichtregierungs-Organisation (NGO) Transparency International, die in diesem Sommer einen eigenen kritischen Bericht über die Fifa veröffentlicht hatte, verweigerte wegen dieses Defizits eine Mitarbeit in der ICG.

Die "Glaubwürdigkeitslücke" der Fifa werde so lange bestehen, wie die Beschuldigungen offen blieben und die Angeklagten weiterhin eine prominente Rolle im Weltfussballverband spielten, sagt die NGO-Sprecherin Sylvia Schenk gegenüber swissinfo.ch.

"Um die Glaubwürdigkeit wieder zurückzugewinnen, muss eine unabhängige Kommission gebildet werden, die sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft schaut. Sonst werden diese Beschuldigungen immer wieder auftauchen."

Schenk verlangt ferner ein separates, unabhängiges Gremium - möglicherweise aus der Privatwirtschaft – zur Verwirklichung jeglicher Reformen, welche die ICG ausgearbeitet hat.

Fifa-Präsident Joseph Blatter begrüsste den Bericht von Mark Pieth anlässlich der öffentlichen Vorstellung das Papiers in Zürich. Über den Inhalt äusserte sich Blatter nicht. Früher in diesem Jahr hatte er versprochen, dass die Fifa gerichtlich unter Verschluss gehaltene Dokumente publik machen werde, die Fifa-Offizielle zeigen, die angeblich Bestechungsgelder angenommen haben.

Das Schweizer Sportministerium und das Parlament nehmen sich ebenfalls den vergangenen Aktivitäten der in Zürich ansässigen Fifa an.

Die Fifa-Saga

Der Fussballweltverband Fifa steht schon seit vielen Jahren unter Korruptionsverdacht. 2006 bildete die Fifa eine interne Ethikkommission, die Medienbehauptungen über Korruption im Weltfussball untersuchen sollte.

2008 war im Prozess gegen die 2001 Konkurs gegangene Vermarktungs-Agentur ISL publik geworden, dass die ehemalige Zuger Firma knapp 140 Mio. Franken Bestechungsgelder u.a. an Fifa-Funktionäre überwiesen hatte. Der Prozess wurde im Juni 2010 eingestellt, nachdem zwei angeschuldigte Fifa-Amtsträger je 5,5 Mio. Franken "Wiedergutmachung" bezahlt hatten.

1998 war schon Blatters Wahl an die Fifa-Spitze von Anschuldigungen des Stimmenkaufs begleitet gewesen. Dasselbe wiederholte sich 2002 bei seiner ersten Wiederwahl.

Im Juni 2011 wurde Blatter zum vierten Mal hintereinander zum Fifa-Präsidenten gewählt. Vor der Wahl im Juni 2011 hatten sich Amtsinhaber Sepp Blatter und Herausforderer Mohamed Bin Hammam gegenseitig mit Vorwürfen eingedeckt, Stimmen gekauft zu haben. Im Juli wurde der Katarer von der Ethikkommission der Fifa lebenslänglich gesperrt. Blatter wurde freigesprochen. Jack Warner, ein Fifa-Vizepräsident, gegen den ebenfalls Bestechungs-Vorwürfe erhoben worden waren, trat zurück.

Nach der Vergabe der WM-Endrunden an Russland (2018) und Qatar (2022) beschuldigten britische Medien Ende letzten Jahres mehrere Mitglieder des leitenden Fifa-Exekutivkomitees der Bestechlichkeit. Schon vor der Vergabe der WM-Orte waren zwei Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees aufgeflogen: Gegenüber verdeckt arbeitenden britischen Journalisten hatten Amos Adamu aus Nigeria und Reynald Temarii (Tahiti) signalisiert, dass sie ihre Stimmen bei der Vergabe der WM-Austragungsorte 2018/2022 verkaufen würden. Die Gespräche waren gefilmt worden. Die Fifa liess die Sachverhalte von ihrer Ethik-Kommission untersuchen und suspendierte die Beiden in ihrer Funktion.

Blatter ernannte den Opernsänger Placido Domingo und den früheren US-Diplomaten und Minister Henry Kissinger zu Mitgliedern eines "Lösungs-Panels" zur Untersuchung der Skandale im Fifa-Umfeld.

Im Oktober 2011 kündigte die Fifa die Bildung von vier Arbeitsgruppen zur Überwachung der Statutenrevision, von Ethik und Transparenz sowie der Durchführung der Fussball-WM 2014 an.

Am 24. November wurde Mark Pieth zum Leiter der unabhängigen Kommission für Governance ernannt. Die ICG soll Reformen für die Fifa empfehlen, die auf Berichten der vier Arbeitsgruppen basieren.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Englischen: Jean-Michel Berthoud), swissinfo.ch


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