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Arbeit und Diskriminierung Die Löhne werden in der Schweiz nicht offengelegt

(Keystone)

Die Lohngleichheit steht in der Schweiz immer wieder im Zentrum der Debatten. Verschiedene Seiten fordern eine Transparenz der Löhne, um Lohngefälle zu identifizieren. Die Arbeitgeberseite leistet jedoch weiter Widerstand.

Überrissene Boni gewisser Manager, Hungerlöhne unqualifizierter Arbeiter, Dumping, Diskriminierung von Frauen gegenüber Männern, Minimallöhne: Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass über Löhne diskutiert wird. Allerdings über jene der anderen, denn in der Schweiz wird im Allgemeinen nicht über das eigene Gehalt gesprochen, und es gilt als unangebracht, andere direkt zu fragen, wie viel sie verdienten.

"Es herrscht eine Kultur der Lohngeheimhaltung. Dies führt dazu, dass der Lohn nicht nur zur Privatsphäre, sondern fast zur Initimsphäre gehört", sagt Roman Graf, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Observatoire Universitaire de l'Emploi der Universität Genf.

Gleicher Meinung ist Ruth Derrer Balladore, Direktionsmitglied des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. "Nicht dass es verboten wäre, in den Betrieben darüber zu reden. Aber im Gegensatz zu Ländern wie den USA etwa ist es in der Schweiz einfach nicht üblich."

"Dennoch ist Lohntransparenz, auch wenn das alleine nicht reicht, eine wichtige Bedingung, damit Diskriminierungen identifiziert werden können", betont Roman Graf.

Um Lohndiskriminierung zu vermeiden oder zu beseitigen ist es laut der Vertreterin des Arbeitgeberverbandes aber nicht nötig, "dass jeder Angestellte weiss, wie viel die anderen im gleichen Betrieb verdienen".

Lohngleichheit von Mann und Frau

Auch für Graf ist es nicht zwingend, dass jeder und jede auf den Rappen genau wissen muss, wie viel die Kollegen erhalten.  "Wenn die Mehrheit der privaten Unternehmen ein transparentes Lohnsystem hätte, mit klaren Regeln, wertfreiem Respekt gegenüber dem Geschlecht und bezogen auf die Funktion, wäre das schon ein Schritt nach vorn", sagt Roman Graf.

"Fast alle Grossunternehmen hätten bereits eine klare Bewertung der Arbeitsstellen", kontert Ruth Derrer Balladore. Für die Vertreterin der Arbeitgeber ist es wichtig, dass die Unternehmen "die Löhne kontrollieren und klare Kriterien festlegen, wie diese zustande kommen". Jeder Betrieb müsse aber die Freiheit haben, jenes System zu wählen, das den eigenen Bedürfnissen am besten entspreche. "Allen Unternehmen dieselben Regeln zur Lohntransparenz aufzuzwingen ist falsch", sagt sie.

In Richtung Offenlegung der Löhne, zumindest betriebsintern, ging eine Motion der sozialdemokratischen Parlamentarierin Silvia Schenker, über die am 17. April 2013 abgestimmt wurde. Sie verlangte, dass zwingende Massnahmen geprüft würden, damit die Frauen in der Schweiz nicht länger unter Lohndiskriminierung zu leiden hätten, da freiwillige Massnahmen bisher nicht die erhofften Ergebnisse gebracht hätten. Die Motion, die vom Bundesrat abgelehnt wurde, fand auch im Nationalrat keine Mehrheit.

Sozialpartnerschaftlicher Dialog

Um die Lohnungleichheit von Frauen in der Schweiz zu beseitigen, haben Arbeitgeber und Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit dem Bund die Projekt Lohngleichheitsdialog ins Leben gerufen. Alle Unternehmen in der Schweiz können damit überprüfen, ob sie Frauen und Männern für gleiche Arbeit gleichwertige Löhne zahlen. Falls Ungleichheiten zutage kommen, müssen die Unternehmen diese innerhalb von vier Jahren beseitigen.

Ziel war es, dass bis 2014 mindestens 100 Unternehmen freiwillig ihre Löhne durchleuchten lassen. Getan haben es bisher lediglich 33.

"Zur Zeit ist eine Studie im Gang, die in Hinblick auf Entscheide, die bis Ende März 2014 fallen müssen, verschiedene Varianten prüft. Kommt man zum Schluss, dass der freiwillige Ansatz beendet wird, dann müssen Grundsätze für Zwangsmassnahmen ausgearbeitet werden", erklärte Luzius Mader, Vizedirektor des Projekts.

Die Möglichkeit, Lohngleichheit zwingend durchsetzen zu wollen, hatte auch Innenminister Alain Berset vor dem Nationalrat erwähnt, aber auch gesagt, dass dies im Moment noch verfrüht sei.

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Online-Lohnrechner

Die Lohntransparenz kam auch im Zusammenhang mit der Anwendung relativer Normen beim freien Personenverkehr ins Spiel. Die Unternehmen wurden verpflichtet, den Arbeitnehmenden aus der Europäischen Union Minimallöhne oder branchenübliche Saläre zu entrichten.

Genau in diesem Bereich hat der Mitarbeiter des Genfer Observatoire Universitaire de l'Emploi im Auftrag des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes eine interaktive Applikation entwickelt: den online-Lohnrechner. Hier kann man sich informieren, welche Löhne je nach Ausbildung und Tätigkeit in rund 70 Branchen in den verschiedenen Regionen der Schweiz üblich sind.

Laut Graf werden jeden Tag durchschnittlich 70'000 Besuche registriert. Auf weiteren rund tausend Websites in der Schweiz und im Ausland ist der Lohnrechner ebenfalls verlinkt. Sein Nutzen ist doppelt: Die Arbeitnehmer können ihren eigenen mit dem marktüblichen Lohn vergleichen, die Arbeitgeber ihre Lohnstrukturen.

Die Behörden begrüssen dieses Instrument, und bereits vier Kantone stellen der Bevölkerung den Lohnrechner zur Verfügung, und zwei weitere wenden ihn auch intern an. Alle Lösungen wurden gemeinsam mit dem Genfer Arbeitsobservatorium realisiert. Das Angebot stiess auch im Ausland auf Interesse, so hat beispielsweise Wien sich von Roman Graf beraten lassen und einen ähnlichen Lohnrechner entwickelt.

Ein gut gehütetes Geheimnis

Der Rechner und andere analoge Instrumente, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, tragen zur Erhöhung der Lohntransparenz bei. "Von der angelsächsischen Kultur sind wir aber noch weit entfernt", sagt Roman Graf. Seiner Meinung nach könnte die hohe internationale Mobilität dies jedoch ändern: Arbeitnehmer und Arbeitgeber aus dem angelsächsischen Raum sowie Schweizer, die in diesen Ländern gearbeitet haben und heimkehren, könnten dazu neigen, auch in der Schweiz die gleichen Gepflogenheiten durchzusetzen.

Der Experte glaubt aber, dass nur dann, wenn die Arbeitnehmer begriffen hätten, dass "Transparenz die Wahrscheinlichkeit von Diskriminierung verringert und für sie von Vorteil ist", das Ende der Lohngeheimhaltung kommen wird. Laut Roman Graf können auch die Betriebe von einem transparenten Lohnsystem profitieren. Studien haben nämlich gezeigt, dass das Personal zufriedener und folglich motivierter ist. Der Beweis dafür sei, dass "jene Unternehmen, die den Weg der Lohntransparenz beschritten haben, nicht mehr umkehren wollen".

Motivation habe immer mehrere Komponenten und sei nicht alleine durch Transparenz gegeben, erwidert Ruth Derrer Balladore und weist auf Studien hin, die zu anderen Schlüssen kamen. Die Arbeitgeber-Vertreterin nennt das Risiko, dass mit der Offenlegung der Löhne in einem Betrieb, in dem diese Transparenz unüblich sei, "jede kleinste Differenz, jede Gehaltsänderung detaillierte Rechtfertigungen verlangen, zu unendlichen Diskussionen führen und Neid schaffen könnten, was niemandem von Nutzen ist".

Lohngleichheits-Label

Es ist zwar schweizerisch, wird aber auch auf der Website der Europäischen Kommission genannt: die Zertifizierung der Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern "equal-salary" wurde 2005 als Pilotprojekt gestartet und ist heute ein weltweit anerkanntes Label. Es bürgt dafür, dass eine Firma, die das Label erhalten hat, Frauen und Männern gleiche Löhne bezahlt.

"Wer sich für dieses Label bewirbt, muss von zwei verschiedenen Organen eine unabhängige Analyse mit präzisen und klar definierten Kriterien durchführen lassen. Dies bringt Transparenz in die Unternehmen", sagt Véronique Goy Veenhuys, Direktorin und Gründerin von "equal-salary".

Insgesamt haben sich 19 Unternehmen und Institutionen dem Verfahren unterzogen, wovon 11 das "equal-salary"-Label erhalten haben, das drei Jahre lang gültig ist. 4 Unternehmen haben ihre Zertifizierung bereits erneuert.

Das Ziel für 2013 sei, 10 neue Unternehmen zu zertifizieren, sagt Goy Veenhuys. Sie sei zuversichtlich, dass immer mehr Firmen dieses Label anstrebten. Allerdings spricht sie sich gegen eine Veröffentlichung der Löhne in einem Unternehmen aus.

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(Übertragung aus dem Italienischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch


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