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Armut in der Schweiz "Wegen teurer Kinderbetreuung kommt man nicht aus der Sozialhilfe raus"

Kinder hüpfen auf einem Bett

Kinder sind in der Schweiz ein Armutsrisiko. Auf dem Bild spielen zwei Kinder in der Brockenstube Emmen [Gestellte Aufnahme, Symbolbild].

(Keystone / Christof Schuerpf)

Unter den Personen, die in der Schweiz Sozialhilfe beziehen, sind auffallend viele alleinerziehende Mütter. Wir haben mit einer Mutter gesprochen, die trotz Teilzeitarbeit, Alimenten und Kinderzulagen auf Sozialhilfe angewiesen ist.

Dieser Text ist Teil einer Serie, in der wir in loser Folge Beiträge zum Thema Armut publizieren.

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Armut ist in der Schweiz stark tabuisiert. Im Besonderen die Abhängigkeit von Sozialhilfe wird von vielen Betroffenen als Stigma empfunden.

Dennoch hat sich eine Betroffene bereit erklärt, uns ihre Geschichte zu erzählen, sofern sie gegenüber der Öffentlichkeit anonym bleiben darf.

Wir treffen die alleinerziehende Mutter (37) in einem Café, während die Kinder in der Kita respektive Schule sind.

Sozialhilfe in der Schweiz

Wenn alle Netze der Sozialversicherungen (Arbeitslosenversicherung, Invalidenversicherung, Krankentaggeldversicherung) reissen, sichert in der Schweiz die Sozialhilfe das Existenzminimum. Sozialhilfe muss in der Schweiz zurückgezahlt werden, wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse wesentlich verbessert haben oder der Bezüger zu Vermögen gekommen ist. Die Bedingungen sind kantonal unterschiedlichexterner Link.

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swissinfo.ch: Wie kam es, dass Sie von Sozialhilfe abhängig wurden?

Ich bin von Sozialhilfe abhängig, weil ich alleinerziehend bin. 2009 bekam ich ungeplant einen Sohn. Mit dem Vater des Kindes war ich nicht zusammen.

Ich wohnte mit dem Kind drei Jahre bei meinem Vater auf dem Land – ohne Sozialhilfe. Ich wollte zuerst keine Sozialhilfe beantragen, denn es war mir unangenehm.

Nach drei Jahren hatte ich dann allerdings das Bedürfnis, selbständig zu wohnen, und vor allem wollte ich auch zurück in die Stadt. Meine Eltern sagten mir, ich solle doch Sozialhilfe beanspruchen, dafür sei sie ja da. Also zog ich nach Luzern, wo ich auch arbeitete, und beantragte Sozialhilfe.

swissinfo.ch: Das heisst, Sie hatten immer eine Arbeitsstelle?

Ja, ich habe immer gearbeitet. Meist 40 bis 50%, im Moment nur einen Tag pro Woche. Irgendwie kommt man nicht aus der Sozialhilfe raus, weil die Kinderbetreuung so teuer ist. Hundert Prozent will ich nicht arbeiten, denn inzwischen habe ich zwei Kinder. Wenn ich einen guten Job finden würde, könnte ich mir ein 60 bis 70%-Pensum vorstellen. Aber so lange die Betreuung meiner dreijährigen Tochter, die in die Kita geht, so teuer ist, nämlich 150 Franken pro Tag… Wenn ich das selbst bezahlen müsste, ginge das gar nicht. Im Moment werden die Betreuungskosten von der Sozialhilfe übernommen.

Wenn ich Freunden im Ausland erzähle, dass ich 150 Franken für die Kinderbetreuung zahle, fragen sie immer: "Ah, pro Monat?" Und ich antworte dann: "Nein, pro Tag". Und die bekommen einen Schock und fragen, wie das überhaupt gehe. Und ich so: Es geht eben nicht. Es geht wirklich nicht. Auch nicht bei jenen, die arbeiten. Die meisten Mütter in der Schweiz gehen nur arbeiten, damit sie mal aus dem Haus kommen, vom Lohn bleibt nach Abzug der Betreuungskosten nichts übrig. Da muss man politisch etwas ändern. Dann gäbe es auch viel weniger Sozialhilfebezüger.

Schwelleneffekt

Das Zusammenspiel von Sozialleistungen, Erwerbseinkommen und Steuern kann laut Schweizerischer Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) zu so genannten "Schwelleneffekten" führen. Das bedeutet, dass die betroffene Person trotz (oder wegen) Erhöhung des Arbeitspensums effektiv weniger verfügbares Einkommen hat. "Verfügbares Einkommen" bezeichnet den Betrag, den ein Haushalt nach Abzug der Fixkosten und Steuern zur Verfügung hat. Laut SKOS führen Schwelleneffekte zu negativen Erwerbsanreizen und widersprechen dem Grundsatz, dass sich Arbeit lohnen soll. Würden Schwelleneffekte vermieden, könne die Ablösung aus der Sozialhilfe erleichtert werden.

Quelle: SKOSexterner Link

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swissinfo.ch: Man spricht vom "Schwelleneffekt": Wenn eine alleinerziehende Mutter ihr Arbeitspensum erhöht, um von der Sozialhilfe loszukommen, hat sie im Resultat weniger Geld zur Verfügung. Wie viel müssten Sie verdienen, damit Sie nicht nur von der Sozialhilfe loskommen, sondern es Ihnen auch besser gehen würde?

Hmmm… (überlegt und zählt auf:) Ich zahle 1700 Franken Miete für eine 4-Zimmer-Wohnung, etwa 50 Franken für Telefon, dazu kommen Strom und Internet. Die Krankenversicherung ist sehr teuer: Für uns drei bestimmt 500 Franken pro Monat. Weil ich "nur" eine Verkaufslehre gemacht habe, verdiene ich 21 bis 22 Franken brutto pro Stunde. Ich müsste wohl etwa 5'000 Franken monatlich verdienen, damit es reicht. Mit meiner Ausbildung würde ich nicht einmal bei einem 100%-Pensum so viel verdienen. 

Ich glaube, ich komme erst von der Sozialhilfe los, wenn meine Kinder in der Schule sind und nicht mehr so teure Betreuung brauchen. Oder wenn ich einen Partner hätte, mit dem ich die Miete teilen kann. Im Moment ist es so: Wenn ich mehr arbeite, bringt es nur dem Steuerzahler etwas – weil ich weniger Sozialhilfe bekäme – nicht aber mir persönlich, ich hätte nicht mehr Geld zur Verfügung.

swissinfo.ch: Wie viel Geld haben Sie nach Abzug der Fixkosten pro Monat zur Verfügung?

Ich bekomme im Schnitt 1400 Franken pro Monat als Grundbedarf. Davon zahle ich Essen, Rechnungen und Kleider für die Kinder. Das ist schnell weg.


Grundbedarf

Grafik

Der Grundbedarf muss reichen für Essen, Zigaretten, Kleider, Schuhe, Strom, Gas, Putzmittel, Kehrichtgebühren, Haushaltsgegenstände, Verkehr, Telefon, Post, Radio- und Fernsehabgabe (Serafe), Schulkosten, Haustierhaltung, Bildung, Unterhaltung, Coiffeur, Toilettenartikel, Vereinsbeiträge etc. Nicht alle Kantone halten sich an die SKOS-Empfehlungen.

Die SKOS lässt jeweils einen Warenkorb erstellenexterner Link gestützt auf das statistische Konsumverhalten der einkommensschwächsten 10% der Schweizer Haushalte. Wir haben daraus einen Budgetvorschlag für eine Alleinerziehende mit zwei Kindern gemacht:

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Grafik


(Kai Reusser / swissinfo.ch)

swissinfo.ch: Welche Ausgaben bringen Sie regelmässig in Schwierigkeiten?

Ich würde fast sagen: das Essen - und Kleider. Die Kinder wachsen so schnell. Zwei Mal pro Saison muss ich neue Schuhe kaufen. Ich gehe zwar an den Flohmarkt und in den Ausverkauf, und manchmal schenken Freunde etwas. Aber es bleibt dabei: Essen und Kleider für die Kinder.

Kinder als Armutsrisiko

Etwa 278'000 Personen in der Schweiz beziehen Sozialhilfe. Das entspricht 3,3% der Bevölkerung. Ein Drittel der unterstützten Personen sind Kinder und Jugendliche. Alleinerziehende haben ein besonders grosses Risiko, von Sozialhilfe abhängig zu sein.

Quelle: Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS)externer Link

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swissinfo.ch: Kann man sich Kinder in der Schweiz nicht mehr leisten, sind sie zum Luxusgut geworden?

Ein Kind kostet extrem viel. Man muss es sich sicherlich gut überlegen, wenn man Kinder will, denn Kinder sind ein teurer Spass – aber auch ein schöner Spass (lacht). Aber ich sage immer: Mir geht es eigentlich gut, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht: Ich habe eine Wohnung, ich habe Essen, ich kann die Rechnungen zahlen und sogar in die Ferien gehen – wenn auch günstig.

swissinfo.ch: Sie fühlen sich also nicht im Stich gelassen?

Ich habe eine gute Freundin – auch eine alleinerziehende Mutter – aus Deutschland, die mir erzählte, in Deutschland bekomme man wirklich fast gar nichts. Insofern geht es uns hier gut. Dafür ist die Betreuung der Kinder in anderen Ländern besser gelöst. Diesbezüglich finde ich, sind wir hier in der Schweiz wirklich etwas in der Steinzeit.

swissinfo.ch: In der Schweiz sind nicht nur die Betreuungskosten sehr hoch, sondern auch die Mieten.

Ja. Ich zahle 100 Franken aus dem Grundbedarf an die Wohnung, weil die Sozialhilfe nur 1600 Franken Miete übernimmt. Ich wollte in der Stadt wohnen. Auf dem Land sind die Mieten günstiger, aber dort bekäme ich dann auch weniger Sozialhilfe.

swissinfo.ch: Mussten Sie die Wohnung auf dem freien Markt suchen?

Ja. Ich hatte Glück: Zuvor wohnte ich in der Agglomeration. Ich wollte damals unbedingt diese Wohnung, bekam aber eine Absage. Ich wollte das nicht wahrhaben und ging daher auf das Büro der Hausverwaltung und fragte, warum ich die Wohnung nicht bekommen habe. Sie sagten mir, die Hausbesitzerin habe schlechte Erfahrungen gemacht mit Sozialhilfebezügern. Ich sagte, das lasse ich nicht auf mir sitzen: Ich habe einen Job, ich bin zuverlässig, ich hatte nie Probleme mit einer Wohnung, das Geld kommt immer pünktlich, weil es ja von der Sozialhilfe kommt. Ich sagte, sie sollen ihr das doch bitte ausrichten. Die Mitarbeiterin hat sich so für mich eingesetzt, dass ich die Wohnung doch noch bekam. Und bei der gleichen Hausverwaltung fand ich dann in Luzern eine Wohnung – sie hatten dann ja gute Erfahrungen mit mir gemacht. Sonst wäre es schon schwierig.

swissinfo.ch: Wie sind die Reaktionen der Leute, wenn Sie erzählen, dass Sie Sozialhilfe brauchen?

Es geht eigentlich. Es gibt schon Leute, die das Gefühl haben, ich hocke nur rum. Aber ich habe immer gearbeitet. Und zudem habe ich zwei Kinder zu Hause – die sind ja schon genug Arbeit.

Sozialhilfe

Video

swissinfo.ch: Haben Sie Angst, dass Sie die bezogenen Gelder eines Tages zurückzahlen müssen?

Wenn ich im Lotto gewinne (lacht). Zurückzahlen muss man bei Lottogewinnen oder Erbschaften. Erben werde ich nicht viel. Nein, ich habe keine Angst. Wenn ich im Lotto gewinnen würde, wäre es nicht schlimm, das Geld zurückzugeben.

swissinfo.ch: Auf was verzichten Sie bewusst, oder was können Sie sich nicht leisten, obwohl es wichtig wäre?

Etwas für mich machen, zum Beispiel Shopping oder auswärts essen, das mache ich fast nie. Oder mich tätowieren lassen: Das ist teuer, aber ich möchte nicht darauf verzichten. Meist bekomme ich von Freunden Gutscheine fürs Tätowieren geschenkt.

Worauf ich nicht verzichte, sind Ferien. Kürzlich bin ich mit einer Freundin nach Kroatien. Das leiste ich mir, diesen Luxus will ich. Natürlich sind es günstige Ferien: Einen Teil der Ferien haben wir bei meinem Vater verbracht und einige Tage in einem billigen Apartment am Meer.

swissinfo.ch: Wie ist es mit den Gesundheitskosten?

Ich habe freiwillige Zusatzversicherungen zur Krankenkasse, die ich aus dem Grundbedarf zahle, weil die Sozialhilfe das nicht übernimmt. Jede Arztrechnung muss ich einschicken und abwarten, ob sie bezahlt wird. Kürzlich habe ich wegen eines Unfalls eine Rechnung des Krankenwagens in der Höhe von 900 Franken bekommen. Ich muss jetzt bei meinem Arbeitgeber abklären, ob die Unfallversicherung das übernimmt.

swissinfo.ch: Und beim Zahnarzt, übernimmt die Sozialhilfe die Kosten?

Hm, je nach dem. Ich hätte an zwei Zähnen eine Wurzelbehandlung benötigt, aber das ist wahnsinnig teuer. Die Sozialhilfe sagte, sie zahlen das nicht. Sie zahlen nur das Ziehen der Zähne. Jetzt habe ich zwei Zahnlücken. Und mein Sohn braucht wegen eines Rückbisses eine Zahnspange. Der Vater meines Sohnes findet die Korrektur auch wichtig und würde die Hälfte übernehmen. Die Spange kostet 5000 Franken. Ich muss jetzt abklären, ob die Sozialhilfe die andere Hälfte zahlt.

swissinfo.ch: Das klingt administrativ enorm aufwändig.

Ja, alle Formulare ausfüllen und vorbeibringen, das ist schon aufwändig. Und die Sozialhilfe nimmt es genau: Ich habe mal für 10 Franken online Kleider verkauft und vergessen, das anzugeben. Die haben das sofort gemerkt.

swissinfo.ch: Wie ist es für die Kinder, merken sie etwas?

Der Ältere manchmal, wenn er sagt, er würde gerne an einen bestimmten Ort in die Ferien fahren oder ins Kino, und ich dann sage: "Wir haben nicht so viel Geld." Aber ich muss immer aufpassen, dass ich nicht sage: "Wir sind arm." Denn ich finde, wir sind nicht arm. Das sage ich auch zu ihm: "Wir haben alles, was wir brauchen." Den Kindern fehlt es an nichts.

swissinfo.ch: Ist es in der Schweiz besonders schwer, arm zu sein, weil viele andere so viel haben, oder empfinden Sie das nicht so?

Nicht unbedingt. Wenn meine Freunde sagen, sie gehen auswärts essen oder nach Zürich, dann denke ich manchmal schon: Ich würde auch gern mitkommen. Ich muss dann aber sagen: Ich kann nicht, das Budget reicht nicht. Aber ich komme mir nicht arm vor. Ich bin sowieso ein positiv eingestellter Mensch.

swissinfo.ch: Was ist Ihr grösster Wunsch für die Zukunft?

Nicht mehr abhängig zu sein vom Staat. Dass ich mit meiner Arbeit alles selbst zahlen kann.

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