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Asylsuchende Kinder machen Sorgen

Viele der minderjährigen Asylsuchenden sind männliche Teenager aus Afrika. Keystone Archive

Hilfsorganisationen verlangen bessere Massnahmen, um unbegleiteten Minderjährigen zu helfen, die in der Schweiz Asyl suchen.

Dieser Inhalt wurde am 30. Dezember 2002 - 13:25 publiziert

Im Jahr 2001 sind über 1'400 Kinder allein in die Schweiz gekommen. Zudem wurden Kleinkinder hier ausgesetzt.

Für die Hilfsorganisationen ist das derzeitige Asylrecht auf Erwachsene zugeschnitten. Doch wenn alleine ins Land gereiste Kinder betroffen seien, versage es.

"Die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen, die in die Schweiz kommen, steigt", sagt Anne-Marie Deutschlander, Schweizer Verbindungsfrau beim UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR). "Langsam, aber stetig steigt diese Zahl."

Die meisten unbegleiteten Minderjährigen kommen aus Afrika und dem früheren Jugoslawien, sind männlich und im mittleren Teenager-Alter. Doch die Hilfsorganisationen kennen auch Fälle von zweijährigen Kindern, die am Zürcher Flughafen ausgesetzt wurden.

"Im Normalfall werden diese jungen Knaben von ihren Eltern oder Verwandten in die Schweiz geschickt", sagt Deutschlander gegenüber swissinfo. "Sie sollen dann um Asyl nachsuchen, weil man hofft, dass sie auf diese Art eine Arbeitsbewilligung erhalten und Geld zur Unterstützung der Familie zurückschicken können."

"Natürlich realisieren die Familien nicht, dass Asylbewerber im Normalfall keine Arbeitsbewilligung erhalten und das Gesuch des Kindes höchstwahrscheinlich abgewiesen wird."

Leben in der Schwebe

Doch auch wenn ihr Asylgesuch abgelehnt wird, werden Menschen unter 18 Jahren als Kinder eingestuft, und die Schweizer Behörden dürfen sie von Rechts wegen nicht ausschaffen.

"Hier beginnt oft das Problem", sagt Paola Riva Gapany vom Internationalen Institut für die Rechte des Kindes in Sion. "Diese Kinder warten und warten und haben nichts zu tun, bis sie 18 sind."

Gapany und ihre Kollegen sind der Meinung, dass die Schweiz mehr tun müsse für diese Kinder. Im Moment haben nur die Kantone Genf und Zürich spezielle Häuser, die unbegleiteten Minderjährigen Obdach gewähren.

"Wir brauche mehr passende Unterkünfte für diese Kinder", betont Gapany gegenüber swissinfo. "Oft sind sie in Asylbewerber-Unterkünften zusammen mit vielen Erwachsenen untergebracht, und das ist nicht gut."

"Ab und zu können wir eine Pflegefamilie aus dem selben Land finden, doch dies ist eher selten."

Allein und verletzlich

Hilfsorganisationen befürchten, dass Minderjährige in dieser Situation einem grossen Risiko ausgesetzt sind, in die Kriminalität oder die Prostitution abzurutschen, falls die Behörden sich nicht vermehrt um sie kümmern.

"Viele Jugendliche machen im Drogenhandel mit", sagt Deutschlander. "Sie haben kein Geld, und dann kommt jemand, womöglich aus dem gleichen Land, und sagt: 'Hey, wenn du etwas verdienen willst, musst du dies machen.'."

"Nur verständlich, dass viele Kinder diese 'Gelegenheit' ergreifen, vor allem, wenn die Bezugsperson ihre Sprache spricht, fühlen sie sich nicht so allein", betont Deutschlander.

Thomas Elber ist Psychologe in Zürich und arbeitet für die Flüchtlings-Organisation "International Social Service" mit minderjährigen Asylsuchenden.

Wie Deutschlander ist er der Ansicht, dass diese jungen Menschen dem Risiko der Ausbeutung ausgesetzt sind. Die Schweizer Politik - keine Arbeit für Asylsuchende - verschärfe das Problem zusätzlich.

"Diese Kinder kommen hierher in der Meinung, Europa sei das Paradies", sagt Elber gegenüber swissinfo. "Doch dann müssen sie sehen, dass sie keine Chance haben, irgend etwas zu tun. Sie haben kein Geld, keine Arbeit, keine Ausbildung. Die einzige Möglichkeit scheinen der Drogenhandel für die Jungen und die Prostitution für die Mädchen zu sein. Diese Situation müssen wir sofort ändern."

Ausbildung

Zur Zeit erhalten unbegleitete Minderjährige eine Grundschul-Ausbildung während ihrer Zeit in der Schweiz. Weiterbilden können sie sich nicht. Diese Situation muss laut dem Internationalen Institut für die Rechte des Kindes geändert werden.

"Es kostet Geld, diese Kinder hier leben zu lassen", erklärt Gapany. "Wir sollten einen Anteil dieses Geldes in ihre Ausbildung investieren. Das Kind sollte die Wahl erhalten, ob es Doktor oder Maurer werden will, und es sollte die entsprechende Ausbildung absolvieren dürfen."

Obwohl diese Forderung etwas idealistisch sein mag, betont Gapany, dass die Fähigkeiten, welche sich ein Kind in der Schweiz aneignet, später seinem verarmten Land dienen könnten.

Gapany und Elder wünschen sich eine bessere Zusammenarbeit zwischen Europa und den afrikanischen Ländern. Jüngst haben sie in Senegal ein Seminar organisiert, wo sie Eltern und örtliche Lehrer über die Gefahren informierten, ihre Kinder nach Europa zu schicken.

"Wir brauchen mehr präventive Kampagnen in den Ursprungsländern", erklärt Gapany. "Wir müssen den Menschen dort klar machen, dass Europa nicht der ideale Ort für ihre Kinder ist."

Armut

Doch junge Afrikaner, die in absoluter Armut - möglicherweise noch in einer gefährlichen Konfliktzone - leben, können kaum glauben, dass die Situation in Europa für sie nicht besser ist, betont Elber.

"Europa muss diesen jungen Menschen eine Möglichkeit ausserhalb des Asylverfahrens geben", sagt Elber. "Wir brauchen Austauschprogramme im Ausbildungsbereich und sogar in der Arbeitswelt."

Ausserdem machen sich die Hilfsorganisationen stark gegen die verbreitete Meinung, dass Wirtschaftsflüchtlinge - was diese Kinder sind - dafür "bestraft" werden sollen, weil sie ein besseres Leben suchten.

"Wir dürfen nicht vergessen, dass dies Kinder sind", sagt Anne-Marie Deutschlander. "Sie sind weit weg von zu Hause, und möglicherweise können sie auch emotional nicht mit der Situation umgehen, in der sie sich befinden."

"Dies sind alles sehr tragische Fälle, und auch mit 16 ist ein Kind noch ein Kind und verdient unseren Schutz", schliesst sie.

 

In Kürze

2001 sind offiziell über 1'400 unbegleitete Kinder in die Schweiz eingereist. Inoffiziell dürften es wesentlich mehr sein.

Die meisten unbegleiteten Minderjährigen sind männlich, im mittleren Teenager-Alter und kommen aus Afrika oder dem früheren Jugoslawien.

Unbegleitete Kinder, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, können nicht aus der Schweiz geschafft werden, bis sie 18 sind. Während sie warten, dürfen sie nicht arbeiten und erhalten nach der Grundschule keine weitere Ausbildung.

Nur die Kantone Genf und Zürich bieten spezielle Unterkunft für unbegleitete Kinder.

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