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Auch das Bankgeheimnis hat Wurzeln im Calvinismus

(RDB)

Die Schweiz von heute, zum Beispiel auch das Bankgeheimnis, sei noch sehr stark von Calvin geprägt. Der Genfer Reformator, dessen 500. Geburtstag 2009 gefeiert wird, habe die Emanzipation des Volks vorangetrieben, sagt Xavier Comtesse von Avenir Suisse.

Nächsten Juli feiert die Schweiz den 500. Geburtstag des Genfer Reformators Jean Calvin. Er war nicht nur ein religiöser Erneuerer, sondern hinterliess der Schweiz und der Welt eine Denkweise, aus der das moderne westliche Gedankengut bis heute schöpft.

Sei es in der modernen Art, Gott näherzukommen, in der Moral beim Geldverdienen, im Bankenwesen, der Privatsphäre oder sei es im modernen Verständnis von Institutionen und Demokratie.

swissinfo: Auf was basiert der Protestantismus von Calvin?

Xavier Comtesse: Auf der in der Sprache des Volks verfassten Bibel, auf der Trennung von Staat und Religion, und auf der Abmachung, wonach die Gläubigen an der Basis, welche die Gemeinde finanzieren, ihre Priester selber wählen.

Diese Calvinsche Organisationsform von Institutionen hat sich mit der Zeit auch in nichtreligiösen Bereichen in der Schweizer Mentalität niedergeschlagen. Staatliche bleiben von allen religiösen Institutionen getrennt, die Beteiligung der Basis an politischen Entscheiden setzt sich von der Gemeinde bis auf Landesebene fort.

Beides führt zu einer Emanzipation des Volks, einem "Empowerment", wie man heute sagt.

swissinfo: Wie würde denn die Schweiz heute ohne Calvin aussehen?

X.C.: Ich glaube, dass wir in der Schweiz ohne Calvins vorangetriebene Emanzipation des Volks gar keine direkte Demokratie hätten. Wir wären wohl eine Republik, ähnlich wie unsere Nachbarländer. Wobei hier natürlich Zwingli für die Deutschschweiz genauso wie Calvin genannt werden muss.

Dieses Übertragen der Gemeindeorganisation bis auf höchste staatliche Ebenen ist typisch für uns Schweizer.

swissinfo: Inwiefern war Genf bedeutender als Zürich?

X.C.: Es gab damals noch keine Romandie. Genf war die Stadt mit Ausstrahlung – und zwar schweizweit. Basel wäre noch zu nennen, aber Zürich nicht, und Bern oder Lausanne auch nicht.

Das ist auch der Grund, weshalb Calvin international als so viel bedeutender wahrgenommen wird als Zwingli. Noch in der Zeit nach Napoleon war Zürich bevölkerungsmässig und wirtschaftlich kleiner als Genf.

swissinfo: Wie prägte Calvin in der Welt die Reformation und das Bild der Schweiz?

X.C.: Ich kenne vor allem die Verhältnisse in Amerika. Dort ist der Calvinismus sehr ausgeprägt. Es leben dort rund 15 Millionen Calvinisten, in angelsächsischen Ländern Presbyterianer genannt.

Weitere Gemeinden gibt es in Schottland und Südkorea. Weltweit soll es rund 50 Millionen Presbyterianer geben.

In der Schweiz hingegen sind nur wenige Reformierte Calvinisten.

swissinfo: Wie steht es um Calvins Einfluss auf die Wirtschaft und das Bankenwesen?

X.C.: Als Reaktion auf den päpstlichen Ablasshandel als Finanzquelle für Rom erlaubte Calvin als einer der ersten Kirchenführer die Kreditvergabe gegen Zinsen – koppelte sie jedoch an hohe moralische Anforderungen.

Da lässt sich die Brücke zur Gegenwart schlagen: Wucherzinsen kamen nicht in Frage – deshalb mussten die Kredite günstig sein. Wie in der Religion und der Politik stand auch hier im Banking als Gedanke dahinter, den Bürger durch hohe moralische Anforderungen zu schützen.

Als weiteres schützenswertes Gut erachtet der Protestantismus die persönliche Sphäre. Kombiniert man diese mit der Erlaubnis zum Banking, kommt man direkt zum Bankgeheimnis.

swissinfo: Historisch gesehen sollte das Bankgeheimnis den Bürger vor staatlichen Übergriffen schützen.

X.C.: Genau. Deshalb kommt es auch zu den vielen Missverständnisse rund um den Begriff. Die Bezeichnung "Bankgeheimnis" ist eigentlich falsch, "Schutz der Privatsphäre durch die Bank" wäre zutreffender.

Solchen gesetzlichen Schutz gibt es nicht nur in der Schweiz. In Frankreich beispielsweise hat eine Ehefrau kein Recht, sich über die Bankkonten ihres Ehemannes zu erkundigen – das französische Gesetz erachtet dies als seine Privatsphäre.

Wir Schweizer gingen einfach noch einen Schritt weiter. Wir schützen sogar noch gegen mögliche staatliche Willkür. Diese Denkweise hat historische Wurzeln im Protestantismus, der damals zu Calvins Zeiten die Leute gegen die Willkür der mächtigen katholischen Kirche zu schützen trachtete.

swissinfo: Was bleibt von dieser Calvinschen Ethik heute noch erhalten, angesichts des Dramas um den Banken- und Finanzplatz?

X.C.: Momentan befinden wir uns in einer Krise der Moral. Deshalb werden wir uns demnächst vermehrt mit "gesellschaftlicher Verantwortlichkeit" (social responsability) auseinanderzusetzen haben.

Das wäre dann eine Art laizistischer Calvinismus unter neuen, immer noch moralischen, aber nicht mehr religiösen Vorzeichen. Zum Beispiel im Qualitätsbereich. Neue ISO-Standards im Qualitätsbereich versuchen, Defizite im Bereich der Verantwortlichkeiten zu füllen.

Die ISO-Institution ist in Genf zuhause, wie viele andere Institutionen mit internationaler Ausstrahlung. Auch diese sind Calvins Vermächtnis.

Eine weitere "Genfer" Institution ist das Internet, das ja im CERN erfunden wurde. Dieses wirkt insofern "calvinistisch", als es der Basis, der Bevölkerung respektive dem "User", direkten Zugang zu Information bringt.

Für diesen Zugang brauchte es bisher mächtige Zwischenhändler. Das Internet reformiert heute also den Zugang zu den Märkten, ähnlich wie Calvins Reform damals den direkten Zugang zu Gott.

swissinfo, Interview: Alexander Künzle

Xavier Comtesse

Xavier Comtesse ist Directeur romand des wirtschaftsnahen Think Tanks Avenir Suisse.

Der in Neuenburg geborene Protestant studierte in Genf am College Calvin und lebt seither in der Rhonestadt.

Als Experte vermag er deshalb Calvin vom seinem Wirken als Reformator aus dem 16. Jahrhundert bis zu seinen Einfluss auf das Gedankengut und die Institutionen der Gegenwart verständlich zu machen.

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"Gegen fremde Vögte"

Was heute populär oder gar populistisch ausgedrückt als "Schutz vor fremden Vögten" als typisch schweizerischen Reflex immer wieder gefordert wird, ist laut Comtesse ebenfalls mit ein protestantisches Erbe aus der Zeit von Calvin.

Calvin musste im 16. Jahrhundert sehen, wie er seine Bürger und Gläubiger vor den finanziellen Forderungen des Ablasshandels der mächtigen katholischen Kirche schützen konnte – aus dem fernen Rom.

So ein Feindbild entstanden, das weit über den religiösen Rahmen hinaus wuchs.

"Fremde Vögte" wollten auch für das katholische Habsburgerreich im Osten der Schweiz Geld eintreiben.

Heute seien die ausländischen Mächte von gestern dem Feindbild von Brüssel und der EU gewichen.

Diese Forderung des "Schutzes vor fremden Vögten" als Teil des Schweizer Staatsverständnisses sei ebenfalls von Calvins Geist durchdrungen.

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