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Auf dem Weg zur massgeschneiderten Pille

Testapparat für die Verträglichkeit bestimmter Medikamente, mit einem Mikrochip, auf Basis von Speichelproben.

Pharmakogenetische klinische Tests eruieren den genetischen Hintergrund für die Reaktion eines Menschen auf ein bestimmtes Arzneimittel.

Genom-basierte Medikamente versprechen höhere Wirksamkeit bei weniger Nebenwirkungen. Doch die Entwicklung bringt viele Fragen mit sich.

Die Medizin ist trotz unglaublicher grosser Fortschritte in den letzten Jahrzehnten nicht zu einer exakten Naturwissenschaft geworden. Neue Medikamente werden beispielsweise lanciert, wenn ihre Erfolgsrate bei 70 bis 80% liegt.

Doch auch wesentlich niedrigere Erfolgsraten können ausreichen, um auf den Markt zu drängen. Entscheidend ist, dass neu lancierte Medikamente bessere Heilungserfolge als bis anhin bekannte Präparate aus dem eigenen Haus oder aus dem Haus eines Konkurrenten aufweisen.

"Versuchen Sie es mal mit diesem Medikament und schauen Sie, ob es hilft!" Dieser Satz ist ein Klassiker bei Ärzten, die von Pharmafirmen mit neuen Arzneimitteln eingedeckt werden und diese zum "Probieren" an ihre Patienten verabreichen.

Doch diese Praxis kann dramatische Folgen haben: In den USA werden beispielsweise zwei Millionen Personen im Jahr hospitalisiert, weil sie bestimmte, durchaus korrekt verabreichte Medikamente nicht vertragen haben. 100'000 Personen sterben sogar an den Folge der Nebenwirkungen.

Pharmakogenetik und Pharmakogenomik

Die Wirkungsweisen von Medikamenten sind jedoch höchst unterschiedlich. Während ein bestimmtes Medikament bei der Person X tödliche Folgen haben kann, kann dasselbe Medikament bei der Person Y vielleicht keinen Effekt auslösen. Auch im zweiten Fall ist der Effekt allerdings negativ, da eine wirksame Therapie erst mit Verspätung beginnen kann.

Wie ist es möglich, dass Arzneien so unterschiedliche Reaktionen hervorrufen können? Die moderne Medizin ist überzeugt, dass die Antwort im genetischen Material der Menschen zu suchen ist.

Die Wissenschafter benennen das Phänomen mit einem präzisen Namen: "single nucleotide polymorphisms" oder kurz "snips". Es handelt sich um drei Millionen Variationen der Grundmoleküle des menschlichen Erbmaterials.

Die pharmakogenetische Forschung befindet sich auf den Spuren der "snips". Sie untersucht die genetischen Grundlagen, die die unterschiedlichen Reaktionsweisen auf eine Arznei erklären. Die Pharmakogenomik hingegen arbeitet an der Entwicklung von Medikamenten und neuartiger Therapieansätze, in denen das jeweilige genetische Erbmaterial eines Menschen berücksichtigt wird.

Genetische Tests

"Bis anhin beschränkte sich die Medizin darauf, ein Medikament zu verabreichen und die Wirkung abzuwarten", erklärte Barbara Stähelin, die beim Pharma-Riesen Roche für die Patent-Abteilung verantwortlich ist.

In Zukunft wird es laut Stähelin hingegen möglich sein, die individuelle Reaktionsweise auf ein Medikament vorherzusagen. So kann eine Arznei und die jeweilige Dosis an einzelne Personen angepasst werden.

Im vergangenen Jahr hat der Schweizer Pharmaproduzent in den USA den weltweit ersten klinischen, pharmakogenetischen Test durchgeführt, um die Verträglichkeit bestimmter Medikamente genom-spefizisch zu testen, darunter Antidepressiva, Betablocker und Malaria-Tabletten.

Für die Tests wird ein kleiner Mikrochip im Wert von 600 Franken benutzt, der bei der Analyse einer Speichelprobe sagen kann, ob beispielsweise die Leber eines Patienten ein bestimmtes Heilmittel verträgt oder nicht. Oder es lässt sich herausfinden, wie schnell ein Wirkstoff vom Körper verarbeitet wird.

Die personalisierte Medizin

"Es wird nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Denn die Wirksamkeit eines Medikaments hängt auch von äusseren Faktoren wie dem Lebensstil oder der jeweiligen Umwelt ab", räumt Stähelin ein. Doch dank der Pharmakogenomik werde gleichwohl eine neue Dimension erreicht, ist die Expertin überzeugt. Nicht zu Unrecht werden pharmakogenetische Tests als erste Stufe einer neuen, personalisierten Medizin bezeichnet.

Auf diese Zukunftsmedizin werden hohe Erwartungen gesetzt. Doch gleichzeitig gibt es auch grosse Bedenken, wie die vor kurzem präsentierte Studie "Pharmakogenetik und Pharmakogenomik" von TA-Swiss zeigt. Dieses Institut zur Technologiefolgenabschätzung wurde von der Schweizer Landesregierung damit beauftragt, die Folgen der neuen Technologie zu beurteilten und einzuschätzen.

"Bei einer Einführung dieser pharmkogenetischen Tests in der Schweiz müssten viele Gesetzeslücken geschlossen werden, um die Würde und Rechte der Patienten zu schützen", sagt Klaus Peter Rippe, der für die TA-Swiss-Studie verantwortlich zeichnet.

Datenschutzprobleme in Biodatenbanken

In erster Linie muss der Zugang zu allen persönlichen Daten geregelt werden. Die Datenbanken enthalten immerhin Daten über die biologische Erbmasse und die genetischen Merkmale eines einzelnen Menschen.

Dieser Aspekt ist umso heikler, da ein pharmakogenetischer Test nicht nur genetische Eigenschaften und Veranlagungen für bestimmte Krankheiten der jeweiligen Person offen legt, sondern auch Rückschlüsse auf andere Familienmitglieder zulässt.

"Es gibt ein sehr hohes Risiko, dass bestimmte Personen auf Grund der Kenntnis heikler Daten von Arbeitgebern, Lebensversicherungen oder Krankenkassen gemieden werden", ist Klaus Peter Rippe überzeugt.

Patienten müssten zudem das Recht haben, dass sie nicht über alle Resultate eines Tests informiert werden. Andernfalls müssten sie beispielsweise bei diagnostizierten Prädispositionen mit der ständigen Angst leben, eine bestimmte Krankheit erhalten zu können.

Fragliche wirtschaftliche Vorteile

Auch aus wirtschaftlicher und sozialer Sichtweise lässt die Pharmakogenetik und die Pharmakogenomik einige Fragen offen.

Einerseits können die pharmakogenetischen Tests die Effizienz und Risiken von Medikamenten nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Produzenten erhöhen. Denn einige Fälle an Unverträglichkeiten können heute ausreichen, um ein Medikament vom Markt nehmen zu müssen. Millionen von Franken, die in die Forschung und Entwicklung eines Medikaments gesteckt wurden, können so verloren gehen.

Andererseits bringt eine personalisierte Medizin eine stärkere Aufsplitterung und Vielfalt an Medikamenten und Therapien. Dies würde die Gesundheitskosten weiter in die Höhe treiben.

Die Pharmakogenomik birgt zudem die Gefahr, dass sich in Bezug auf die Gesundheitsversorgung eine Zweiklassengesellschaft bildet, weil ökonomisch uninteressante Randgruppen oder ganze Länder keinen interessanten Markt für Pharmafirmen bilden.

swissinfo, Armando Mombelli
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

In Kürze

Das Pharmaunternehmen Roche hat einen ersten klinischen, pharmakogenetischen Test durchgeführt.

Dieser erlaubt die Reaktion eines Körpers bei Verabreichung bestimmter Medikamente vorherzusagen.

Es handelt sich um einen kleinen Mikrochip (AmpliChil CYP 450) zum Preis von 600 Franken, der auf der Grundlage von Speichelproben funktioniert.

Dieser 2003 in den USA lancierte Chip kann seit Anfang September auch in der EU und in der Schweiz eingesetzt werden.

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Fakten

Das menschliche Genom ist in jedem Menschen zu 99.9% identisch.
Es besteht aus 3 Milliarden Molekül-Paaren, in denen der genetische Code enthalten ist.
3 Millionen dieser Molekül-Paare sind jedoch veränderbar.
Es handelt sich um die so genannten "snips" ("single nucleotide polymorphisms").
Die Pharmakogenetik und die Pharmakagenomik erforschen die "snips" mit der Absicht, sie für die bessere Wirksamkeit eines Medikaments zu nutzen.

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