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Auf der Spur des Schenkfestes Weihnachten

Kerzen, warmes Licht in die dunkle Winternacht.

(swissinfo.ch)

"Pate" unseres Weihnachtsfestes ist "Sol invictus". Der Kult um den unbesiegbaren Sonnengott figurierte schon im römischen Festkalender.

Der Ethnologe Jacques Hainard schlägt im Gespräch mit swissinfo sogar einen weihnächtlichen Bogen zur indo-amerikanischen Welt.

Weihnachten - das Fest der Tannenbäume, des Kerzenlichts, der Geschenke. Es ist ein heiliges Fest, in dem sich das Judentum (Geburt Jesu) mit nordischen Traditionen (Tannenbaum, Weihnachtsmann) und römischen Ursprüngen (Datum des 25. Dezembers, Licht) mischt.

Als christliches Fest wird Weihnachten auch von Nicht-Christen und Atheisten gefeiert. swissinfo geht mit dem Ethnologen Jacques Hainard, ab Februar 2006 Direktor des Ethnographischen Museums Genf, auf die Suche nach den vielfältigen Wurzeln von Weihnachten.

swissinfo: Das christliche Fest Weihnachrten wurde älteren Festen sozusagen übergestülpt, nämlich den "Saturnalien" zu Ehren des Gottes Saturn am 25. Dezember. Wieso war die Wintersonnenwende für die Leute derart wichtig?

Jacques Hainard: Die tote Natur, der Schnee, die Kälte, das hat die Leute eingeschüchtert. Da brauchte es etwas, um sich aufzuwärmen und um Hoffnungen auf das neue Jahr zu projizieren, dass es möglichst reiche Erträge abwerfe. Weihnachten brachte auch Licht in die dunkle Zeit des Jahresendes.

swissinfo: Der Kult um Saturn und Weihnachten: Beiden Festen sind die Geschenke gemein. Welches ist die soziale Funktion der Gaben?

J.H.: Am Anfang band man kleine Geschenke an einen Ast. Beim Fest schüttelte man diesen und die Süssigkeiten fielen zu Boden. Dann wurden die Geschenke wichtiger, auch schwerer, und man hat sie unter den Baum gelegt.

In der Ethnologie spricht man bei dieser Art von "Mehrangebot" von einem so genannten Potlatch. Der Begriff stammt von einer Zeremonie nordamerikanischer Indianer. Die reichen Kwakiutl beschenkten dabei ihre Gäste mit Booten, Decken und Kupferbarren. Das hat den Stamm ruiniert. Jetzt waren es die Kwakiutl, die sich beschenken lassen mussten. Dabei hofften sie, mehr Geschenke zu erhalten, als sie seinerzeit selber gemacht hatten.

Die Ethnologen fragten sich, weshalb die Menschen ihre Schätze derart verschwendet hatten. Schliesslich verstanden sie, dass die Potlatchs ein System waren, um die Ressourcen gerechter zu verteilen.

Weihnachten baut auf diesem System auf: Beschenkt wird, wer bedürftig ist. Wer ein wertvolles Geschenk erhält, kriegt Probleme, weil man dem Schenker ein noch wertvolleres Geschenk machen sollte.

Heute sind es vielleicht nicht die teuersten Geschenke, die am meisten Freude bereiten, sondern solche, die durch eine spezielle Originalität berühren.

Der französische Philosoph Claude Lévy-Strauss hat zu den Geschenken eine andere Theorie: Demnach beschenken Erwachsene die Kinder, um deren Vertrauen zu gewinnen. Die Erwachsenen erhoffen, mit Geschenken das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Das im Hinblick auf das Alter, quasi als Vorsorge.

swissinfo: Mit den Saturnalien wird das Wiedererwachen, die Erneuerung der Erde gefeiert, mit "Sol invictus" das Licht. Die Geburt Jesu wurde also mit der Erneuerung verknüpft. Doch wir verbinden damit doch eher Silvester?

J.H.: Weihnachten ist familiär, intim, während Neujahr sehr öffentlich geworden ist, wo man sich trifft und sich vermischt. Beim St. Nikolaus und dem Weihnachtsmann gibt es eine ähnliche Überlagerung.

swissinfo: Kerzen am Tannenbaum sind die Symbole der Weihnacht. Doch die meisten Menschen haben die Ursprünge der Bräuche vergessen. Droht auch der Geburt Jesu ein solches Vergessen?

J.H.: Das glaube ich nicht. 1956 hat in Dijon ein Teil der Bevölkerung den Weihnachtsmann vor der Kathedrale verbrannt. Es waren Anhänger des Domherrs Kyre, der damals Bürgermeister Dijons war. Doch dieser musste sich wenige Tage später zutiefst für die Tat entschuldigen.

Trotz aller kommerzieller Tendenzen ist Weihnachten bis heute ein Anlass der Sammlung, der religiösen Reflexion geblieben.

swissinfo: Was bedeutet Weihnachten für Sie persönlich

J.H.: Ich werde oft gefragt, ob ich gläubig bin, und ich antworte mit Ja. Ich glaube ein wenig an alle Religionen. Ich könnte Buddhist sein, Animist, alles was sie wollen.

Die religiösen Systeme sind, philosophisch gesehen, sehr intelligent, weil sie dem Atem der Gesellschaft entsprechen. Wenn man sie etwas genauer anschaut, merkt man, dass man sehr gut in sie eintauchen kann, so, als gehörte man zur Gesellschaft, aus der sie entstanden sind.

Weihnachten ist für mich ein schöner Moment, mit feinem Essen und Trinken. Ich habe mir auch eine kindliche Seite bewahrt: Ich liebe es, die Kerzen am Tannenbaum anzuzünden. Ja, es kann so banal sein!

Interview swissinfo, Bernard Léchot
(Übertragung aus dem Französischen: Renat Künzi)

Fakten

Jacques Hainard (65) ist Konservator am Ethnographischen Museum Neuenburg.
Im Februar 2006 wird Hainard Direktor des Museums für Ethnographie Genf.
Diesen Posten wird er für drei Jahre innehaben.

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In Kürze

Weihnachten ist das grösste christliche Fest; es erinnert an die Geburt Jesu erinnert.

Ursprünglich wurde Weihnachten am 6. Januar (Epiphania) gefeiert.
330 verlegte der römische Keiser Konstantin das Datum auf den 25. Dezember.

Ab 353 wird in Rom Weihnachten als die Geburt Jesus Christus gefeiert.

Schon zuvor war der 25. Dezember im Feierkalender ein wichtiges Datum, mit den Saturnalien und dem Sol invictus (Saturn- und Sonnenkulte).

Mit der Verschiebung der Weihnacht auf den 25. Dezember machten die Christen Roms klar, dass sie die Erneuerung durch Jesus Christus über die Kulte um Saturn und die Sonne.

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