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Ausstellung "Die Nakba" Israel-Palästina-Konflikt reicht bis nach Bern



Die Nakba von 1948: Palästinensische Bewohner, die aus ihren Dörfern in Galiläa vertrieben wurden, flüchten in den Libanon.

Die Nakba von 1948: Palästinensische Bewohner, die aus ihren Dörfern in Galiläa vertrieben wurden, flüchten in den Libanon.

(Keystone)

In Bern hat eine Ausstellung über die Vertreibung von über 700'000 Palästinensern 1948 von heutigem israelischen Staatsgebiet für Kontroversen gesorgt. Die Schau stosse auf Kritik, weil sie mit einem von Israel verhängten Tabu breche, sagt eine Veranstalterin.

"Wir jungen Leute sollten wissen, was auf der Welt abgeht", sagt Nora Mustafa, vom Journalisten beim aufmerksamen Lesen der Texte auf den insgesamt 13 Schautafeln unterbrochen.

"Besonders beeindruckt haben mich die Berichte der Flüchtlinge", sagt die 15-jährige Schülerin, die mit der 9. Klasse aus Münchenbuchsee die Ausstellung besucht.

Pius Dudler, zwei Generationen älter, hält die Ausstellung für bitter nötig. "Aber man hätte noch stärker auf die verhängnisvolle Rolle Grossbritanniens als Kolonialmacht in Palästina hinweisen sollen." Grossbritannien habe sich damals das Mandat über das Gebiet quasi im Gewohnheitsrecht und wider das Völkerrecht zugesprochen, so der Berner.

Die Wanderausstellung "Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948" im Kornhausforum wird von kirchlichen Organisationen, Menschenrechtsgruppen, kulturellen Institutionen und politischen Parteien aus dem Spektrum Rot/Grün/Mitte getragen.

"Wir wollen mit der Ausstellung einen Beitrag zur Anerkennung der Geschichte des palästinensischen Volkes leisten", sagt Mit-Organisatorin Elisabeth Lutz.

Kritikern, die umgehend den Vorwurf der Einseitigkeit erhoben, entgegnet sie entschieden. "Die jüdisch-zionistische Geschichte ist viel bekannter, die palästinensische Geschichte dagegen unbekannt." Ein Konflikt lasse sich aber nur lösen, wenn dessen Wurzeln bekannt seien, sagt Lutz.

Ehemalige Kolonialmächte mitschuldig

Mittlerweile ist unter einigen Ausstellungsbesuchern rund um Pius Dudler eine lebhafte Diskussion in Gang gekommen. Grossbritannien habe in den Kolonialgebieten im gesamten arabischen Raum "sehr viel falsch gemacht", sagt dieser. Deshalb trage es eine Mitschuld an den heutigen Krisen in diesen Gebieten.

Eine solche Mitschuld am heutigen Bürgerkrieg in Syrien trage auch Frankreich als ehemalige Kolonialmacht, wirft Paul Baumberger ein. Der geschichtsbewanderte Rentner besucht die Ausstellung mit seiner Frau.

Pius Dudler hält fest, dass er in keiner Weise Antisemit sei. Aber er könne nicht verstehen, dass die Schweiz, die stets für Gerechtigkeit und Menschenrechte eintrete, hinter Israel stehe, obwohl dieses kein gerechter Staat sei. "Stimmt gar nicht, die Schweiz ist für Palästina", widerspricht ihm ein anderer Besucher im Vorbeigehen.

Persönliche Wandlung 

Eine ältere Frau empfindet es als "verrückt, dass nicht die ganze Welt aufschreit, wenn Israel den Gazastreifen bombardiert". Aber Israel schade sich damit selbst. "Beim Sieg Israels im Sechstagekrieg hatte ich noch auf der Berner Uni-Terrasse mitgejubelt. Heute aber ist alles anders", sagt sie.

"Es ist schlimm, dass man heute noch solche Probleme wälzen muss, statt sie innerhalb der Weltgemeinschaft zu lösen", sagt Paul Baumberger.

Im Nahost-Konflikt sollte unbedingt eine politische Lösung aufgegleist werden, so die dezidierte Meinung von Pius Dudler. In der Verantwortung sieht er vor allem Europa, aber auch die UNO. "Das Land hätte in zwei klar festgelegte Gebiete aufgeteilt und deren Grenzen konsequent verteidigt werden sollen, insbesondere auch gegen die Besetzungen durch jüdische Siedler."

Berner Grabenkämpfe

Kontroverser fielen die Diskussionen auf dem Berner Polit-Parkett aus. "Mein Eindruck ist, dass es eine sehr antiisraelische Ausstellung ist, die sich vor allem gegen den Staat Israel richtet", sagte Lea Kusano, eine junge Vertreterin der Sozialdemokraten im Stadtparlament, gegenüber dem Schweizer Fernsehen. "Es ist keine sehr differenzierte Darstellung der Situation der palästinensischen Flüchtlinge."

Die junge Politikerin, deren Mutter aus Israel stammt, kritisierte auch die Trägerschaft der Ausstellung. "Es sind vor allem linke Organisationen, die die Ausstellung unterstützen. Ich habe bisweilen den Eindruck, dass linke Kreise und Parteien keine sehr differenzierte Haltung in der Frage Israel-Palästina haben."

Kusano will den finanziellen Beitrag, den die Stadt Bern an die Ausstellung beisteuerte, in Frage stellen. Pikant ist, dass ihre Partei, die SP, in der Trägerschaft der Ausstellung figuriert.

Alain Pichard, Vertreter der Grünliberalen im Bieler Stadtparlament und Vorstandsmitglied der Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI), sprach gar von "Geschichtsklitterung". Wichtige Fakten würden unterschlagen, etwa die enge Beziehung des arabischen Grossmuftis zu Hitler oder die Vertreibung von Juden aus arabischen Ländern.

Sibylle Elam von der Gruppe "Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina" dagegen fand es "legitim, wenn endlich die andere Sicht der Dinge dargestellt werden darf, so wie wir unsererseits während Jahrzehnten das Bild des kleinen David, der gegen den übermächtigen Goliath siegt, verbreiten konnten".

Ein Publikumserfolg

Bernhard Giger, den Leiter des Kornhausforums, das der Ausstellung Gastrecht gewährt, wertet diese als Erfolg. Einerseits wegen der regen Diskussionen, andererseits aufgrund des "sehr guten Publikumsbesuchs".

Die Debatte in der Öffentlichkeit sowie der aktuelle Hintergrund des Gaza-Konflikts hätten sicher auch zum grossen Publikumsinteresse beigetragen, wie auch die sehr breite Trägerschaft der lokalen Veranstalter.

Diese sowie die Wichtigkeit des Themas waren laut Giger die Gründe, die sein Haus zum Zeigen der Ausstellung bewogen. "Wir haben die Anfrage sehr gut geprüft, weil uns bewusst war, dass die Ausstellung in Deutschland sehr umstritten und teilweise gar nicht gezeigt worden war", sagt Bernhard Giger.

Die direkten Reaktionen seitens von Besuchers seien durchwegs positiv gewesen. "Viele fanden es gut, dass wir dem Thema mit der Ausstellung eine Öffentlichkeit verschaffen", sagt Giger.

Überkommene Gleichung aufbrechen

Auch heute noch könnten Lehrer in Israel, die im Unterricht die Nakba thematisieren, ihre Stelle verlieren, sagt Elisabeth Lutz. "Die Ausstellung weckt deshalb Widerstand, weil wir uns diesem Tabu widersetzen." Im zionistischen Israel habe die Gleichung "Kritik = Antisemitimus" sehr lange funktioniert. "Das beste Instrument, diese Gleichung aufzubrechen, ist die Information", sagt Lutz.

Ihr Fokus ist keineswegs einseitig, wie die Vorwürfe der Kritiker an die Ausstellung und deren Veranstalter meinen lassen könnten. "Wir sind hier ein verlängerter Arm der israelischen Friedensaktivisten, die wach genug sind, sich der eigenen Geschichte zu stellen", sagt Lutz. "Ich hoffe, dass die Ausstellung auf allen Seiten dazu führt, aus bestehenden Denkghettos rauszukommen."

Die Nakba ("Katastrophe")

Nach dem Ende des britischen Mandats zur Verwaltung Palästinas ruft Israel am 14. Mai 1948 den neuen Staat aus.¨

Grundlage war die UNO-Resolution über die Teilung Palästinas, die 1947 verabschiedet worden war. Die Teilung sah einen jüdischen und einen arabischen Staat vor.

Darauf brach ein arabisch-jüdischer Bürgerkrieg aus, der einen Exodus der arabischen Bevölkerung aus dem zu schaffenden jüdischen Staat zur Folge hatte.

Der Bürgerkrieg setzte sich nach dem Mai 1948 als arabisch-israelischer Krieg fort.

Die arabische Bevölkerung gedenkt der Nakba jährlich am 15. Mai. Israel begeht dasselbe Datum als Nationalfeiertag.

Für viele Israeli sind die Nakba-Feiern der arabischen Landsleute bis heute problematisch.

2011 beschloss das Parlament ein Gesetz zur Erschwerung von Nakba-Gedenkfeiern. Institutionen, die solche Feiern abhalten oder unterstützen, riskieren die Kürzung von staatlichen Beiträgen.

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Nakba – die Ausstellung

Die Wanderausstellung "Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948", die noch bis zum 2. Dezember im Kornhausforum Bern zu sehen ist, wurde vom deutschen Verein Flüchtlingskinder im Libanon zusammengestellt.

Auf 13 grossen Schautafeln wird die Geschichte Palästinas und seiner Bewohner von 1917 bis heute dargestellt.

Das Schwergewicht liegt auf dem arabisch-jüdischen und arabisch-israelischen Bürgerkrieg ab Ende 1947 und dem Exodus von gut der Hälfte der 1,4 Mio. arabischen Einwohner aus dem heutigen Staatsgebiet Israels.

In einem zweiten Ausstellungsteil sind Videos, Fotos und Karten zur aktuellen Situation in Nahost zu sehen.

Die Ausstellung wird von zahlreichen Rahmenveranstaltungen begleitet (u.a. Diskussionen, Film- und Theatervorführungen).

Im Dezember soll im Kornhausforum noch eine breit abgestützte Podiumsdiskussion stattfinden.

Die Ausstellung in Bern wird von Gruppierungen aus den Bereichen Kirche, Hilfswerke, Menschenrechten und Kultur veranstaltet. Dazu kommen Parteien aus dem Spektrum Rot-Grün-Mitte.

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swissinfo.ch


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