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Austauschjahr: Nicht immer werden Träume wahr

Ein Austauschjahr kann den Horizont erweitern - auch wenn das Leben im Ausland nicht nur einfach ist.

(Keystone)

Erfahrungen sammeln, die Welt aus einer anderen Perspektive entdecken, erwachsen werden. Jugendliche haben viele Gründe, die Heimat für eine gewisse Zeit zu verlassen.

Mit einem Austauschjahr oder Sozialeinsatz im Ausland erfüllen sich Junge solche Wünsche. Nicht immer läuft dabei alles perfekt.

Verschiedene Organisationen helfen Jugendlichen oder jung Gebliebenen, ihre Träume nach Ferne oder Exotik in die Tat umzusetzen. Doch Auslandschweizer, Auslandschweizerin auf Zeit zu sein, ist gar nicht so einfach. Oft klafft ein tiefer Graben zwischen Vorstellung und harter Realität.

Dies zeigt beispielsweise die Geschichte von Lisa Christen. Sie berichtete in den letzten Wochen auf swissinfo über ihre Erlebnisse als Austauschschülerin in Australien.

Lisas begann ihr Austauschjahr voller Freude und Begeisterung. Schon bald aber fühlte sie sich von ihrer Gastfamilie unverstanden und wurde von dieser zunehmend isoliert. Die Differenzen wurden unüberbrückbar, es kam zum Eklat und Lisa musste die Familie verlassen. Nach einigen Schwierigkeiten konnte Lisa schliesslich bei einer neuen Gastfamilie untergebracht werden.

Familienwechsel manchmal nötig

Auch Lea Willimann hatte ab und zu das Bedürfnis, ihre Gastfamilie zu wechseln, als sie 1998/99 mit der Organisation Youth for Understanding (YFU) ein Austauschjahr in Finnland verbrachte. Lea blieb aber schliesslich bei ihrer ersten Gastfamilie.

Sie versteht jedoch gut, dass ein Wechsel manchmal nötig ist: "Nach meiner Erfahrung wechselt ein Drittel bis fast die Hälfte der Austausch-Schülerinnen und -schüler die Familie. Das ist gut so. Eine neue Familie ist der richtige Weg, wenn man merkt, dass man nicht zusammenpasst."

Ein Familienwechsel ist jedoch keine simple Sache. Die Organisationen wollen es den Jugendlichen nicht allzu einfach machen, sie sollen nicht schon bei den ersten Schwierigkeiten die Flinte ins Korn werfen.

Manchmal aber sind die Verhältnisse in der Gastfamilie unhaltbar. Jugendliche müssen darauf zählen können, dass in einem solchen Fall die Vermittlungs-Organisation handelt und den Schüler umplatziert.

Auch bei anderen Konflikten kümmern sich erst mal die regionalen Kontaktpersonen der Austausch-Organisationen um den Fall. Sie führen Gespräche mit beiden Seiten. Nur wenn die Differenzen unüberbrückbar bleiben, veranlassen sie einen Wechsel.

Um Zerreissproben möglichst zu vermeiden, werden die Jugendlichen bereits in ihren Herkunftsländern selektioniert. Anhand von Interviews wird abgeklärt, ob sich die austauschwillige Person wirklich für einen Auslandaufenthalt eignet.

Jugendliche mit offensichtlichen psychischen Problemen werden gar nicht erst aufgenommen. Manchmal stellen die Interviewer fest, dass die Jugendlichen ihren Problemen zu Hause entfliehen möchten, oder dass die Familie froh wäre, das Kind mal für eine Weile aus dem Haus zu haben. Solche "Fälle" werden meist abgelehnt.

Rückgang der Austauschwilligen

Die Zahl der Jungen, die ein Jahr im Ausland verbringen möchten, sank in den letzten Jahren stetig.

Für die USA sei der Rückgang sehr deutlich, sagt Michèle Suter vom American Field Service (AFS), einer der grossen international tätigen Austausch-Organisationen. Im Schuljahr 2000/01 hatte AFS noch 128 Jugendliche in die USA geschickt. Dieses Jahr sind es noch 87.

Michèle Suter sieht darin aber nicht nur die allgemeine Angst vor Terroranschlägen nach dem 11. September 2001. Seit der Maturitätsreform in den Schweizer Kantonsschulen und Gymnasien können Austauschwillige nur noch aus einem Jahrgang rekrutiert werden. Das Anforderungsprofil der Schweizer Schulen werde strenger, Klassen könnten nur selten, und wenn, nur noch mit sehr guten Vornoten übersprungen werden.

Ein weiterer Grund für die Abnahme ist für Suter die Wirtschaftskrise in der Schweiz. Viele Schweizer Eltern seien nicht mehr in der Lage oder bereit, ihrem Kind einen Auslandaufenthalt zu finanzieren.

Auch Krankheiten wie SARS, Flugangst und erhöhte Risiken in gewissen Regionen der Welt hielten Eltern davon ab, ihre Kinder ins Ausland zu schicken.

Dies bestätigt Claudio Enggist Geschäftsleiter vom YFU, einer ebenfalls weltweit tätigen Austausch-Organisation. "Bis zum Jahr 2001 haben wir jährlich bis 150 Jugendliche aus der Schweiz in die USA geschickt. Dieses Jahr waren es noch gut ein Drittel."

Gegentrend

Marco Stucki vom Schweizer Komitee des International Cultural Youth Exchange (ICEY), einer Organisation, die vor allem Sozialeinsätze organisiert, spürt dagegen keinen Rückgang der Auswanderungswilligen auf Zeit. Jährlich vermittelt ICEY 35 bis 40 Personen aus der Schweiz ins Ausland und organisiert für 30 bis 40 Personen aus dem Ausland Aufenthalt und Arbeit in der Schweiz.

Stuckis Organisation vermittelt meist Erwachsene. Bei 15- bis 17-Jährigen hätten vor allem die Eltern Angst, dass ihrem Sprössling etwas passieren könnte. Der Trend bei ICEY geht in Richtung kürzerer Einsätze. Viele Interessenten und Interessentinnen möchten sich statt des bisher üblichen Jahres nur für 6 Monate verpflichten.

Die ICEY-Hitparade der begehrtesten Länder: Bolivien, Costa Rica, Neuseeland und Indien. Die Sozialeinsätze umfassen z. B. die Betreuung von Strassenkindern, Arbeit mit Behinderten, Mitarbeit bei Gassenküchen usw.

Spracherwerb als Hauptmotivation

Weshalb zieht es die Jugendliche in die Welt? Für die meisten Austauschschülerinnen und -schüler ist die Hauptmotivation das Erlernen einer Fremdsprache.

Viele merken erst bei der Rückkehr, dass sie noch auf ganz anderen Gebieten profitiert haben. Sie sind selbstständiger geworden, haben gelernt, ihre Probleme selbst zu lösen und sind in der Lage, sich in einer fremden Kultur zu orientieren und auch durchzusetzen.

"Dies sind grosse Schritte bei der Persönlichkeits-Entwicklung", so Claudio Enggist. Oft sei es dann so, dass die Eltern nach der Rückkehr Mühe bekundeten, da ihr Kind nicht mehr dasselbe sei wie vor der Abreise.

Aber auch für die Jugendlichen ist es bisweilen schwierig, sich wieder ins heimatliche Leben zu integrieren. Claudio Enggist: "Wir versuchen, den Jugendlichen schon im Voraus zu vermitteln, dass sie sich nach ihrer Rückkehr in einem zweiten Austauschjahr befinden werden."

Vorzeitige Heimkehr

Immer wieder müssen Austauschschüler oder –schülerinnen vor Ablauf der normalen Aufenthaltsdauer ihr Gastland verlassen.

Laut Claudio Enggist sind vorzeitige Heimreisen wegen Krankheit äusserst selten. Häufiger müsse der Aufenthalt infolge "krasser Regelverstösse" abgebrochen werden.

"Es gibt Jugendliche, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Kiffen wird nur in der Schweiz relativ lasch verfolgt. In anderen Staaten reicht dies für einen Landesverweis." Auch Alkoholmissbrauch oder Ladendiebstähle seien Gründe für einen Abbruch des Aufenthaltes.

Schweiz als Ziel

YFU vermittelt pro Jahr bis 220 Jugendliche aus der Schweiz ins Ausland. 60 bis 80 werden aus dem Ausland in die Schweiz "importiert". Vor allem Jugendliche aus Lateinamerika, Osteuropa und Japan sind an einem Aufenthalt in der Schweiz interessiert.

Die Austausch-Organisationen führen dafür verschiedene Argument ins Feld: Die Schweiz ist ein teures Land, eine Hochpreis-Insel.

Zudem erscheint die Eidgenossenschaft nicht als das ideale Land, um Deutsch zu lernen. Claudio Enggist: "Hier müssen die Austauschschüler zwei Sprachen lernen, Schweizerdeutsch und Hochdeutsch, das schreckt viele ab." Die welsche Schweiz habe dieses Problem nicht.

Wer sein Austauschjahr in der Schweiz verbringt, muss genau wie die Schweizer Schüler im Ausland Klischees über Bord werfen. Es soll aber vorkommen, dass Austauschschüler die Schweiz ein paar Pfund schwerer verlassen, als sie eingereist waren. Die Schweizer Schokolade entspricht halt ganz dem Klischee.

swissinfo, Etienne Strebel

In Kürze

Die Zahl der Jugendlichen, die ein Jahr im Ausland verbringen möchten, sank in den letzten Jahren stetig.

Vor allem die Destination USA verzeichnet einen starken Rückgang.

Verantwortlich dafür sind die Angst vor Terroranschlägen, aber auch die Wirtschaftskrise in der Schweiz und die gestiegenen Anforderungen der Mittelschulen.

Über ein Drittel der Austauschschüler wechselt während ihres Aufenthalts die Gastfamilie.

Schüleraustausch und Sozialeinsätze werden von vielen Organisationen vermittelt.

Intermundo ist der Schweizerische Dachverband der nicht gewinnorientierten Jugendaustausch-Organisationen.

Intermundo erarbeitet für seine Mitglieder Qualitäts-Standards für den Jugendaustausch und ist für deren Durchsetzung verantwortlich.

Auch gewinnorientiert arbeitende Organisationen bieten Jugendaustausch an.

Sie setzen ihre eigenen Qualitätsanforderungen fest und sind für deren Einhaltung selbst verantwortlich.

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Fakten

swissinfo begleitet Lisa Christen während ihres Austauschjahres in Australien.

In ihrem Online-Tagebuch berichtet sie regelmässig über ihre Erfahrungen und Erlebnisse.

Mehr dazu unter "Zum Thema".

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