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BÖRSE/Ökonomen sehen im Leerverkaufsverbot überwiegend eine 'Verzweiflungstat'

Dieser Inhalt wurde am 19. Mai 2010 - 15:54 publiziert

FRANKFURT (awp international) - Volkswirte sehen im Verbot von ungedeckten Leerverkäufen auf Anleihen der Eurozone überwiegend eine Verzweiflungstat der deutschen Bundesregierung. Die Verunsicherung an den Märkten habe dadurch weiter zugenommen. Tatsächlich gerieten am Dienstagabend nach dem Beschluss sowohl die Aktienmärkte als auch der Eurokurs unter Druck. Einige Experten begrüssen die Entscheidung jedoch als eine sinnvolle Massnahmen zur Stabiliserung der Finanzmärkte.
Deutschland hatte ab Mitternacht sogenannte ungedeckte Leerverkäufe von Aktien von Staatsanleihen aus Euro-Ländern und entsprechende Kreditausfallversicherungen (CDS) verboten. Zudem gilt der Beschluss auf für die Aktien von zehn deutschen Finanzkonzernen. Es geht um Geschäfte, bei denen Händler Aktien oder andere Finanztitel zum Verkauf anbieten, die sie gar nicht besitzen - in der Absicht, sie später zu einem niedrigeren Preis zu kaufen und damit Gewinn zu machen.
Das deutsche Verbot gleicht nach Einschätzung des Frankfurter Bankhauses Metzler einem Verzweiflungsakt. "Erschwerend kommt hinzu, dass Europa nach wie vor nicht mit einer Stimme spricht, wie der deutsche Alleingang zeigt", sagte Metzler-Experte Özgür Atasever der Finanznachrichten-Agentur dpa-AFX. "Dies führt letztlich dazu, dass Investoren verunsichert werden und finanzielle Mittel aus dem Euroraum abziehen." Entsprechend rechnet Atasever damit, dass der Euro auch in den kommenden Wochen der "Prügelknabe" an den Märkten bleiben wird.
Auch die Commerzbank zweifelt Sinn und Zweck des von der Regierung über Nacht eingeführten Leerverkaufs-Verbots an. "Wir rechnen weder damit, dass sich die Renditedifferenzen der Peripherieländer nachhaltig einengen werden, noch damit, dass der Euro seine Schwächephase beendet", heisst es in einer Studie. Am Markt habe sich schnell die Sichtweise durchgesetzt, dass es sich um eine Verzweiflungstat handele und sich die Schuldenkrise in Europa weiter verschlimmern könnte. "Denn: Die jüngste Zuspitzung der Schuldenkrise ist nicht auf Spekulanten, sondern vielmehr auf eine durchaus rationale Zurückhaltung bei Investoren und Banken zurückzuführen."
Die Bremer Landesbank begrüsste hingegen das deutsche Verbot. "Ungedeckte Leerverkäufe laden zu Manipulationen ein", sagte Chef-Analyst Folker Hellmeyer. Während gedeckte Leerverkäufe wegen der gleichzeitigen Leihe des leer verkauften Anlageguts nur im Rahmen einer Unternehmenskapitalisierung oder eines bestehenden Anleihevolumens stattfinden könnten, gelte dies für ungedeckte Geschäfte nicht. Sie seien daher ordnungspolitisch abzulehnen, da sie sogar zu systemischen Risiken führen könnten. Das Verbot sollte laut Hellmeyer nicht nur für Deutschland sondern auch für Europa und besonders auch für den US-Markt gelten.
Die HSH Nordbank sieht zumindest bei den Restriktionen für CDS eine sinnvolle Ergänzung der Bemühungen um eine Marktstabilisierung. Das Leerverkaufsverbot für die Aktien der deutschen Finanzdienstleister mache hingegen nur Sinn, wenn die Regierung eine neue Banken- oder Versicherungskrise befürchtet"./js/jkr

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