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Botschafter der Tiere

Der Zürcher Zoodirektor Alex Rübel in der Masoala Regenwald-Halle.

(Keystone)

Der Zoo in Zürich wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. Die zahlreichen Aktionen sollen unter anderem auch Geld für ein neues Löwen-Gehege bringen.

Im Gespräch mit swissinfo sagt Zoo-Direktor Alex Rübel, was ein Zoodirektor tut und welche Aufgabe ein Zoo heute hat.

swissinfo: Zoodirektor, das tönt nach Traumberuf. Nur wenige können Zoodirektor sein. Aber was genau tut ein Zoodirektor?

Alex Rübel: Es ist in der Tat ein faszinierender Beruf. Ich bin Tierarzt und dachte am Anfang auch, ich würde mich viel mehr mit den Tieren beschäftigen können. Die Nähe zum Tier ist mir wichtig.

Als Zoodirektor gebe ich oft Interviews und halte Vorträge. Ich trete als PR-Vertreter, als Botschafter der Tiere, an die Öffentlichkeit. Ich habe dafür zu sorgen, dass wir das Geld für den Betrieb zusammenbringen. Dann muss ich die Leute im Zoo und ausserhalb für die Sache der Tiere begeistern, glaubwürdig sein und einen tiergerechten Zoo erhalten.

swissinfo: Woher kam eigentlich das Bedürfnis, Zoologische Gärten zu bauen?

A.R.: Für viele Menschen sind Zoos Notausgänge zur Natur. Lange nicht alle können dorthin reisen, wo die Tiere leben. Und wir wissen, dass der Kontakt mit dem lebenden Tier für das Verhalten und den Umgang mit Tieren ganz entscheidend ist.

Tiere kann man nicht gerne haben oder gar schützen, wenn keine Gefühle ihnen gegenüber vorhanden sind.

swissinfo: Der Zürcher Zoo ist nun 75 Jahre alt. Ich kann mir vorstellen, dass die Ausrichtung des Zoos immer wieder neu definiert wurde.

A.R.: Erste Zoos wurden vor über 200 Jahren errichtet. Damals ging man im Zoo exotische Tiere anschauen, die man sonst nie zu Gesicht bekam. Das galt auch noch für den Zürcher Zoo zur Gründerzeit.

Das Abholzen der grossen Wälder zu Beginn der 1930er Jahre - über 75% der Tiere leben in Wäldern – führte zum Aussterben vieler Tiere.

Damit wandelte sich die Institution Zoo immer mehr zum Überlebensrefugium. Im Zoo - auch in Zürich - begann man Tiere zu züchten, um sie zu erhalten.

In den 1950er Jahren begann der damalige Zoodirektor Hediger mit der Tiergarten-Biologie und Tierpsychologie. Tiergerechte Haltung und Zucht wurden gefördert.

Züchten können wir heute recht gut. Doch was nützt es, Reserve-Populationen zu erhalten, wenn kein natürlicher Lebensraum mehr für sie vorhanden ist?

Und so ergibt sich die heutige Ausrichtung des Zoos von selber: Zoos müssen heute erzieherisch wirken, die Zusammenhänge in der Natur zeigen. Denn "wir Menschen schützen nur, was wir lieben", hat mir mal ein Afrikaner gesagt.

swissinfo: Und gelingt der Transfer hier in der Schweiz, wo nicht einmal mehr der Feldhase genug Lebensraum hat?

A.R.: Wenn ich sehe, wie weltweit die Natur schwindet, ist das dramatisch. Wir übernutzen sie um 20%. Das gilt auch für die Schweiz.

Wenn es uns nicht gelingt, das Populationswachstum des Menschen einzuschränken und auch dessen Gier nach immer mehr Wohlstand, dann bin ich relativ pessimistisch.

Auf der andern Seite muss man etwas dagegen tun und optimistisch an die Sache herangehen. Da spielt es für mich keine Rolle, ob es der hiesige Feldhase oder der Lemur aus Madagaskar ist.

Ändern muss es in unsern Köpfen – auch den Schweizer Köpfen – das versuche ich, hier im Zoo zu zeigen.

swissinfo: Damit viele Leute kommen und unsere Botschaft hören, sagen Sie, muss der Zoo attraktiv sein. Befürchten Sie nicht, dass sich die Einrichtung – in der Zeit von Freizeitparks und Action – hin zum Tier-Disneyland entwickelt?

A.R.: Unser Zoo muss attraktiv sein, davon bin ich überzeugt. Doch ohne die Grundsätze zu verletzen. Es wird nicht zur "Chilbi" kommen und es wird auch keine Riesenrutschbahn geben.

Die Tiere sind attraktiv, und so wollen wir sie zeigen. Das ist teilweise eine Gratwanderung, zugegeben. Aber im Zürcher Zoo ist "Action" nicht verboten.

swissinfo: Attraktiv müssen Sie auch sein für all die Sponsoren und Gönnerfamilien, die in Zürich schon mal einen zweistelligen Millionbetrag stiften. Sie müssen populär sein, aber die Gönner nicht vergraulen. Sind sie so etwas wie der "zoologische Marthaler" von Zürich?

A.R.: (lacht) Das weiss ich nicht, aber sicher verstehe ich den Zoo als Kulturinstitution, wie Marthaler das Schauspielhaus.

Kulturinstitutionen sind gemacht von Menschen für Menschen. Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir breit abgestützt sein in der Bevölkerung.

Und wenn wir schon eine PR-Agentur sind, sehe ich mich als Diplomat, als Botschafter der Tiere. Dann muss ich bei den Entscheidungsträgern auch so herüber kommen.

swissinfo: Wissen die Tiere, dass sie im Zoo in Gefangenschaft leben? Weiss der Löwe, dass er nicht 100 Kilometer weit ziehen kann?

A.R.: Ich denke, nein. Praktisch alle Tiere sind in einem Zoo geboren worden. Ich bin sicher, die fühlen sich nicht gefangen. Für sie ist nicht entscheidend, eingesperrt oder nicht eingesperrt zu sein.

Ich bin überzeugt, dass für das Tier entscheidend ist, ob es in seinem Gehege normal leben kann. Das heisst: "Ist eine Familie da, kriege ich Futter, ist das Leben hier spannend und interessant?"

swissinfo: Haben Sie ein Lieblingstier?

A.R.: Nein, das habe ich nicht. Ich hatte als Volontär in Basel oder als Tierarzt zwar mit Nashörnern, Papageien und andern Tieren zu tun. Mich interessiert jedoch generell das Zusammenleben von Tieren, von Tieren und Pflanzen.

In unserer Masoala-Regenwald-Halle zeigen wir, dass Tiere letztlich nur in ihrer angestammten Umgebung – und nicht im Zoo – überleben können.

Diese Zusammenhänge aufzuzeigen, das fasziniert mich an meinem Beruf.

swissinfo, Urs Maurer

Fakten

Alex Rübel ist 49 Jahre alt, Tierarzt, verheiratet und hat drei Kinder.
Seit 1991 ist er Direktor im Zoologischen Garten Zürich.

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In Kürze

Zahlen zum Zürcher Zoo:

Im Jahr 2003 besuchten rund 1,65 Mio. Personen den Zoo.

Der Zoo ist eine AG, beschäftigt 120 Mitarbeitende und hat einen Umsatz von 22 Mio. Franken.

Das Zoo-Jubiläum steht ganz im Zeichen des Löwen. Für die geplante neue Löwenanlage, die 5 bis 6 Mio. Franken kosten soll, wird Geld gesammelt.

Die letzte grosse Innovation war die Masoala-Regenwald-Halle. In dieser weltweit einzigartigen Ökosystem-Halle ist ein Ausschnitt des Regenwaldes auf der Halbinsel Masoala auf Madagaskar naturgetreu nachgestaltet worden.

Alle Tiere, darunter Lemuren, Reptilien, Flughunde, Vögel und Insekten können sich frei auf der 11'000 Quadratmeter grossen Fläche bewegen.

Die Anlage kostete 52 Mio. Franken.

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