Navigation

Sprunglinks

Unterrubriken

Hauptfunktionen

Brasilien Schweizer fördert digitale Berufsbildung im WM-Land

Der Lehrgang ist digital, aber Schüler und Lehrerin Eulinalia Vergne De Assis Barbosa (hinten) sind aus Fleisch und Blut.

Der Lehrgang ist digital, aber Schüler und Lehrerin Eulinalia Vergne De Assis Barbosa (hinten) sind aus Fleisch und Blut.

Dieser Unterricht ist neu für die Schüler im Nordosten Brasiliens: In Salvador de Bahia sollen junge und weniger junge Bildungshungrige interaktive Kurse in rund 70 Themenbereichen absolvieren können. Möglich macht dies der Schweizer Honorarkonsul Daniel Kunz.

In seinen 20 Jahren in Brasilien hat Daniel Kunz ein weitverzweigtes Beziehungsnetz aufgebaut. Einem seiner Kontakte, nämlich Aldo Freitas, dem Gründer der Privat-Universität UniJorge in Salvador de Bahia, verdankt Kunz die Idee, dort die Berufsbildung zu fördern.

Vor fünf Jahren hatte Freitas die ersten Schulen "Digitale Ära in der Berufsbildung" eröffnet. Heute führt er in Salvador de Bahia neun solche Institute und eines in Recife.

"Das beweist, dass dieses Berufsbildungs-Modell einer Nachfrage entspricht", sagt Kunz. Der Honorarkonsul hat nach Freitas' Vorbild nun seine eigene Schule eröffnet, die ebenfalls auf Computer-gestütztem, also digitalen Unterricht beruht.

In den Freitas-Schulen "Digitale Ära in der Berufsbildung" können Absolventen interaktive Lehrgänge in rund 70 Berufs- und Tätigkeitsbereichen auswählen. Die Materie wird von Fachpersonen vorbereitet. Möchte jemand beispielsweise Kassierin oder Kassierer in einem Supermarkt werden, folgt die Person an einem der 16 Computer im Zimmer einem audio-visuellen Kurs, in dem sämtliche Schritte der Tätigkeit gezeigt und erklärt werden. Auf einer virtuellen Registrierkasse können die Absolventen beispielsweise erste Additionen wie auch Subtraktionen tippen.

Jeder nach seinem Rhythmus

Im Laufe des Unterrichts müssen die Absolventen regelmässige Zwischenprüfungen ablegen. Darin müssen sie unter Beweis stellen, dass sie 70% des Stoffes beherrschen. Wer einen Test nicht besteht, muss das Kapitel wiederholen, in dem er oder sie noch zu wenig sattelfest ist. Die Zahl der Versuche ist bewusst nicht limitiert. "Das ist für jene ein Vorteil, die Mühe mit Lernen haben", erklärt Kunz.

Die Lernenden können den Online-Kurs jederzeit unterbrechen, um Eulinela Vergne De Asssis Barbosa Fragen zu stellen. Die Lehrerin ist während aller Lektionen im Klassenzimmer anwesend. "Das ist einer der Hauptunterschiede zu einem Fernkurs, wo jeder Lernende allein vor seinem Bildschirm sitzt", sagt Kunz.

Klar sind keine technischen Kurse im Angebot, die viel Handfertigkeit verlangen - an Kunz' Schule kann man nicht Koch oder Mechaniker werden. Die einjährige Ausbildung absolvieren die Lernenden ausschliesslich am Bildschirm. Wöchentlich finden zwei Lektionen statt, entweder am Vor- oder Nachmittag.

Daniel Kunz' Institut liegt in Brotas, einem Arbeiterquartier. Die moderaten Kurskosten liegen bei umgerechnet 33 Franken pro Monat. "So haben die meisten Zugang. Beispielsweise die Älteren, die einen Einführungskurs in die Informatik benötigen und die 15% der Lernenden ausmachen", sagt der Gründer.

(Emmanuel Manzi)

Fit für den ersten Job

Aber Lernen allein bringt noch nichts. Deshalb hat der Honorarkonsul fünf seiner Freunde, die Informatikunternehmen oder Supermärkte führen, davon überzeugt, regelmässig an seine Schule zu kommen, um dort mit den besten Absolventen Vorstellungsgespräche abzuhalten. Diesen winkt dann eine fixe Anstellung als Kassiererin, Verkäufer, Rezeptionistin, Buchhalter, Grafikerin oder Informatiker. Klappt es nicht gleich mit einer Festanstellung, sind auch Praktika möglich. "Oberstes Ziel unserer Berufsbildungs-Kurse ist die Vorbereitung unserer Schüler auf ihre erste Stelle", erklärt Gründer Kunz.

In Brasilien bestünden gerade im Bereich der Ausbildung grosse Defizite, fährt er fort. "Meine fünf Freunde führen als Unternehmer zusammen 6000 Mitarbeitende. Sie alle beklagen, dass sie jedes Jahr 30% ihrer Beschäftigten entlassen müssen, weil diese über keine genügende Grundausbildung verfügen."

Für den brasilianischen Bundesstaat Bahia sei die öffentliche Berufsbildung eine Priorität, sagt Almeiro Biondi Lima vom regionalen Bildungsdepartement. Mit finanziellen Investitionen werde insbesondere das Kursangebot im Bereich der technischen Berufe vergrössert. So schafft der Bundesstaat Bahia jedes Jahr 45'600 Plätze in technischen Ausbildungskursen auf mittlerem Niveau. Diese Lehrgänge sind kostenlos, dauern zwischen zwei und vier Jahren und finden in Partner-Institutionen statt.

Vielseitiges Engagement

Der 46-jährige Daniel Kunz ist seit fünf Jahren Schweizer Honorarkonsul im brasilianischen Bundesstaat Bahia.

Der gebürtige Thurgauer lebt seit 20 Jahren in Brasilien, "weil das Land Chancen ermöglicht", wie er sagt.

Kunz ist mit einer brasilianischen Anwältin verheiratet, mit der er einen zehnjährigen Sohn hat.

Er besitzt mehrere Geschäfte und arbeitet als Immobilienagent in Salvador.

Nach einer Ausbildung in der Schweiz als Flugzeug-Mechaniker machte er ein MBA in Marketing in São Paulo sowie ein MBA in Projektmanagement an der UniJorge in Salvador.

Keine Chancengleichheit

Im riesigen Land grassiert die Ungleichheit. Viele Kinder und Jugendliche brechen ihre Schulausbildung vorzeitig ab. William Azevedo Dunningham, Professor für Sozialpsychiatrie an der Universität Bahia, nennt die wichtigsten Gründe dafür: "Viele Eltern können die Bedürfnisse ihrer Kinder im Schulalter gar nicht befriedigen. Im Nordosten werden Mädchen mit 15 schwanger und sind mit der Erziehung ihrer Kinder völlig alleingelassen. Auf dem Land helfen die Jungen sehr früh ihren Eltern in den Pflanzungen. Die Jungen wollen schnell Geld verdienen, und wenn möglich leicht…."

Dazu komme die Sozialgeschichte Brasiliens, mit einer kleinen Minderheit an kultivierten Reichen, und einer grossen Mehrheit an wenig gebildeten Armen, gibt Dunningham zu bedenken. Diese Geschichte lasse sich nicht von einem auf den anderen Tag auslöschen, auch wenn die Mittelschicht zahlenmässig zunehme.


(Übertragung aus dem Französischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch


Links

×