Bundesrat Ogi mit Spitzensport unzufrieden

Sportminister Bundesrat Adolf Ogi (Bild) kritisierte an einer Trainertagung in Magglingen scharf die Verhältnisse im Spitzensport und schlug eine Reihe von Massnahmen vor. Vor allem im Bereich der Nachwuchsförderung müsse viel mehr getan werden.

Dieser Inhalt wurde am 12. November 1999 - 09:21 publiziert

Sportminister Bundesrat Adolf Ogi (Bild) kritisierte an einer Trainertagung in Magglingen scharf die Verhältnisse im Spitzensport und schlug eine Reihe von Massnahmen vor. Vor allem im Bereich der Nachwuchsförderung müsse viel mehr getan werden.

Sportminister Adolf Ogi schrieb in Magglingen Sportgeschichte. Er machte an der Trainertagung des Schweizerischen Olympischen Verbandes (SOV) aus seinem Herzen keine Mördergrube und legte ein paar Dinge schonungslos auf den Tisch. «Ich bin enttäuscht und unzufrieden», lautete seine Bilanz nach knapp 23 Monaten Sportministerium. Ogi schlug eine Serie von fünf Massnahmen vor. «Wie bis dahin kann es nicht weitergehen», so Ogi.

Der frühere Skiverbands-Direktor prangerte in einer historischen Rede die Selbstgerechtigkeit und Selbstzufriedenheit im Sport an, wies auf enorme Mängel bei der Nachwuchs- Ausbildung hin und stellte fest, dass die vorhandenen Möglichkeiten von den Sportverbänden gar nicht genutzt werden.

Im Spitzensport zähle nur der Erfolg, bei uns werde das Ziel der Leistung angepasst statt umgekehrt, meinte Ogi. Es sei den Sportlern zu Recht egal, wer gute Rahmenbedinungen schaffe, ob Sportverbände oder Bund. Es gebe keine "öffentlich-rechtlichen und keine privatrechtlichen Medaillengewinner". Alle Organisationen müssten zusammenarbeiten. Als Vorbilder nannte er den "Club France" oder das "Team Danmark".

Eine Analyse mit vergleichbaren Ländern wie Österreich und Norwegen habe gezeigt, dass bei uns das Entwicklungspotenzial nicht ausgeschöpft wird. Im Frauensport sei die Schweiz ein Entwicklungsland. Der SOV biete zwar gute Rahmenbedingungen, aber bei uns fehlten feu sacré und Risikobereitschaft. «Jeder Verein und jeder Verband schaut nur für sich».

Doch der Bundesrat kritisierte nicht nur «die Anderen», er nahm auch Schuld auf seine Kappe. «Sion 2006 ging verloren. Ich bin der Hauptschuldige», sagte er. "Wir haben es auch nicht geschafft, das IOC von der Mehrwertsteuer zu befreien, die Suchtbekämpfung zeigt nur mässige Erfolge, 4 von 7 Millionen Schweizern bewegen sich zu wenig,und der Abbau der Turnstunden in den Kantonen ist noch nicht gestoppt".

Fünf Massnahmen

Bundesrat Ogi schlägt im einzelnen fünf Massnahmen vor:

1. Die Schaffung einer Förderkette für den Nachwuchs. Er will von seiner Seite aus alles unternehmen, damit die Kette Elternhaus, Schule, Verein, Verband nicht mehr unterbrochen wird.

2. Eine Verbesserung der Situation der Sportförderschulen. Mit dem SOV und den Erziehungsdirektoren der Kantone muss der Nachholbedarf bewältigt werden.

3. Der Sport muss als Beruf erlernt werden können. Eine
Projektgruppe ist an der Arbeit.

4. Die Integration von Nachwuchsprojekten in die bewährte Säule Jugend Sport.

5. Die Etablierung eines lokalen Sportnetzes übers ganze Land. Ogi überlegt, eine Landsgemeinde aller Gemeinden nach Bern einzuberufen, um den Sport zu verankern.

"Beschauliche Zentralälpler" - schonungslose Bilanz

Adolf Ogi zeichnete vor der Trainergilde in Magglingen ein äusserst düsteres Bild des Schweizer Sports: Von den 100 WM- und EM- Medaillen von Schweizer Sportlern in diesem Jahr wurden nur verschwindend wenige in bedeutenden Sportarten gewonnen. Im Fussball hat sich das Nationalteam nicht für die EM qualifiziert, in der Champions League sind wir out -- im Gegensatz zu den Halbprofis von Rosenborg Trondheim (No), GC mit einem 25-Millionen- Budget holt einen von sechs möglichen Punkten gegen Yverdon, YB versinkt in Schulden und steigt vielleicht in die 1. Liga ab. Schulden und Schlägereien bei den Eishockey-Klubs, «zum Glück haben wir das Nationalteam». Der Handball ist nicht für Olympia qualifiziert.

Im Turnen gabs den 21. statt den 12. WM-Mannschaftsrang, bei den Frauen den 29. Ernüchterung bei den Skilangläufern ohne eine Platzierung unter den ersten 10 an den WM, nur zwei Startplätze für Olympia Sydney 2000 im Schiessen, nur zwei Olympia-Medaillen für die Alpinen 1998 in Nagano. Es habe ihm weh getan, als er kürzlich in der «Süddeutschen Zeitung» von den «beschaulichen Zentralälplern und deren krassem Abschwung» im alpinen Skirennsport lesen musste. Der Radsport sei ein Scherbenhaufen mit 2 Millionen Franken Schulden und ohne Präsident. In der Leichtathletik sind 11 Rekorde mehr als 15 Jahre alt, im Kanusport gabs 1996 in Atlanta Regatta- Silber, nächstes Jahr in Sydney ist niemand qualifiziert.

SRI und Agenturen

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