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Christen in Mossul Kirchen lancieren Hilfsappell für Irak

, Genf


Die Minderheit der Jesiden gehört in Irak zu den besonderen Zielscheiben der jihadistischen Extremistenorganisation Islamischer Staat (IS).

Die Minderheit der Jesiden gehört in Irak zu den besonderen Zielscheiben der jihadistischen Extremistenorganisation Islamischer Staat (IS).

(Reuters)

Ein Dialog mit den islamistischen Extremisten im Irak, die etwa eine Million Menschen in die Flucht getrieben haben, darunter auch Christen, sei nicht möglich, sagt der Weltkirchenrat. Trotzdem sieht er von der Forderung einer militärischen Intervention ab.

Peter Prove vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK)externer Link mit Sitz in Genf erklärt gegenüber swissinfo.ch jedoch, es müsse sofort etwas unternommen werden, um Christen und andere Minderheiten mit humanitärer Hilfe zu unterstützen und vor Angriffen der Organisation Islamischer Staat (IS) zu schützen. Die sunnitische Jihad-Gruppe war zuvor als ISIS bekannt.

Die Gemeinde der Christen Mossuls gehört zu den ältesten Minderheiten der Region. Seit 2003 – nach dem Sturz des damaligen irakischen Herrschers Saddam Hussein – wurde die christliche Gemeinschaft in der Stadt aber stets kleiner.

Schätzungen zufolge hatten Anfang Juni, als die IS-Extremisten in Mossul eindrangen, noch bis 30'000 Christen dort gelebt. Heute gebe es in der Stadt nur noch wenige christliche Familien.

Verzweifelte Lage im Irak

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swissinfo.ch: Was haben Sie gehört, was in der betroffenen Region passiert?

Peter Prove: Wir erhielten Berichte von einigen der wichtigsten Kirchenführer, die uns darüber informierten, was sich in Mossul und anderen Teilen der Region, die von den militärischen Aktionen des Islamischen Staats betroffen sind, abspielte. So erhielten wir zum Beispiel Fotografien und Zeugenaussagen darüber, wie militante Kämpfer die Häuser von Christen, Schiiten und anderen Minderheiten markieren, und über die Drohungen gegen diese Minderheiten, vor allem gegen die Christen: Wer nicht zum Islam konvertiert oder ein Schutzgeld entrichtet, dem bleibt – unter Zurücklassung von Hab und Gut, mit nichts als den Kleidern am Leib – nur die Flucht, sonst droht die Hinrichtung.

Ökumenischer Rat der Kirchen

Der ÖRK mit Sitz in Genf, auch Weltkirchenrat genannt, wurde 1948 gegründet. Ziel des Rates ist die Einheit der Christen und Christinnen unterschiedlichster Ausprägungen.

Ende 2013 gehörten dem ÖRK weltweit 345 Mitgliedskirchen an, mit einer Basis von rund 500 Millionen Christen und Christinnen.

Die Römisch-Katholische Kirche ist nicht Mitglied, doch bestehen enge Verbindungen zwischen der RKK und dem ÖRK; zum Beispiel kommt eine gemeinsame RKK/ÖRK-Arbeitsgruppe einmal pro Jahr zusammen. 

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Das Resultat dieser Drohungen ist, dass praktisch die gesamte christliche Bevölkerung Mossuls zur Flucht gezwungen wurde. Sie alle sind nun intern Vertriebene, befinden sich vor allem in der Region Kurdistan. Das Gleiche geschieht mit den anderen Minderheiten. Im Wesentlichen sehen wir, dass die soziale Architektur im Irak, oder zumindest in den vom Islamischen Staat kontrollierten Gebieten, auf eine uniforme, extremistische Agenda eingeengt wird. Wer sich davon unterscheidet, zur Vielfalt der Gesellschaft beiträgt, wird angegriffen und vertrieben.

swissinfo.ch: Was tut der Weltkirchenrat, um auf die Situation aufmerksam zu machen und das Bewusstsein dafür zu stärken?

P.P.: Wir alle beim ÖRK, aber auch grosse Teile der internationalen Gemeinschaft, fühlen uns fast machtlos, einer derart rapiden, extremen Entwicklung entgegenzutreten... Wir sind dankbar für die internationale Medienaufmerksamkeit. Wir denken aber auch, dass für ein sofortiges, direkteres Handeln die konkreten Auswirkungen der Entwicklung noch besser vermittelt werden könnten, dass der internationale Gemeinschaft die Dringlichkeit des Problems besser vor Augen geführt werden könnte.

Der Ökumenische Rat der Kirchen hat stets die Auffassung vertreten, dass eine militärische Aktion in einer solchen Situation immer das schlechteste und letzte Mittel ist. Pluralismus und Koexistenz brauchen einen Prozess des Dialogs und der gegenseitigen Zusammenarbeit.

Wir sehen die jüngste Geschichte der militärischen Interventionen in der Region, die unserer Ansicht nach sehr wenig anderes erreicht haben, als Möglichkeiten für Extremisten zu schaffen, und wir stehen daher einer militärischen Intervention nicht wirklich positiv gegenüber. Allerdings scheint es, dass in diesem Fall, mit einer Gruppe wie dem Islamischen Staat, ein Dialog im aktuellen Kontext nicht wirklich möglich ist.

Sofortiges Handeln ist aber nötigexterner Link, um die betroffenen Gemeinschaften zu schützen, um sich gegen diese extremistische Agenda und die Taten zu wehren, die der Islamischen Staat in dieser Region verübt.

Wir machen uns in unseren eigenen Reihen, aber auch mit unseren Partnern in der internationalen Gemeinschaft, auch innerhalb des Systems der Vereinten Nationen, noch immer Gedanken darüber, wie dies geschehen soll und mit welchen Mitteln genau. Sicher braucht es dringend humanitäre Hilfe, und ich bin sehr erleichtert, die jüngsten Berichte über jene Geflüchteten [von der Minderheit der Jesiden] im Sindschar-Gebirge zu sehen, die dank einiger gezielter Interventionen der Einkreisung durch Militante entkommen konnten.

swissinfo.ch: Der ÖRK hat der UNO einen offenen Brief über die Situation im Irak geschrieben. Was erhoffen Sie sich von der UNO?

P.P.: Die UNO ist wie immer der beste zur Verfügung stehende Mechanismus, wenn es um eine kollektive Aktion als Antwort auf akute Bedrohungen in der internationalen Arena geht. Aber wir sind uns der Schwierigkeiten bewusst, Massnahmen durch diese Gemeinschaft der Nationen anzustreben.

Schweiz weitet humanitäre Hilfe im Irak aus

Die Schweiz hat Anfang Juni die finanzielle Unterstützung für ihre Partner vor Ort um 3,7 Mio. Franken aufgestockt, um Lebensmittelhilfe und materielle Hilfe für die Vertriebenen im Nordirak leisten zu können, vor allem für Kinder und Familien. Das finanzielle Engagement der Schweiz beläuft sich damit für 2014 auf 8,6 Mio. Franken, wie es in einer Presseerklärung des Aussenministeriums (EDA)externer Link vom 15. August heisst.

Die Schweiz entsandte zudem drei Experten des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe in die UNO, um die humanitären Hilfsmassnahmen im Nordirak zu unterstützen. Weitere Entsendungen werden gegenwärtig geprüft.

In der Erklärung des EDA hiess es zudem, die Schweiz sei "sehr besorgt über die Situation" und verurteile die "schweren Verstösse gegen das Völkerrecht". Die irakischen Behörden wurden aufgerufen, die "Anstrengungen zur Wiederherstellung des Rechtsstaats und zur Wahrung der Menschenrechte im ganzen Land zu verstärken".

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Im Bereich der humanitären Hilfe ist klar: Die UNO ist und muss das führende Gremium sein, wenn es darum geht, die notwendigen Mittel und praktischen Möglichkeiten sicherzustellen, um die betroffenen Gemeinschaften zu erreichen und mit dem Notwendigsten versorgen zu können.

Und wir sind der Ansicht, dass eine solche Situation auch auf politischer Ebene eine kollektive Antwort erfordert, in der die Gemeinschaft der Nationen nicht auf einer konfessionell-sektiererischen Basis, sondern als echtes Kollektiv der Menschheit zusammenkommt.

swissinfo.ch: Der ÖRK hat einen religiösen Dialog eingeleitet. Sind wir weit entfernt von einer möglichen Koexistenz der Religionen oder können die Hindernisse überwunden werden?

P.P.: Was wir sehen oder in der Vergangenheit gesehen haben, ist ein Naher Osten, der Ausdruck war für religiösen, sozialen und ethnischen Pluralismus, das war eine Stärke und ein Beispiel: Gemeinschaften mit sehr unterschiedlichen religiösen Überzeugungen, mit unterschiedlicher ethnischer und sozialer Herkunft hatten ein reichhaltiges Geflecht menschlicher Existenz und Erbes gewoben. Und dieses Geflecht wird nun aufgetrennt und zerstört.

Die Gesellschaften des Nahen Ostens werden ohne diesen Pluralismus viel schwächer, ärmer und weniger stabil sein. Wir sind uns der Schritte, und natürlich auch der praktischen demographischen Realität bewusst, aufgrund derer Gemeinschaften gewaltsam oder zu ihrem Schutz aufgespalten und so monolithische Gesellschaften geschaffen werden.

Wir sind uns bewusst, dass es sogar aus Kreisen unserer eigenen Anhängerschaft, von Kirchenführern, Aufrufe zur Einrichtung christlicher Provinzen innerhalb Kurdistans, innerhalb Iraks gibt. Angesichts der Angriffe und Drohungen, mit denen sie konfrontiert sind, kann ich diesen Gedanken verstehen. Es wäre aber ein wirklich tragischer Ausgang. Und würde in der Tat die Zerstörung dieses reichen und vielfältigen Geflechts der Gesellschaft im Nahen Osten bedeuten.


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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