"Papi, wann kommst du wieder heim?"

Die Familie Marugg. zvg

Hochschwanger, mitten im Umzug und getrennt vom Partner: Ein Grenzzaun reisst eine binationale Familie auseinander. Die Schweizer Behörden stellen auf stur.

Dieser Inhalt wurde am 09. April 2020 - 14:00 publiziert
Nicole Krättli, swissinfo.ch

Es war alles perfekt geplant. Anfangs April wollten Carina und Christian Marugg mit ihrer Tochter Emilia aus Süddeutschland zurück in Carinas Heimat Rothenbrunnen (GR) ziehen. Nach sieben Jahren als Projektmanagerin bei Schweiz Tourismus in Stuttgart, sollte sie in diesen Tagen in den Gartenbaubetrieb ihrer Eltern einsteigen.

Ihr deutscher Ehemann Christian wollte währenddessen regelmässig nach Stetten, 30 Kilometer nördlich des Bodensees, pendeln. Dort arbeitet er als Soldat für die Bundesrepublik Deutschland.

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Von Amt zu Amt geschickt

Dann passierte das, was niemand für möglich gehalten hätte. "Wir waren in der Schweiz, als es hiess, die Grenzen zu Deutschland würden dicht gemacht. Wir haben geschmunzelt, es nicht wirklich geglaubt", erinnert sich die 38-Jährige. Trotzdem reisten sie am Abend vor der Grenzschliessung fluchtartig zurück nach Deutschland.

Da sass die kleine Familie nun in einer mit Umzugskisten gefüllten Bleibe. Ihr Haus hatten sie schon zwei Wochen zuvor, zugunsten einer kleineren Wohnung, aufgegeben. Diese hätte Christian während seiner mehrtätigen Deutschlandaufenthalte als Schlafstätte dienen sollen.

Die Familie Marugg. zvg

Eine Woche lang versuchte die Familie sämtliche Hebel in Bewegung zu setzen, damit der Umzug ins neue Familienheim doch noch stattfinden und Ehemann Christian anschliessend zur Arbeit nach Deutschland pendeln kann. Die Zollbeamten schickten sie zum Staatssekretariat für Migration, dieses verwies sie ans Amt für Migration und Zivilrecht Graubünden, das schickte sie wieder zurück zum Zoll.

"Kaum hatten wir einen kleinen Hoffnungsschimmer, wurde uns wieder die Tür vor der Nase zugeknallt. Ich war psychisch am Ende", so die hochschwangere Carina. Schweren Herzens entschied sie sich letzte Woche gemeinsam mit ihrer Tochter in die Schweiz zu fahren, um ihre Arbeitsstelle planmässig anzutreten.

Kanton rät in Deutschland zu bleiben

An der Grenze angekommen, wurde sie von einem Zollbeamten ausgefragt: "Woher kommen Sie?", "Wohin gehen Sie?", "Sie wollen später wieder nach Deutschland zurück? Das geht aber nicht!". "In diesem Moment brach ich völlig zusammen", erzählt die Schweizerin. Mittlerweile sitzt sie im halbleeren Haus in Rothenbrunnen.

Von den Eltern hat sie sich zur Not drei Teller, zwei Gabeln und zwei Messer geliehen. Gemeinsam essen oder die Tochter während der Arbeitszeit an die Grosseltern übergeben, geht unter den aktuellen Umständen nicht. "Meine Mutter hat eine Autoimmunerkrankung und ist deshalb besonders gefährdet", so Carina Marugg.

Ehemann Christian sitzt währenddessen in Deutschland fest. In die Schweiz einreisen darf er erst, wenn seine Frau in den Wehen liegt und somit eine Härtefallregelung zum Zuge kommt. Sobald er allerdings wieder ausreist, um in Deutschland zur Arbeit zu gehen, gibt es für ihn vorerst kein Zurück zu Frau und Kindern.

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"Vor drei Wochen hätten wir dem Ehemann noch eine Aufenthaltsbewilligung ausstellen können", erklärt Markus Haltiner, stellvertretender Leiter des Amts für Migration und Zivilrecht Graubünden gegenüber swissinfo.ch. Damit hätte er zwar nicht zur Arbeit nach Deutschland pendeln, aber sich zumindest in der Schweiz aufhalten dürfen.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist ohne vorgängige Einreise aber nicht einmal mehr das möglich. "Über die Einreise entscheiden die Grenzkontrollbehörden. Uns sind die Hände gebunden", so Haltiner weiter. Er rät der Familie deshalb, vorerst gemeinsam in Deutschland zu bleiben und erst dann in die Schweiz zurückzukehren, wenn sich die Lage beruhigt hat.

Die Familie Marugg. zvg

Verzweifelter Hilferuf an Alain Berset

Es sind jedoch nicht nur die beruflichen Verpflichtungen, die Carina Marugg in der Schweiz halten. Sie ist hier krankenversichert, hat ihre Ärztin und ihre Hebamme in Graubünden. Hinzu kommt, dass die Schlafstätte in Deutschland mit Umzugskisten eines Einfamilienhauses gefüllt ist, die momentan nicht über die Grenze transportiert werden können.

Das Unverständnis beim Ehepaar ist gross. "Hier wird unverhältnismässig, ohne Augenmass und Menschlichkeit gehandelt", so Christian Marugg. In ihrer Verzweiflung wandte sich Carina Marugg via Facebook sogar an Bundesrat Alain Berset: "Es darf doch nicht sein, dass das Grundrecht auf das Zusammenleben mit der Familie einfach ausgehebelt wird? Ich bitte Sie von ganzem Herzen: Lockern Sie die Grenzbestimmungen für Minderheiten."

Ein Grenzzaun stellt das Leben der deutsch/schweizerischen Familie auf den Kopf und liess sie das Vertrauen in den Staat verlieren. "Wir wollen doch nur als Familie zusammenleben und dabei nicht unsere finanzielle Basis aufs Spiel setzen, in dem wir in so einer unsicheren Zeit den einen oder den anderen Job aufgeben", so Marugg.

Immerhin: Die dreijährige Emilia bekommt von dem Drama noch nicht viel mit. Nur als sie vor wenigen Tagen mit Vater Christian telefoniert hatte, meinte sie am Schluss: "Papi, wann kommst du wieder heim?"

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