Brauchen wir jedes Jahr eine Klimapause?

Die Corona-Pandemie hat uns in die Häuser gezwungen, uns zu Konsumverzicht verdonnert und uns aufs Velo gebracht. Der Effekt wird nicht anhalten. Der Lockdown könnte aber dazu inspirieren, mehr zu experimentieren, sagt Katrin Schregenberger, Chefredakteurin der wissenschaftlichen Zeitschrift Higgs.ch.

Dieser Inhalt wurde am 23. September 2020 - 10:00 publiziert
Katrin Schregenberger

Während des Corona-Lockdowns sind die Schadstoffwerte in Basel um 25 bis 44 Prozent gesunken, denn unterwegs war kaum noch jemand. Auf dem Höhepunkt des Lockdowns ging der tägliche globale CO2-Ausstoss bis um etwa ein Sechstel zurück. Flugzeuge blieben am Boden. Die Anzahl zurückgelegter Strecken fiel schweizweit um 50 bis 75 Prozent.

Stattdessen haben mindestens ein Drittel der Angestellten im Homeoffice gearbeitet und sich so den Arbeitsweg gespart. Die Schweizerinnen und Schweizer richteten ihr Augenmerk auch wieder vermehrt auf lokale Produkte und kauften regional ein, wie eine Umfrage der Hochschule Luzern ergab.

"Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das den bequemsten Weg geht."

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Doch ist der Effekt nachhaltig? Wohl kaum. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das den bequemsten Weg geht. Verhaltensänderung passiert nur auf Dringlichkeit hin. Wir haben gesehen, wie schnell Abstandsregeln zum Beispiel wieder über Bord geworfen wurden, sobald in den Alltag Normalität einkehrte.

Zwar wird Homeoffice in Zukunft salonfähig sein und der Pendlerverkehr dadurch im besten Fall entlastet. 2017 waren 9 von 10 Personen in der Schweiz Pendler. Der Trend, dass wir immer mehr und längere Strecken reisen, wird sich, wenn die Pandemie vorüber ist, jedoch wieder fortsetzen.

Was also tun, wenn die Schweiz bezüglich Konsum und Verkehr nachhaltiger werden will? Was können wir vom Lockdown lernen?

Hier sollen zwei Möglichkeiten, Gedankenspielen gleich, präsentiert werden – wobei eine sehr radikal ist und die zweite auf Innovation setzt.

Der Klima-Lockdown

Der Corona-Lockdown hatte Emissionsrückgänge zur Folge und hat uns vor Augen geführt, dass ein Leben mit weniger Mobilität und weniger Konsum möglich ist. Brauchen wir nun eine jährliche Klimapause? Das wäre die erste, radikale Variante, die jedoch problematische Seiten in sich trägt.

Stellen wir uns also vor: Jedes Jahr würde es einen Monat lang einen Klima-Lockdown geben. Zum Beispiel im Januar, wenn sowieso gähnende Leere im Portmonnaie herrscht, wir Weihnachtsspeck angesetzt haben und nicht mehr feiern mögen. Es wäre ein softer Lockdown: Läden hätten verkürzte Öffnungszeiten, der Autoverkehr würde zum Beispiel über gesperrte Innenstädte eingedämmt, der ÖV liefe nach Sonntagsfahrplänen, es gäbe keine Veranstaltungen und, je nach Radikalität des Vorhabens, nur teures Fleisch und teure Flugtickets.

Es wäre wie früher das Fasten – nur eben mit dem Ziel, sich das Klima in Erinnerung zu rufen. Für die Natur wiederum wäre es eine „Anthropause“, in der sie sich, wenn auch nur vorübergehend, von den Schäden erholen könnte.

Der Zweck? Einerseits würden die Emissionen in diesem Monat gesenkt. In der Schweiz wird das meiste CO2 über den Verkehr verursacht (32 Prozent). Der private Personenverkehr sowie der Flugverkehr sind im Bereich Mobilität Hauptemittenten von CO2. 98 Prozent der externen Klimakosten werden durch Autofahren und Fliegen verursacht (Privater motorisierter Personenverkehr: 60 %, Flugverkehr 38%), wie eine Studie des Bundes 2017 ergab.

Nun sind die CO2-Kosten, die durch einen solchen Klima-Lockdown gespart würden, wohl nicht besonders bedeutend. Und wie nachhaltig diese wären, ist ebenfalls fraglich: So führte der Corona-Lockdown auf lange Sicht vielleicht sogar zu mehr Emissionen, denn er brachte zum Beispiel auch die Investitionen in saubere Energie zum Erliegen, wie eine Studie ergab.

Der Lockdown hätte aber auch ein zweites Ziel: Er würde uns die externen Kosten von Konsum und Transport immer wieder von Neuem in Erinnerung rufen. Jedes Jahr würden wir uns erneut bewusst, dass unser Lebenswandel nicht gratis ist.

Nun gibt es aber viele Probleme, die ein solcher Klima-Lockdown mit sich bringen würde. Allen voran die Kosten. Der Corona-Lockdown hat nach Schätzungen des Bundes 30 bis 80 Milliarden Franken gekostet. Im April sind im Durchschnitt zwischen 20 und 28 Prozent der Wirtschaftsleistung ausgefallen. Und: die Branchen waren sehr unterschiedlich stark betroffen.

Selbst bei einem soften Klima-Lockdown wären die Kosten nicht vertretbar und würden ungerecht verteilt – die Skigebiete zum Beispiel würden überproportional stark leiden. Zudem stünde die Frage im Raum, wie wirkungsvoll er wäre. Viele Leute würden sich an Klimaaktionen wohl nur mittels Zwang beteiligen – was in einer liberalen Gesellschaft nicht in Frage kommt. Mit geringer Beteiligung aber würde sich keine Wirkung einstellen.

Und: Es stellt sich generell die Frage, ob Verzicht, und darum ginge es bei einem solchen Lockdown, der richtige Weg ist, um die Klimakrise zu bewältigen. Die heutige Mobilität ist Resultat einer zivilisatorischen und technologischen Entwicklung und birgt unzählige Vorteile – zum Beispiel kann sie auch zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen.

Stattdessen sollten neue Technologien gefördert werden, welche unschlagbar gut sind: Klimafreundlich und den zeitgenössischen Ansprüchen genügend.

Die Experimentierwoche

"Beim Corona-Lockdown kam es in gewissen Kreisen zudem zu einem Aufblühen des sozialen Zusammenhalts."

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Der Corona-Lockdown hatte noch andere Folgen. Zum Beispiel führte er zu einer Beschleunigung der Implementierung von Home-Office-Technologien und -Methoden. Diese werden sich wohl auch in Zukunft halten, denn im Lockdown haben sie sich sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber als nützlich und kostensparend erwiesen.

Auch andernorts war die Innovationsgeschwindigkeit und -freude hoch: Innert kürzester Zeit bildeten sich Organisationsstrukturen für Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit.

Restaurants passten das Mobiliar innert Tagen auf verschiedenste Arten an, installierten Plexiglas oder brachten andere Vorrichtungen an und führten QR-Codes anstatt Menuekarten ein. Der Corona-Lockdown hat also innovativen Technologien den Weg bereitet.

Aus dem Lockdown könnten wir diese Bereitschaft mitnehmen, zu experimentieren. Statt einer einmonatigen Klimapause könnte man zum Beispiel eine jährliche, nationale Experimentierwoche fürs Klima veranstalten: Jede Gemeinde aber auch Unternehmen und anderen Gruppen könnten neue Konzepte für eine klimafreundlichere Schweiz testen.

Eine Gemeinde würde sich vielleicht entscheiden, die Innenstadt für eine Woche zur Fussgängerzone zu erklären, um Vorteile und Probleme einer solchen Massnahme Eins zu Eins zu beobachten. Eine andere würde einen Technologie-Hackaton veranstalten, wo Personen aus verschiedensten Branchen zusammenkämen, um die Möglichkeiten auszuloten, die Gemeinde kostengünstig klimafreundlicher zu machen.

Bürger und Bürgerinnen könnten jährlich Klima-Projekte bei der Gemeinde einreichen – ausgewählte Projekte würden dann in dieser Klimawoche unterstützt. Die Klimawoche würde also ins Budget der Gemeinde einfliessen – und über Steuern getragen. Es wäre aber kein rein staatlich organisierter Anlass. Die Privatwirtschaft könnte ebenfalls beitragen. Detailhändler zum Beispiel könnten Solarpanels anbieten, oder die Pflanzung eines Mangrovenbaums in Myanmar, so wie am 1. August Feuerwerk und Fähnli verkauft werden.

Beim Corona-Lockdown kam es in gewissen Kreisen zudem zu einem Aufblühen des sozialen Zusammenhalts. Diesen Zusammenhalt könnte eine solche Woche durch Klimaaktionen bieten: Freiwilliges Abfall sammeln in Seen, Flüssen, Wäldern und Wiesen wäre ein Beispiel.

Es wäre eine Woche, in der die ganze Schweiz die Grenzen des Möglichen austestet. So würde die Schweiz ihre potentielle Funktion als klimafreundlicher Modellstaat wahrnehmen. Eine solche Woche würden den Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl von Wirksamkeit geben. Viele Menschen verändern ihr Verhalten nicht, weil ihnen die Auswirkungen des eigenen Verhaltens zu klein erscheinen – es fehlt an Selbstwirksamkeit. Das könnte diese Klimatestwoche ändern. Und im Idealfall würde sie zu einem jährlichen Innovationstreiber werden.

Diese zweiten Variante wäre sicherlich mehrheitsfähiger, kostengünstiger und effektiver. Sie könnte eine kreative Massnahme sein, die wir aus dem Corona-Lockdown mitnehmen. So könnten wir die Innovationsführerschaft der Schweiz zelebrieren und ausbauen. Und gangbare Lösungen für eine klimaneutrale Schweiz kreieren.

Katrin Schregenberger

Katrin Schregenberger ist seit 2019 Leitende Redaktorin beim Wissenschaftsmagazin Higgs.ch. Zuvor war sie in der Nachrichtenredaktion der Neuen Zürcher Zeitung tätig. Sie ist Historikerin, Journalistin und Buchautorin.

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Dieser Artikel wurde im Auftrag des BAFU verfasst und auf der BAFU-Microsite umwelt-schweiz.ch/innovationen veröffentlicht. Er stellt die persönliche Meinung der Autorin dar.

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