Ist die UNO bald hinfällig?

Infektionsherde in der Schweiz endlich frühzeitig aufspüren

Jan von Overbeck, ehemaliger Berner Kantonsarzt, entwickelte zusammen mit einer Gruppe von IT-Studenten ein neues Tool.

In der Schweiz hat die Jagd auf Coronavirus-Infektionsherde begonnen: Eine Online-Plattform, die Informationen zu Covid-19 mit Hilfe eines Fragebogens erfasst, will Aufschluss darüber geben, wie sich das Virus verbreitet. Eine Karte wird die am stärksten gefährdeten Regionen des Landes in Echtzeit aufzeigen.

Alain Meyer

Seit Donnerstag letzter Wochen haben bereits mehr als 150'000 Menschen in der Schweiz den Covid-19-Tracker-Fragebogen beantwortet. Die Online-Plattform ist ein buchstäblicher Virenjäger, mit dem Ziel, potentielle, ansteckende Covid-19-Infektionsherde im Land aufzuspüren, um rasch und gezielt Massnahmen ergreifen zu können.

"Egal ob Sie krank sind oder gesund, infiziert oder nicht: Ihre Daten können helfen, Leben zu retten", heisst es auf der Website.

Die Initiative zur Entwicklung der Plattform war nicht vom Bund ausgegangen. Das Projekt wurde auf Initiative einer Gruppe von Informatikstudenten ins Leben gerufen und wird vom ehemaligen Berner Kantonsarzt Jan von Overbeck geleitet.

Von Overbeck, ein Experte für Infektionskrankheiten, wurde vom Kanton Bern vor kurzem mit der Einrichtung mobiler Testzentren in der Hauptstadt sowie in Biel und Thun beauftragt. Er hatte bedauert, dass es in der Schweiz keine aktuelle Landeskarte zur Überwachung der geografischen Verbreitung des Coronavirus gebe. Und so auch keine Möglichkeit, die Entstehung von Clustern frühzeitig zu erkennen und gezielt Massnahmen ergreifen zu können.

Der Covid-19-Tracker basiert auf dem Prinzip, dass jede zusätzliche Information dazu beitragen kann, Infektionsherde frühzeitig zu erkennen, um die Ausbreitung des Virus besser stoppen zu können.

Aufruf zur Beteiligung der Öffentlichkeit 

Die ersten Arbeiten zur Aktivierung dieser Software begannen am Tag, nachdem die Eidgenossenschaft angekündigt hatte, dass jede Ansammlung von mehr als fünf Personen verboten werde. Dies war mindestens drei Wochen nach dem ersten bestätigten Fall einer Coronavirus-Erkrankung im Tessin Ende Februar. Ein Siebzigjähriger war kurz nach der Rückkehr von einem Aufenthalt in Mailand in einer Klinik in Lugano in Isolationspflege gebracht worden.

Obwohl die kantonalen Behörden im Tessin bereits besorgt waren über die Coronavirus-Ansteckungen in der Lombardei, waren sie noch zu keinem Entscheid gekommen, ob die Schulen am darauf folgenden Montag entsprechend dem Schulplan geöffnet werden sollten oder nicht. Unterdessen wissen wir, wie es weiter ging.

"Wir haben uns bewusst nicht an das Bundesamt für Gesundheit gewandt, bevor wir mit dem Covidtracker-Projekt begonnen haben", sagt von Overbeck gegenüber swissinfo.ch. "Ich weiss aus meiner eigenen Erfahrung als Kantonsarzt zu viel über den Rückstand des BAG bei der Digitalisierung", sagt er, und meint damit den Zeitraum zwischen 2014 und 2018.

Mit Hilfe und Unterstützung von jungen Wissenschaftern und Software-Entwicklern steht von Overbeck nun an der Spitze eines Projekts, das "aus dem Wunsch heraus geboren wurde, der Gemeinschaft zu helfen", um der fortschreitenden Geissel entgegen zu wirken.

"Seit Anfang dieser Woche laden wir die Bevölkerung ein, uns mit Informationen zu versorgen, um eine Karte der Infektionsherde in Echtzeit erstellen zu können."

Gleichzeitig wurde eine Öffentlichkeits-Kampagne lanciert, um möglichst viele Leute zum Mitmachen anzuregen. Denn je mehr teilnehmen, umso präziser wird die Datensammlung, und umso aussagekräftiger die Karte.

Administrative Hürden beim BAG

Jan von Overbeck weist auf wiederkehrende bürokratische Hindernisse hin, die das BAG in seinem Wettlauf mit der Zeit angesichts des Coronavirus bremsten. Er bedauert, dass die Daten zu den Covid-19-Fällen "von den kantonalen Gesundheitsbehörden manchmal immer noch per Fax – und nicht über gemeinsam genutzte Computerdateien – übermittelt werden", um nach Bern zu gelangen.

"In den letzten vier Jahren hat sich beim BAG nichts geändert", sagt der Experte. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage unserer Kollegen und Kolleginnen von der Onlineplattform republik.ch in Zürich ergab, dass es in der Schweiz keine zentrale digitale Plattform zur Erfassung der Daten von Ärzten und Spitälern gebe.

Der Online-Fragebogen auf Covidtracker.ch richtet sich an alle, unabhängig davon, ob jemand mit dem Coronavirus infiziert ist, sich krank fühlt oder gar keine Symptome zeigt. Eine solche Karte hätte aufzeigen können, dass sich in der Walliser Region um Verbier am Ende einer tristen Wintersaison ein Infektionsherd entwickelte.

In den kommenden Tagen werden auf dieser neuen Karte zweifellos weitere Konzentrationen von Menschen erscheinen, die positiv getestet wurden. Je mehr Leute mitmachen, umso aussagekräftiger wird die Plattform werden.

Die Kontaminationskarte vom 31. März.

Postleitzahlen wichtig

Damit schnell möglichst viele Daten über gesunde und bereits infizierte Personen zusammengetragen werden können, müssen zunächst einige einfache Fragen beantwortet werden: Geschlecht, Geburtsjahr, Postleitzahl des Ortes oder der Gemeinde. Zur Identität werden keine Fragen gestellt.

Die restlichen Fragen fallen in den Bereich der Selbsteinschätzung: "Wurden Sie auf Covid-19 getestet? Arbeiten Sie im Gesundheitssystem mit Patienten... wenn ja, in welchem: Spital, Privatklinik, Heim, andere? Waren Sie in den letzten 14 Tagen im Ausland? Sind Sie mit einem positiven Fall von Covid-19 in Kontakt gekommen... Vermutlich oder nicht? Leiden Sie an einer chronischen Erkrankung (Herz, Lunge, Diabetes)? Fühlen Sie sich gesund?"

Zum Schluss wird der ausgefüllte Fragebogen mit einem einfachen Klick abgesendet.

Auch das BAG bietet einen Selbstbewertungstest an; es ist eine Notlösung, um dem Fehlen von flächendeckenden Tests für die gesamte Schweizer Bevölkerung entgegenzuwirken.

Mangels flächendeckender individueller Tests sollten die neuen Daten helfen, "ein differenziertes Bild der Situation" zu liefern und gleichzeitig die Anonymität der Beitragenden zu gewährleisten, sagt Jan von Overbeck. Seine Plattform basiert auf Postleitzahlen, um potentielle Virusherde aufspüren zu können, bevor diese ausser Kontrolle geraten.

Fehler ausdünnen

"Je mehr Antworten vorliegen, umso grösser die Präzision. Dieser Prozess dünnt Fehler aus. Es ist ein statistischer Prozess, der geografisch potentielle Gefahrenherde aufzeigen wird, die man überprüfen kann", sagt von Overbeck. Die Freiheit, entsprechende Massnahmen zu ergreifen, wird bei den Behörden liegen.

Das BAG weicht der Frage, ob dieses neue Instrument in Bern von Gesundheitskreisen und Entscheidungsträgern konsultiert werden wird, aus. "Wenden Sie sich an den Kanton Bern", sagt BAG-Sprecher Yann Hulmann. Selbst in Zeiten einer Pandemie wird offenbar noch immer das eigene Revier verteidigt.

Auf seiner Website mit Informationen zum Coronavirus verweist das BAG Internetnutzer und -Nutzerinnen aber auch auf das, was in Bezug auf die globale Coronavirus-Kartierung auf dem neuesten Stand der Technik zu sein scheint. Eine Karte mit globalen Fällen ("Globale Fälle", siehe Kasten) wird seit Januar von Ingenieuren und Wissenschaftern der Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland (Nordosten der USA), stets aktualisiert und diente auch als Inspiration für die Covidtracker-Plattform.

Erste spekulative Analyse

Am Montag, 30. März um 21.00 Uhr zeigten die ersten Bilder der Kartographie der vom Coronavirus betroffenen Schweiz grosse rote Flecken in den wichtigsten Agglomerationen des Landes: Zürich, Genf, Bern, Lausanne und natürlich im Kanton Tessin. An Orten wie Neuenburg oder Freiburg war das Coronavirus weniger sichtbar. Zudem schienen in der Westschweiz La Broye sowie der Jura etwas weniger stark betroffen zu sein.

Covid-19-Weltkarte aus Baltimore

Das Aufspüren und Verfolgen des Coronavirus ist seit Januar eine der Hauptaufgaben der Johns Hopkins University in Baltimore. Wer das Corona Research Center auf der Johns Hopkins-Website aufruft, sieht dort auf der ersten Seite einen Balken mit den globalen Fällen von Coronavirus. Die Fallzahlen werden ständig aktualisiert.

Die Verbreitung des Virus kann in Echtzeit verfolgt werden, über eine interaktive COVID-19-Karte der Welt. Über ein von Professor Lauren Gardner und ihrem Forscherteam erstelltes Dashboard.

Dieser Coronavirus-Atlas, der seit dem 22. Januar, als China mitten in der Krise steckte, verfügbar ist, wird nun von Forschern und Beamten des öffentlichen Gesundheitswesens weltweit als Datengrundlage genutzt, um besser zu beobachten, wie sich die Pandemie ausbreitet, wo Cluster entstehen und wie schnell das Virus zirkuliert. Die Dateneingabe wird manuell und automatisch durch das System generiert. Die Daten werden maschinenlesbar publiziert.

Diese globale Coronavirus-Karte basiert auf Daten der Weltgesundheits- Organisation (WHO) sowie mehrerer spezialisierter Zentren in den USA, Europa und China. Für die Rückverfolgbarkeit werden auch Online-Nachrichtendienste, lokale Medien sowie Zahlen berücksichtigt, die von lokalen und regionalen Gesundheitsbehörden veröffentlicht wurden.

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Dies waren erste spekulative Tendenzen oder der "Anteil der klinischen Verdachtsfälle", wie es in der Kartenlegende hiess.

"Potenzielle Fälle sind heute im ganzen Land verbreitet", unterstreicht Jan von Overbeck. "Man kann annehmen, dass viele von ihnen nur geringe Symptome aufweisen werden. In gewisser Weise ist das beruhigend. Viele Menschen könnten schon eine gewisse Immunität erworben haben, was bedeutet, dass das Virus weniger zirkulieren würde. Dies ist im Kanton Bern der Fall, wo es in den Kliniken weniger schwere Fälle gibt als im Kanton Waadt. Zusammen mit dem Kanton Genf hat die Waadt eine grosse Anzahl potenzieller Fälle. Dies könnte uns zur Vermutung veranlassen, dass es dort schon zu Beginn der Epidemie bedeutende Infektionsherde gab." 

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