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Cyber-Touristen auf virtueller Wanderschaft

Wanderer in Fleisch und Blut geben Duncan Cavens (links) Auskunft über ihre Route.

(swissinfo.ch)

Zürcher Wissenschafter haben ein Computer-Programm entwickelt, das gleichzeitig den Tourismus fördern und die Schweizer Landschaft schützen soll.

Dank des Instruments sollen Experten Hinweise erhalten, was Touristen anzieht oder fernhält.

Die Wissenschafter der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) gingen in Schönried im Berner Oberland auf Datenjagd. Der Winterskiort nahe Gstaad litt in den vergangenen Wintern unter Schneemangel, liegt er doch lediglich auf einer Höhe von 1200 Metern über Meer.

Infolge des Klimawandels sind Destinationen wie Schönried gezwungen, vermehrt auf Sommer-Tourismus zu setzen, um die Ausfälle aus der Wintersaison zu kompensieren.

Glückliche Wanderer

Um das Modell so realistisch wie möglich zu machen, haben die beiden Studenten Duncan Cavens und Christian Gloor in den letzten beiden Sommern in Schönried Hunderte von Wanderern befragt. Sie wollten namentlich wissen, welche Wege sie gewählt hatten und weshalb.

Die gesammelten Angaben haben die beiden anschliessend in ein Modell eingespiesen, in dem virtuelle Gäste mit individuellen Charakteren agieren.

Diese wandern durch eine dreidimensionale Landschaft, und entwickeln dabei Vorlieben für bestimmte Wege. Einige Waldwege beispielsweise erweisen sich dabei als nicht sehr attraktiv, da sie keinen Blick auf die Landschaft erlauben.

Wichtiges Feedback

Am Ende jedes Durchlaufs geben die virtuellen Wanderer eine Rückmeldung über ihre "Eindrücke" von unterwegs. Diese werden dann vom Programm ausgewertet.

"In der realen Planung entwickeln die Menschen oft mehrere Szenarien, die dann schwierig zu Evaluieren sind", erklärt Cavens. "Mit unserem System, so hoffen wir sagen zu können, dass ein bestimmtes Szenario für eine bestimmte Kategorie Gäste oder eine bestimmte Aktivität besser ist als ein anderes."

Aus der Sicht der Kühe

Das Programm errechnet beispielsweise, wie Touristen reagieren, wenn der Staat die Subventionen für die Milchvieh-Haltung halbieren würde. Das Resultat: 60% des Weidelands würde zu Wald, und die Touristen blieben aus, weil sie keine Kühe mehr weiden sehen.

Der gleiche Effekt zeigt sich, wenn eine Seilbahn ihren Betrieb einstellt: Weil die Wanderer nun selber zu Fuss in stundenlangem Marsch auf den Gipfel gelangen müssten, meiden sie künftig diese Destination.

Katastrophen-Szenarien

Modelle mit virtuellen Akteuren, sie werden Agent-basierte Modelle genannt, benützt die ETH bisher, um Verkehrs- und Evakuations-Szenarien aufzustellen.

Dazu Cavens: "Eine individuelle Entscheidung allein macht noch nicht viel aus. Aber wenn Tausend Menschen alle auf denselben Ausgang zu stürzen, weil sie keinen anderen sehen, ergibt das einen Schneeball-Effekt."

Ins pittoreske Wanderer-Modell übertragen, bedeutet das, dass die Forscher in Schönried keine einzelnen Wanderer simulieren, sondern ihr generelles Verhalten erkunden wollen.

Zahlenspiele

"Tourismus-Manager können bisher nur von eigenen Annahmen ausgehen. Gegenüber Finanzfachleuten haben sie es deshalb besonders schwer, weil diese immer die exakten ökonomischen Auswirkungen auf das Geschäft wissen wollen", erklärt Cavens.

"Mit unserem Programm können wir nun genau sagen, dass es 30 bis 40% der Gäste kostet, wenn sich der Wald um 50% ausdehnt."

Das Projekt bleibt aber nicht nur auf dem Bildschirm in den Büros der ETH kleben: Bald werden richtige Wanderer, vielleicht sogar in karierten Hemden und roten Socken, die Wege um Schönried erkunden und den Forschern danach von ihren realen Erfahrungen berichten. Das erlaubt es Cavens und seinen Kollegen, ihre Cyber-Wanderer den richtigen noch mehr anzugleichen.

Cavens hofft, dass das Programm auch auf andere Ferienorte übertragen werden kann, welche wie Schönried aus klimatischen Gründen zu einem Umsteigen auf den Sommertouristen-Zug gezwungen sind.

swissinfo, Julie Hunt in Schönried
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Künzi)

Fakten

Tourismus in der Schweiz:
Ausländische Touristen gaben 2003 rund 12,1 Mrd. Franken aus.
Dies sind 185 Mio. Franken oder 1,5% weniger als im Jahr 2002.
2002 und 2001 hatte der Rückgang bei jeweils 3,5% gelegen.

Infobox Ende

Fakten

Das ETH-Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt.
Es basiert auf bisher angewendeten Modellen zur Verkehrsplanung.
Ähnliche Programme wurden in den USA zur Evaluation von Naturparks verwendet.
Es liefert Tourismus-Managern genaue Angaben, wie sich Landschafts-Änderungen auf die Anzahl der Touristen auswirken.
Beispiel: Wenn sich die Waldfläche verdoppelt, verringert sich die Anzahl Touristen um 30 bis 40%.

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