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Das audiovisuelle Kulturgut verblasst

"Das Boot ist voll", ein Schweizer Film mit Oscar-Nomination, der fast verloren gegangen wäre. markus-imhoof.ch

Memoriav, die vor 10 Jahren gegründete Organisation zur Förderung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, beklagt sich über schleppenden Fortschritt.

Dieser Inhalt wurde am 01. Dezember 2005 - 13:02 publiziert

Memoriav ist eine Dach-Organisation. Sie vereint eine Reihe nationaler Institutionen, darunter die Schweizerische Radio- und Fernseh-Gesellschaft (SRG).

"Die Institutionen taten sich zusammen und fingen an, miteinander zu sprechen", erklärt Memoriav-Direktor Kurt Deggeller und betont damit eine der wichtigsten Errungenschaften des Vereins in diesen zehn Jahren.

Wie Deggeller im Gespräch mit swissinfo erläutert, wurde man sich dank der wachsenden Zusammenarbeit der dringenden Notwendigkeit bewusst, dass das audiovisuelle Kulturerbe der Schweiz gerettet werden muss. Man habe bewiesen, dass Radio und Fernsehen die weltweit "wichtigsten Informations-Quellen" für die Menschen seien.

Schweiz im Rückstand

Doch die Schweiz sei gegenüber anderen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Rückstand, fügt er bei.

So führte zum Beispiel Frankreich bereits in den 1930er-Jahren Gesetze ein, welche die Archivierung von audiovisuellen Aufnahmen regulieren, während das Schweizerische Filmarchiv, die Cinémathèque, 1943 und das Tonarchiv Fonoteca erst 1986 gegründet wurden.

"Es bestehen riesige Lücken aus der Zeit vor 1985", erklärt seinerseits Fonoteca-Direktor Pio Pellizari.

"Wir können nicht sagen, wie viel verloren ging, weil wir nicht wissen, was während der Jahrzehnte alles produziert wurde", so Pellizari. "Wir haben 230'000 Aufnahmen in unserer Sammlung, und erst 130'000 davon konnten wir katalogisieren."

Gemeinsame Politik

Laut Deggeller war eine der grössten Herausforderungen die Einigung auf eine gemeinsame Politik in einem föderalistischen Staat, wo ein grosser Teil der Befugnisse bei den 26 Kantonen liegt.

Das habe die Bemühungen zur Erhaltung verlangsamt und die Erarbeitung einer "gesetzlichen Grundlage" für Konservierung und Geldbeschaffung erschwert.

Weiter meinte der Direktor von Memoriav, die Archivierungs-Gesetze seien nach wie vor "zweideutig", weil die Archivierung aller wichtigen Ton- und Bilddokumente nicht sichergestellt sei.

So wurde beispielsweise die letzte Kopie des Schweizer Films "Das Boot ist voll", der 1982 für einen Oscar als bester ausländischer Film nominiert war, in den späten 1990er-Jahren wiederentdeckt. Sie zerfiel langsam im Keller einer Kapelle in Rom, wo sie mehr oder weniger zufällig aufbewahrt wurde.

Der Film handelt von einer Gruppe von Flüchtlingen, die im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz Asyl suchten. Da er von der Regierung keine finanzielle Unterstützung erhalten hatte, konnte man ihn nicht in den Räumen der Cinémathèque aufbewahren.

Historische Bedeutung

Statt der paar tausend Franken, welche die Archivierung des Films gekostet hätte, musste dieser für mehrere hunderttausend Franken restauriert werden, als die Schweiz in den 1990er-Jahren gezwungen war, ihre Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten, wodurch die historische Bedeutung des Films erst anerkannt wurde.

Deggeller und Pellizari sind sich einig darin, dass die Institutionen, die für die Archivierung des audiovisuellen Materials gegründet wurden, zu wenig Geld erhalten.

Diese Woche stimmte nach dem Ständerat auch der Nationalrat einem Kredit für Memoriav von nahezu 12 Millionen Franken über die nächsten vier Jahre zu.

"Ohne Erinnerungen an die Vergangenheit können wir die Gegenwart nicht verstehen", erklärte dazu Nationalrätin Chiara Sinoneschi-Cortesi von der Christlichdemokratischen Volkspartei.

Aber laut Deggeller ist der neue, vom Parlament gesprochene Kredit nur ein Viertel dessen, was der Verein zur Erfüllung seines Auftrags benötigt.

"Wir sind bei der Katalogisierung mit 100'000 Tondokumenten im Rückstand, mit der gegenwärtigen Finanzierung können wir nur 10'000 pro Jahr erledigen", fügt Pellizari bei.

"Das heisst, wir haben noch Arbeit für acht bis zehn Jahre vor uns, und da sind die neuen Aufnahmen noch nicht mitgezählt."

MiniDisc

Auch die sich laufend verändernden Industriestandards sind eine Herausforderung für die Ton- und Bildarchivare der Welt.

"Dauernd werden neue Formate erfunden", so Deggeller. "Sie ändern alle zwei oder drei Jahre, und die vorherigen sind veraltet. Das heisst, wir müssen das Archivierungsformat ebenfalls ändern."

Formate wie beispielsweise "MiniDisc" würden weniger Daten enthalten, meinte er weiter. "Etwa die Hälfte der Audiosignale gehen bei diesem Format verloren. Das gilt auch für einige gegenwärtig beliebte Videoformate."

swissinfo, Dale Bechtel

Fakten

Memoriav ist eine Dachorganisation für rund 150 Schweizer Archive und Bibliotheken.
Memoriav wurde am 1. Dezember 1995 gegründet.
Zu den Gründungs-Mitgliedern gehörten die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), zu der auch swissinfo gehört, das Schweizerische Filmarchiv, die Schweizerische Landesphonothek, das Schweizerische Bundesarchiv, die Schweizerische Landesbibliothek, das Schweizerische Institut zur Erhaltung der Fotografie und das Bundesamt für Kommunikation.
Das Parlament hat für 2006-2009 einem Kredit von nahezu 12 Mio. Franken für Memoriav zugestimmt.

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