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Das Drama, im Bild festgehalten

Parforce-Leistung der Schauspieler und Schauspielerinnen im "Stiller" von Max Frisch am Schauspielhaus Basel. (Bild: theaterbasel.ch)

50 Jahre nach seinem Erscheinen hat das Theater Basel Max Frischs Roman "Stiller" erstmals auf die Bühne gebracht.

576 Seiten in zwei Stunden - kein leichtes Unterfangen. Regisseur Lars-Ole Walburg gelang es.

Unter einer grossen Reproduktion von Ferdinand Hodlers "Das Breithorn" steht eine Wartebank. Die Bühne senkt sich schräg nach vorn. Daraus ausgeschnitten wie eckige Puzzlestückchen Nischen, die Wohnzimmer, Gefängniszelle und Büro darstellen. Wer darin wohnt, lebt fast wie ein Maulwurf im Loch.

Friedrich Dürrenmatts Havel-Rede, wonach Schweizer nur frei sind, weil sie zugleich Gefangene und Wärter sind, kommt einen in den Sinn. Erst recht als Stiller am Schluss in einer Parforce-Leistung seine Nische mit der Säge zum Schweizer Kreuz umgestaltet.

Gestutzte Flügel

Zunächst aber ist er bekanntlich als einziger "im Loch". Er, der von sich behauptet:"Ich bin nicht Stiller". Angeblich Amerikaner deutscher Abstammung namens White, wurde er bei der Einreise in die Schweiz festgenommen, weil ihn jemand als den seit sechs Jahren verschollenen Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller erkannt haben wollte.

Der Staatsanwalt, mittlerweile verheiratet mit Stillers früherer Geliebten Sibylle, konfrontiert den Ungeständigen mit denen, die Stiller kannten: Gattin Julika und Geliebte Sibylle. Mit der früheren Ballettänzerin Julika, die während der Ehe an Tuberkulose erkrankt war, entspinnt sich erneut eine zarte Liebesgeschichte. Doch die Identität, vor der er einst geflohen ist, nimmt er immer noch nicht an.

Erst als er von Ankläger und Verteidiger unrettbar in die Ecke gedrängt worden ist, resigniert er. Wie der zum Freund gewordene Staatsanwalt im Epilog erzählt, zieht Stiller mit Julika in die Romandie. Seine Kreativität versiegt, er verstummt. Auf den Tod Julikas reagiert er mit der "erschreckenden Gefasstheit eines Geistesabwesenden".

Aufgelockerte Statik

Das Statische ist dem Stoff inhärent: Der Roman besteht auschliesslich aus Aufzeichnungen Stillers und des Staatsanwalts. Da sie aber reich an direkter Rede sind, ist zumindest das Dialogische ihm nicht fremd. Frischs spitzzüngige und anekdotische Einflechtungen sind ohnehin von hohem Unterhaltungswert. Aber dramatische Aktion ist natürlich rar.

Regisseur Lars-Ole Walburg kompensiert das auf vielfältige Weise. Indem er Gefängniswärter Knobel beispielsweise Pflanzen und andere Accessoires auf die karge Bühne hereintragen lässt, "möbliert" er die zunächst leere Identität Stillers auch bildlich. Und mit dem wiederholten Einsatz von Kamera-Klicks versinnlicht er Stillers Drama, nämlich ständig festgehalten zu werden in einem Bildnis und sich deshalb nicht ändern zu können.

Choreografische und musikalische Einlagen akzentuieren das rein Verbale ebenfalls sinnlich: ein mexikanisches Tänzchen zu Stillers Südamerika-Erlebnissen, "Spiel mir das Lied vom Tod" bei der Konfrontation mit dem Nebenbuhler, heroische Posen aus Hodler-Bildern, wenn Stiller wieder einmal die Schweiz verflucht. Das ist mit grossem Gefühl für Rhythmus gesetzt und witzig gemacht.

Parforce

Den grossen Applaus erntete aber einmal mehr nicht der Regisseur, sondern die Schauspieler. Allen voran Michael Neuenschwander, der in der Titelrolle schier unglaubliche Wandelbarkeit demonstriert: trotzig und wütend gegenüber den Untersuchungsbehörden, pubertär prahlend gegenüber Knobel, zärtlich-kindlich wiederverliebt in Julika und am Schluss dem Wahnsinn so nah, dass einen schaudert.

swissinfo und Irene Widmer (sda)

Fakten

Regie: Lars-Ole Walburg

Bühne: Hugo Gretler

Musik: Theo Nabicht

Dramaturgie: Andrea Schwieter

Stiller: Michael Neuenschwander

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In Kürze

Der Schweizer Autor Max Frisch erzählt in seinem Roman "Stiller" die Geschichte eines Mannes, der seine Identität verleugnet, um Abstand von seinem missglückten Leben zu finden, aber schliesslich an der Undurchführbarkeit seines Vorhabens scheitert.

Die Identitätsproblematik, die eine Schlüsselfunktion auch in anderen Romanen von Max Frisch hat, wird hier so spannend wie ein Kriminalfall präsentiert.

Die Tagebuch-Aufzeichnungen der Hauptfigur, geschrieben in einem Zürcher Untersuchungsgefängnis, legen nur schichtweise die wahren Hintergründe um das Verschwinden des lange verschollenen Stiller frei.

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