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Die Kunst des respektvollen Streitens

Der Verein "La gioventù dibatte" (Jugend debattiert) will Schülerinnen und Schülern beibringen, sich zu informieren, zu argumentieren und zu entscheiden. Eine Übung in Demokratie, die auch der Gesellschaft zugute kommt. Massimo Pacciorini-Job

Die Debatte als interaktiver Staatskundeunterricht. Ursprünglich stammt die Methode aus Deutschland; dank des Vereins "La gioventù dibatte" wird jetzt auch in Schulen der Südschweiz lebhaft diskutiert.

Dieser Inhalt wurde am 12. Januar 2021 - 08:45 publiziert

Die Demokratie fällt nicht vom Himmel - nicht einmal in der Schweiz. Nach diesem Motto arbeitet der Verein "La gioventù dibatteExterner Link" (Jugend debattiert). Als Weg, um Demokratie zu erleben und zu erlernen, propagiert die in der italienischsprachigen Schweiz tätige Organisation die Debatte.

Leider gebe es in der Schweiz überhaupt keine Debattierkultur, beklagt Chino Sonzogni, Leiter des Vereins. Das gehe zu Lasten der Qualität der Demokratie. Denn: "Es gibt keine Debatte ohne Demokratie und keine Demokratie ohne Debatte". Aus diesem Grund arbeitet der Verein vor allem mit Jugendlichen im Rahmen der schulischen Staatskunde.

Beweise dafür, dass sich die Jugend für Politik interessiert, gibt es derzeit genug: Die Klima-Demonstrationen und die Black-Lives-Matter-Bewegung mobilisieren die Jungen in Massen.

Auf der Strasse wird demonstriert, nicht entschieden

Verschiedene Studien zeigen aber, dass die grosse Mehrheit der Jugendlichen trotzdem nicht am politischen Leben teilnimmt. Für "La gioventù dibatte" ist es daher zwingend notwendig, die Jungen zu mehr Partizipation zu ermutigen, indem man ihnen die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung stellt.

"Die jungen Leute müssen verstehen, dass es nicht ausreicht, zu demonstrieren. Denn Entscheide werden nicht auf der Strasse, sondern im Parlament und an der Urne gefällt", so Sonzogni. Deshalb müssten auch Junge an Abstimmungen und Wahlen teilnehmen, um ihre Ziele zu erreichen. Sie seien aber oft nicht bereit, die Rolle eines aktiven Bürgers oder einer aktiven Bürgerin zu übernehmen.

Eine Debatte soll mit Überzeugung und gegenseitigem Respekt geführt werden. Das ist die Kultur, die der Verein "La gioventù dibatte" verbreiten will. Sara Daepp

Hier setzt die Methode der Debattierkultur des Vereins an, die er an Mittelschulen, Gymnasien und Berufsschulen vermittelt. "Auf Fakten basierend zu debattieren und dabei das Gegenüber und seine Argumente zu respektieren, sind grundlegende Instrumente der staatsbürgerlichen Erziehung", sagt Sonzogni.

In eine Rolle schlüpfen

Konkret lernen die Jugendlichen, eine Frage nicht nur mit Ja oder Nein beantworten zu können, sondern auch zu begründen, warum sie dafür oder dagegen sind sowie ihre Haltung überzeugend zu verteidigen und sich gleichzeitig mit der gegenteiligen Meinung auseinander zu setzen und diese zu respektieren.

Eine Debatte dauert insgesamt 24 Minuten. Moderation gibt es keine, nur einen Zeitwächter mit einer Glocke. "Die Teilnehmenden lernen so, ihre eigene Debatte zu führen", erklärt Sonzogni.

Natürlich erfordert jede Debatte eine Vorbereitung, bei der die Teilnehmer auch lernen, zwischen zuverlässigen und unzuverlässigen Informationsquellen zu unterscheiden. Da die Debatte als Rollenspiel durchgeführt wird, vertreten die Teilnehmenden nicht unbedingt eine persönliche Meinung, sondern erhalten eine Position zugelost. Das verlangt, dass man sich in Andersdenkende hineinversetzen kann.

Oft sind die von "La gioventù dibatte" gewählten Themen Initiativen oder Referenden, die gerade zur Abstimmung stehen. Junge Menschen haben so die Möglichkeit, eine Art Kurzlehre in direkter Demokratie zu absolvieren.

Wettbewerb als Ansporn

Das Projekt startete im Schuljahr 2008-2009 im Kanton Tessin. Durchgeführt wird der Unterricht von Lehrpersonen, die vom Verein vorgängig geschult wurden. Es liegt im Ermessen der einzelnen Schulen, ob sie das anbieten wollen oder nicht.

Jedes Jahr veranstaltet "La gioventù dibatte" zwei kantonale Wettbewerbe: einen für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und einen für Mittelschülerinnen und -schüler. Insgesamt haben daran schon rund 700 Jugendliche teilgenommen. Die nächsten Wettbewerbe sind für diesen Frühling geplant.

Blick nach Norden und Süden

Als regionale Organisation pflegt der Verein seit jeher Kontakte innerhalb und ausserhalb der Schweiz. "Es ist nur natürlich, dass diejenigen, die die Debatte fördern, sich austauschen und sich ständig umschauen", sagt Sonzogni.

"Unser erster Blick ging Richtung Norden, dort haben wir unsere Ursprünge", fährt er fort. Der Verein hat die Methode von Jugend debattiert DeutschlandExterner Link übernommen, ein Modell, das auch in viele andere Länder exportiert wurde und sich gut für das Schweizer System der direkten Demokratie eignet. Der Verein steht auch in Kontakt mit ähnlichen Organisationen in anderen Sprachregionen der Schweiz, insbesondere mit Schweiz debattiertExterner Link.

"La gioventù dibatte" orientiert sich aber auch stark nach Süden - aus kulturellen und sprachlichen Gründen vor allem Richtung Italien. " Dort gibt es Modelle, die sich von unseren unterscheiden, aber sehr interessant sind", erklärt Sonzogni. Der Austausch mit Italien hat unter anderem zur Teilnahme von Jugendlichen aus Tessiner Schulen am Wettbewerb "Exponi le tue idee" an der Weltausstellung 2015 in Mailand geführt.

Nicht nur für Junge

Der Verein hat letztes Jahr begonnen, seine Aktivitäten auszuweiten: Im vergangenen September startete er mit öffentlichen Vorträgen zum Thema Demokratie mit Referenten von verschiedenen Universitäten in der Schweiz. Zudem arbeitet "La gioventù dibatte" an generationenübergreifenden Debatten. "Die Idee ist, dass Politikerinnen und Politiker mit jungen Leuten nach unserer Methodik über aktuelle Themen diskutieren", erklärt Sonzogni.

Er ist überzeugt, dass auch viele gestandene Politikerinnen und Politiker von jungen Menschen lernen können, wie man argumentativ und respektvoll debattiert.

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