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Der Blick ins Bett

Sonntagsblick und Blick berichteten täglich Neues über Botschafter Borer (hier: 2. April)

(Keystone Archive)

Die Affäre Ringier/Borer als medien-historischen Einschnitt? Der Schweizer Presserat befürchtet, dass die Medien demnächst die Privatsphäre nicht mehr respektieren werden.

Der Schweizer Presserat hat ein öffentliches Interesse an den Medien-Enthüllungen über das Privatleben von Botschafter Thomas Borer verneint. Eine Rechtfertigung für einen solch tiefen Eingriff in die Intimsphäre habe er bisher nicht erkennen können, sagte Presseratspräsident Peter Studer am Freitag.

"Paradigmenwechsel" nennt der Schweizer Presserat das, was ihm derzeit Sorgen macht. Studer wiederholte die von seinem Vorgänger und Berner Medienprofessor Roger Blum bereits gestellte Frage, ob die Schweizer Medien nun vom französischen zum englischen Stil übergingen.

Der französische Stil steht dafür, dass man viel über einen Prominenten weiss, darüber aber wenig schreibt. Studer erinnerte an die uneheliche Vaterschaft des einstigen Präsidenten François Mitterand. Der englische Stil steht dafür, dass man wenig weiss, aber umso mehr darüber schreibt - als Beispiel nannte Studer Leben und Tod von Prinzessin Diana.

Sinkende Hemmschwellen

Der Presserat sieht verschiedene Gründe für einen möglichen Paradigmenwechsel: verstärkter Wettbewerb, Trivialisierung der Politik, Hang zur Personalisierung und Zuspitzung von Thesen auf Kosten der Opfer.

"Enthüllte" Vorgänge im Intimbereich würden zum Skandal hochstilisiert und moralisierend ausgelegt, sagte Studer. Auf Fairness - etwa das Befragen aller Betroffenen - werde verzichtet, ethische und rechtliche Schwellen würden gesenkt. Studer verdeutlichte dies teils am Fall Ringier/Borer.

Diesen Fall wolle der Presserat von sich aus aufgreifen, falls keine Beschwerde eintreffe, sagte Studer. Er werde den dazu nötigen Antrag vermutlich selber stellen.

"Wir hoffen auf vertieftes Nachdenken in den Redaktionen", sagte Studer. Dazu zitierte er pikanterweise Ringier-Chefpublizist Frank A. Meyer, der vor zwei Jahren zur Clinton/Lewinsky-Affäre schrieb: "Könnte es sein, dass die Menschen ahnen, wie wichtig es wäre, die öffentliche Debatte wieder der öffentlichen Sache zu widmen?"

Nicht erst seit Borer

Erste Anzeichen für einen Paradigmenwechsel sah der Presserat schon längst vor dem Fall Ringier/Borer. Von den 54 Stellungnahmen, die der Presserat im letzten Jahr veröffentlichte, betrafen 20 den Persönlichkeits-Schutz.

In etlichen Fällen sei es dabei nicht "nur" um die Privatsphäre, sondern um die Intimsphäre gegangen - und damit um Bereiche wie Sexualität auch ausserhalb der Ehe, sexuelle Präferenzen, gesundheitliche und religiöse Grenzsituationen.

An zweiter und dritter Stelle befasste sich der Presserat mit 15 Beschwerden wegen unlauterer Recherchen und 9 wegen der Behandlung von Leserbriefen. Schliesslich beschäftigten ihn auch Verstösse gegen die Wahrheitspflicht und Fälle von Diskriminierungen.

Im Jahr 2001 stieg die Zahl der eingegangenen Beschwerden von 55 auf 68. Zwei Fälle griff der Presserat von sich aus auf. 70 Verfahren wurden abgeschlossen.

swissinfo und Agenturen

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