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Der Herr über die Piazza-Stühle

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Seit 37 Jahren ist Gian Franco Perazzi hinter den Kulissen fürs Filmfestival tätig. Ehrenamtlich, und der Letzte der alten Generation von Einheimischen, der immer noch dabei ist. Nur er weiss, wie viele Stühle auf der Piazza Grande stehen.

Dieser Inhalt wurde am 15. August 2008 - 13:56 publiziert

Der Innenhof der Società Elettrica Sopracenerina an der Piazza Grande ist ein Dreh- und Angelpunkt des Festivals. Und nicht ganz zufällig hat im Gebäude der Elektrizitätsgesellschaft auch Gian Franco Perazzi sein Büro. Kein Namensschild – nur Eingeweihte wissen, wer während des Festivals hinter einer unauffälligen Tür im Innenhof sein Quartier bezieht.

Perazzi ist Chef der Logistik und praktisch der letzte Mitarbeiter, der von der alten Festivalgeneration auf Führungsebene übrig geblieben ist. Seit 1971 arbeitet er aktiv beim Festival mit. Es war das Jahr, als das Festival vom Park des Grand Hotels auf die Piazza Grande zog.

"Wir begannen damals mit 1000 Sitzplätzen, und das erschien uns schon viel", erinnert sich Perazzi. Man holte die Stühle sogar aus Schulen von Bellinzona und Lugano und brachte sie mit Bussen nach Locarno. Im Notfall griff man auf Holzbänke von Dorffesten zurück. Zudem brachten viele Zuschauer auch eigene Klappstühle mit. Das Budget betrug damals weniger als 300'000 Franken.

Das waren noch Zeiten

Inzwischen hat sich das Festival längst professionalisiert, auch wenn Perazzi mit etwas Wehmut an die Pionierzeiten zurückdenkt. Die Organisation lag damals ausschliesslich in den Händen der Ortsansässigen. "Mit Ausnahme natürlich der künstlerischen Direktion", wie der 76-Jährige betont.

Für die abendlichen Wetterprognosen rief man auch mal bei einem Älpler im Onsernone- oder Verzascatal an. "Das war zwar etwas archaisch, aber in Zusammenarbeit mit der Wetterstation in Locarno-Monti recht effektiv", lacht Perazzi.

Inzwischen hat sich das Festival zu einer riesigen Organisations-Maschinerie entwickelt. Bis zu 8000 Zuschauer finden abends auf der Piazza Platz. Und für alle gibt es inzwischen einen Stuhl. Das Festival hat sie angeschafft. Wie viele es genau sind, ist ein gut behütetes Geheimnis. "Nicht einmal der langjährige 'presidentissimo' Raimondo Rezzonico wusste es", so Perazzi und hüllt sich in Schweigen.

Perazzi ist sich bewusst, dass die malerische Piazza am Abend mit der Grossbildleinwand das Bild des Festivals von Locarno auf der ganzen Welt prägt. Gerade deshalb legt er Wert auf die Bedeutung des Tagesprogramms:

"In zehn Sälen schauen 5500 bis 6000 Zuschauer auch beim schönsten Wetter Filme an." Und eine seiner Hauptaufgaben besteht darin, einen reibungslosen Ablauf in diesen Sälen zu garantieren. Zu diesem Zweck müssen zwei Turnhallen und die Fevi-Mehrzweckhalle mit 3300 Plätzen in Kinosäle umgebaut werden. Da muss alles stimmen.

Der "Ehrenamtmann"

Vor dem Festivalbeginn steigt die Hektik. Sitzungen jagen Sitzungen und das Handy klingelt ständig. Perazzi bewahrt gleichwohl die Ruhe. Dies dürfte wohl daran liegen, dass den 76-Jährigen nach einer langen Politikkarriere in Locarno nichts mehr so schnell erschüttern kann. Als CVP-Mann war er 46 Jahre – von 1958 bis 2004 - in der Gemeindepolitik tätig, davon sechs als stellvertretender Stadtpräsident.

Und bei der Elektrizitätsgesellschaft Sopracenerina verdiente der Junggeselle in 42 Jahren seinen Lohn. Zudem war und ist Perazzi in etlichen Organisationen der Stadt aktiv – vom Pfarrgemeinderat bis zum Verein zur Koordination von Veranstaltungen in der Region. Alles macht er ehrenamtlich. Perazzi ist ein Faktotum der Stadt Locarno.

Wenn abends um 21.30 Uhr auf der Piazza Grande die Lichter ausgehen, schliesslich Regisseure und Schauspieler von der Bühne steigen und der Abendfilm über die Leinwand flimmert, beginnt für Gian Franco Perazzi der Feierabend.

Dann setzt er sich ins Ristorante Svizzero vor dem Haupteingang und isst zu Abend: "Das ist eine alte Tradition aus Zeiten, als es noch keine Handys gab. Denn alle wissen, dass sie mich dann dort finden können."

swissinfo, Gerhard Lob, Locarno

Das Festival

Das Internationale Filmfestival von Locarno dauert bis am 16. August.

Das grösste Filmfestival der Schweiz hat im Vergleich mit ausländischen Festivals mit 11,1 Mio. Franken ein relativ bescheidenes Budget.

Der Bund hat letztes Jahr zwar die Subventionen von jährlich 1,2 Mio. auf 1,35 Mio. Franken leicht aufgestockt. Das reicht jedoch kaum, um im internationalen Wettbewerb mitzuhalten.

Das Filmfestival hat namentlich mit infrastrukturellen Problemen zu kämpfen: Es mangelt nicht nur an nahegelegenen Hotelbetten, sondern auch an adäquaten Räumlichkeiten für Empfänge, die für die Filmbranche von Bedeutung sind.

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Die Filme

Auf der Grossleinwand auf der Piazza Grande werden 20 Filme gezeigt. 18 Filme laufen im internationalen Wettbewerb. Insgesamt sind am Festival 380 Filme zu sehen.

Rund 50 Schweizer Werke werden in Locarno aufgeführt. Ein Höhepunkt ist "Un autre Homme" von Lionel Baier, der im internationalen Wettbewerb läuft.

Schweizer Filme auf der Piazza Grande: "Marcello Marcello" von Denis Rabaglia, "Nordwand" mit Schweizer Beteiligung von Philipp Stölzl und "Retouches" von Georges Schwizgebel.

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