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Der Wolf ist los

Die Wölfe in der Schweiz können aufatmen: So lange sie nicht mehr als 25 Schafe reissen, sind sie weiterhin geschützt.

(www.wwf.ch)

Der Wolf darf sich in der Schweiz niederlassen. Anders als der Ständerat will der Nationalrat den Wolf nicht zum Abschuss freigeben.

Damit findet eine Debatte, die sich über knapp zwei Jahre hinzog ein - vorläufiges - Ende.

Mit einem Spielzeugschaf auf dem Rednerpult hatte der christlichdemokratische Ständerat Theo Maissen im Dezember 2001 seine Motion "Erlebnis Natur. Ohne Wölfe" eingereicht. Gegen den Willen der Regierung stimmte der Ständerat damals der Motion mit 18 zu 9 Stimmen zu.

Damit sollte der Bundesrat auf sein "Konzept Wolf Schweiz" verzichten und den Wolf aus der Liste der geschützten Tiere streichen.

Denn nicht nur Schafe und Ziegen seien gefährdet. Kleinkinder würden vom Wolf nicht als Menschen, sondern als Beute wahrgenommen, hatte Maissen argumentiert.

Weiter Weg in die grosse Kammer

Seither wurde das Geschäft zwei Mal vertagt, bis der Wolf es am Montag im dritten Anlauf in die grosse Kammer schaffte. "Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?" Dieser Satz wurde am Montag in der Debatte im Nationalrat oft zitiert.

Der Wolf scheint die Fantasie der Parlamentarierinnen und Parlamentarier zu beflügeln. Vergleiche von Peter und dem Wolf, dem Wolf im Schafspelz oder dem bösen Wolf und Rotkäppchen sorgten für rote Köpfe und eine längere Debatte als über das Kyoto-Protokoll.

Diese Märchen veranlassten Vize-Nationalratspräsident Max Binder zur Bemerkung: "Nach diesen Geschichten wäre ich fast versucht zu sagen: Nächste Sprecherin ist Frau Trudi Gerster." Er spielte damit auf die berühmte Schweizer Märchentante an.

Auch der Freisinnige Hajo Leutenegger spielte mit den Worten: "Es stellt sich hier die Frage, wer im Schafspelz daherkommt, das Wolfskonzept oder die Motion Maissen." Diese sei abzulehnen, jedoch mit der Auflage an den Bundesrat, im Wolfskonzept den Bedürfnissen der Schafzüchter entgegen zu kommen.

Und Bundesrat Moritz Leuenberger gab zu bedenken: "Ist der Wolf nicht mehr geschützt, würde die gesetzliche Grundlage für Schadenersatz fehlen."

Mit 84 zu 77 Stimmen folgte denn auch eine knappe Mehrheit diesen Argumenten und gab damit dem Vormarsch des Wolfs grünes Licht. Der Bundesrat ist nun aufgefordert, sein Wolfskonzept zu überdenken.

Bedroht oder Bedrohung?

Das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf wurde in der letzten Zeit oft strapaziert. WWF und Pro Natura liefen Sturm gegen die Motion, einen "Frontalangriff" auf den Wolf.

Innert nur zwei Monaten hatten sie über 68'000 Unterschriften gegen die von ihnen befürchtete "Ausrottung" des Wolfes gesammelt. Der Bundesrat solle bei Wilderei geschützter Tiere hart durchgreifen.

Dem widersprechen geschädigte Bauern. Für sie bedeutet der Wolf "eine grosse Bedrohung" für ihre Herden.

Doch fiele der Schutz des Wolfes nun weg, würden die Kosten von gerissenen Tieren nicht mehr vom Bund übernommen. Die Schafhalter müssten die Schäden aus der eigenen Tasche bezahlen.

Ausserdem müsste die Schweiz aus verschiedenen internationalen Abkommen austreten. Darunter die "Berner Konvention", die den Wolf als "streng geschützte Tierart" aufgelistet hat.

Verständnis gefragt

Eine dauerhafte Ansiedlung in der Schweiz sei nur möglich, wenn die betroffenen Kreise seine Rückkehr verstehen und zulassen würden, schreibt das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL).

Es setzt in seinem "Konzept Wolf Schweiz" auf Information, Prävention, Schadensvergütung und Zusammenarbeit mit den betroffenen Kantonen.

Reisst ein Wolf innert vier Monaten mehr als fünfzig Schafe, darf er zum Abschuss freigegeben werden. Eine Zahl, die für landwirtschaftliche Kreise zu hoch, für Tier- und Naturschützer zu niedrig angesetzt ist.

Abschussgefährdet

Doch die Naturschutzorganisation Pro Natura beklagt, das Konzept Wolf sei untauglich. Es würde in der Praxis jeden in der Schweiz eingewanderten Wolf zum Abschuss freigeben.

Der Wolf sei für gerade mal ein Prozent aller Schafstode in der Schweiz verantwortlich. Ein Kompromiss könnte daher sein, nur noch beim Tod von bewachten Schafen eine Entschädigung auszuzahlen.

Hunde halten Wölfe fern

Als beste Lösung zum Schutz hat sich eine Kombination aus Schafhirt, Hunden und geschützten Gehegen (Elektrozaun) für die Nacht erwiesen. Dieses Konzept ist jedoch kostspielig und nicht überall anzuwenden.

Deshalb untersucht das BUWAL seit drei Jahren in einem breit angelegten Projekt, wie die Schutzmassnahmen auf die Schweizer Verhältnisse abgestimmt werden könnten.

Auch das Projekt "Schaf und Wolf" im Kanton Graubünden, das der Kanton zusammen mit dem WWF und einem Schafhalter bis Ende Jahr durchführt, kommt in einer ersten Zwischenbilanz zu ähnlichen Schlüssen: So können Esel eine Schafherde nur beschränkt schützen. Empfohlen wird der Einsatz einer Gruppe von Schutzhunden.

swissinfo, Christian Raaflaub

Fakten

Vor hundert Jahren wurde der Wolf in den Schweizer Alpen ausgerottet.
Letzter Abschuss: 1954
1994: Erster Wolf im Wallis.
2001: Wölfe auch im Graubünden und Tessin.
Seit 1998: 4 Wölfe abgeschossen, 1 Wolf überfahren.
Zwischen 1998 und 2001 sind mindestens 7 Wölfe zugewandert.
In Europa wurden in den letzten 100 Jahren keine Attacken auf Menschen registriert.

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In Kürze

Der Wolf bleibt eine geschützte Tierart. Der Nationalrat hat mit 84 zu 77 Stimmen eine Motion des christlichdemokratischen Ständerates Theo Maissen knapp abgelehnt.

Umstritten bleibt das "Konzept Wolf Schweiz" des Bundes. Für betroffene Bauern ist es zu large, Tier- und Umweltschützern hingegen zu streng. Der Bundesrat soll nun Schafhaltern und –züchtern entgegenkommen.

Am Freitag hatten Bündner, Walliser und Tessiner Schafzüchter in Bern für eine Schweiz ohne Wolf demonstriert. Der Wolf sei ein "Serienkiller" und koste den Steuerzahler zu viel.

Dem steht eine Petition von Pro Natura und dem WWF gegenüber. Rund 70'000 Personen fordern, dass der Wolf geschützt bleibt. Eine erneute "Ausrottung" komme nicht in Frage.

Für Schafhalter und -züchter, die mit der Rückkehr des Wolfes konfrontiert sind, hat das BUWAL ein Wolf-Telefon eingerichtet: 0041 27 606 70 00.

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