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Desaster wie in Ungarn in der Schweiz unmöglich

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Roter Schlamm in den Strassen von Deveczer, 160 km von Budapest entfernt.

Roter Schlamm in den Strassen von Deveczer, 160 km von Budapest entfernt.

(Keystone)

Nach der Aluminium-Katastrophe in Ungarn stellt sich die Frage, ob sich dies auch in der Schweiz ereignen könnte. Der Produktionsschritt, der in Ungarn zum Desaster führte, finde in der Schweiz nicht statt, sagt Marcel Menet vom Alu-Verband Schweiz.

Beim Stichwort Aluminium denken viele Schweizer an die Alusuisse, die früher im Wallis Aluminium hergestellt hat. Doch, so relativiert Marcel Menet, Geschäftsführer des Aluminium-Verbands Schweiz, "was nun in Ungarn geschehen ist, basiert auf einem Produktionsprozess, der in der Schweiz nie stattfand."

In Bezug auf den Ruf sei der Schaden jedoch enorm, sicher für die ungarische Firma und eventuell für den Produktionsstandort Ungarn, sagt Philipp Aeby, CEO von RepRisk AG. Diese Agentur befasst sich mit dem Reputationsrisiko von Unternehmen, gerade auch im Zusammenhang mit ökologischen Fehlleistungen. "Das Desaster ist komplett. Hier sind alle Komponenten vereint, Schwerindustrie, Tote und grossflächige Umweltschäden." Das ungarische Unternehmen sei klar für den gebrochenen Damm verantwortlich, weil es die Deponie betreibe.

"Was das Ganze für die Schweizer Alu-Industrie bedeutet, die ja glaubwürdig darlegen kann, Aluminium zu importieren respektive diesen Teil der Wertschöpfung nie betrieben zu haben, weiss man noch nicht. Dafür ist entscheidend, ob die ungarische Firma oder vergleichbare Firmen in die Schweiz geliefert haben", so Aeby.

Greenpeace fordert laut der ungarischen Wirtschaftszeitung Napi Gazdasag von den Eigentümern des Konzerns, die zu den reichsten Leuten im Land gehören und denen ein Naheverhältnis zur ungarischen Spitzenpolitik nachgesagt wird, die volle Übernahme aller Kosten für die Schadensbeseitigung und den Schadenersatz.

In der Schweiz kein Bauxit, nur Tonerde

Die Tonerde, wie sie in Ungarn hergestellt wird, sagt Menet, komme bereits als Zwischenprodukt in die Schweiz, und werde mittels Elektrolyse in Aluminium umgewandelt. In Ungarn werde das Bauxit als im Tagbau gefördertes Gestein gemahlen und mit einer Natronlauge versetzt. Diese Lauge wäscht das Aluminiumoxid aus dem Bauxit, und zurück bleibt der Rotschlamm.

Das Giftige in dieser Schlacke sei der Natronlaugerückstand, der ätzend wirkt, weil er basisch sei. Nur werde, so Menet, normalerweise der grösste Teil Lauge aus dem Schlamm wieder in den Produktionsablauf zurückgeführt, wie bei einem Recycling. Und normalerweise wirke der Rotschlamm nie so ätzend wie der jetzt in Ungarn ausgeflossene. Ätzend heisst, dass bei Berührung eine Verbrennung der Haut die Folge ist.

"Es bleibt die grosse ungeklärte Frage, die nun innerhalb der Branche diskutiert wird: Weshalb ist nach ersten Messungen der Schlamm in Ungarn so toxisch, sprich so viel ätzender als bei der Standardproduktion, und weshalb gibt es derart grosse Mengen davon?"

In der Schweizer Aluminiumbranche vermutet man, dass in Ungarn die Lauge nicht der Wiederverwendung zugeführt worden ist, sondern einfach in der Deponie mit der Schlacke gelagert wurde.

Kritik an Brüssel

Das Deponieren des Rotschlamms sei bisher kaum problematisch gewesen. "Nach EU-Recht ist dieser Schlamm 'Abfall', also nichts Toxisches. Aber er muss deponiert werden, wegen dem Restbestand Natronlauge." Langfristig baue sich die Lauge in der Deponie zu Soda ab, und der basische (giftige) Wert korrigiere sich wieder.

Weshalb das Becken geborsten sei und weshalb der Schlamm eine so hohe Konzentration an Lauge aufweise, wisse vorderhand niemand: "Die Firma ist nicht organisiert, weder im europäischen noch im internationalen Verband", so Menet. "Ansprechpartner kennen wir deshalb in Ungarn auch keine."

Wichtig sei deshalb, dass nun genau untersucht wird, weshalb der Unfall geschah und ob die Kontrollen versagt haben. Eine Vorverurteilung im gegenwärtigen Zeitpunkt sei nicht angebracht.

Bleibt die Frage, weshalb Brüssel es zulässt, dass die ungarische Alu-Industrie unabhängig von europäischen Kontrollen produzieren kann, wenn es die Industrien in den anderen Ländern nicht tun.

Der WWF nimmt deshalb die EU in die Pflicht, da die Sicherheitsstandards für den Bergbau zu niedrig seien und diese nicht ausreichend überprüft würden. "Einfache Erdbaudämme reichen nicht zur Absicherung der Becken, da diese leicht durch Dauerregen durchweicht werden können", wird der österreichische Süsswasser-Experte Martin Geiger zitiert.

Dass die ungarische MAL jedoch einfach eine billige Auslagerungsfirma sei, die Aluminium im Osten billiger und dreckiger als im Westen herstelle, stimme laut Menet zumindest im Fall der Schweiz nicht: "Aluminium-Tonerde wird üblicherweise dort produziert, wo es Bauxit gibt. Und dort wird auch deponiert. In der Schweiz gibt es kein abbauwürdiges Bauxit, deshalb wurde hier nie produziert."

Schweizer Alu aus globalen Quellen

Die Schweiz selber beziehe kein Alu aus Mittel- und Osteuropa. "In der Schweiz gibt es zur Zeit vier Alu-Halbzeugwerke: Deren fertiges Aluminium kommt aus Norwegen, Island, Bahrain und Deutschland. Alu wird in der Schweiz in Form von Barren zum Walzen, Bolzen zum Pressen, oder Masseln zum Giessen eingeführt. In Norwegen und Island wird die Tonerde aus dem Golf, Venezuela oder aus Australien bezogen."

Es sei deshalb fast nicht möglich, die Materialströme über die ganze Welt zu verfolgen. Die Schweiz ist aluminiummässig sowohl ein grosser Exporteur als auch ein grosser Importeur.

Der Anteil an rezykliertem Metall in Neuanwendungen liege global bei 35 bis 38%. Die Recycling-Quote von Alu betrage aber im Bauwesen oder im Transportbereich (Schienenfahrzeuge) in der Schweiz 90%. Diese Unterschiede ergäben sich wegen der teils extremen Langlebigkeit der Produkte aus Alu: Eisenbahnwagen oder Hausbestandteile können über 40 Jahre im Dienst bleiben.

Aluminium gehört zu den meist reziklierten Metallen überhaupt. "Erstmals wurde es 1888 hergestellt. Und seit dann ist 75% des je produzierten Aluminiums immer noch im Einsatz."

Der Schweiz fehlt die Erfahrung

Die Schweiz kann Ungarn kaum direkte Unterstützung bieten, weil es ihr an Erfahrung in dieser Technologie fehlt. Laut Menet hat das Internationale Aluminium-Institut auf europäischer Ebene jene Länder aufgefordert, Ungarn zu helfen, die selber Aluminium produzieren.

Wie auch immer: Ohne saubere Bodenproben-Serien seien Aussagen schwierig, so Menet. Noch sei auch über die exakte Zusammensetzung des Rotschlamms wenig bekannt. Anderseits sei die Dammbruch-Frage zu klären: Brach der Damm, weil es ohnehin Hochwasser und Regen gab?

Schweizer Trinkwasserprojekte

Auch der hohe Schwermetall-Anteil des Rotschlamms dürfte Auswirkungen haben. Dadurch wird Land kontaminiert und das Grundwasser verseucht, mit unklaren Folgen für die Trinkwasserversorgung Ungarns.

Nun sind im Rahmen des Schweizer Erweiterungsbeitrags Projekte für Trinkwasser genehmigt. Mit Geldern aus der "Kohäsionsmilliarde" hat das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO und die Direktion für Entwicklungszusammenarbeit DEZA in Ungarn knapp 25 Mio. Franken für vier Trinkwasserprojekte definitiv bewilligt.

"Drei der Projekte befinden sich im Norden des Landes, eines ist in der Nähe von Budapest", sagt der Ungarn-Verantwortliche beim SECO, Patrick Läderach, gegenüber swissinfo.ch. Er glaubt nicht, dass die nun eingetretene Umweltkatastrophe, die zumindest in den Flüssen das Wasser stark verschmutzt, diese Projekte berühren könnte.

Die Prozeduren zur Bewilligungen liefen langfristig, so Läderach, und unabhängig von der aktuellen Lage. "Schon während der Finanzkrise, die ja Ungarn besonders stark erfasst hat, gab es Vorschläge, die Projekte rascher zu genehmigen." Aber daraus sei nichts geworden.

Schweizer Hilfe

Die Schweiz hat einen Umweltexperten des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) ins ungarische Katastrophengebiet geschickt.

Auf Anfrage der ungarischen Regierung wird er die Behörden bei der Bewältigung der Giftschlammkatastrophe unterstützen.

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Fakten

Nach einem Dammbruch eines Speicherbeckens in einem Aluminiumwerk des Konzerns MAL sind 1 Mio. Kubikmeter Rotschlamm ausgetreten.

Er überflutete 40 Quadratkilometer Land und schiebt sich in jenen Flüssen vorwärts, die in die Donau münden.

400 Menschen mussten bisher evakuiert werden.

Vier Tote gab es bereits, 6 Menschen sind noch vermisst.

Laut MAL besteht der rote Schlamm aus 40-45% Eisenoxid, was die rote Färbung ausmacht, 10-15% Aluminium-Oxid, 10-15% Silikon-Oxid (Sodium), 6-10% Kalzium-Oxid, 4-5% Titanium-Oxid und 5-6% Sodium-Oxid.

Es ist weiterhin unklar, wie giftig und gefährlich dieser Schlamm für Menschen, Tiere und Umwelt ist.

Bauxit (Aluminium-Erz) ist nicht giftig, aber die Natronlauge, mit der man Aluminium gewinnt. Laugen verursachen Verätzungen.

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MAL AG

MAL Magyar Aluminium (Hungarian Aluminium) ist aktiv im Bauxit-Aluminium-Geschäft. Es produziert, entwickelt und vertreibt Tonerde- und Alu-Produkte.

Es nutzt ungarisches und importiertes Bauxit zur Alu-Produktion.

Rohprodukte von MAL fliessen ein in: Halbleiter, Keramikplatten, Detergente, künstlichen Marmor, Armaturenbrett, etc.

MAL entstand aus der Privatisierung der staatlichen ungarischen Alu-Industrie 1995. Das Werk in Ajka geht auf 1943 zurück.

Die beiden Hauptaktionäre, die 1995 die Industrie übernommen haben, heissen Lajos Tolnay und die Industriefamilie Bakonyi. Zoltan Bakonyi ist Geschäftsführer der MAL AG.

Sie stiegen seither in den Klub der reichsten Ungarn auf.

Das Unternehmen kontrollierte mit der Zeit Bauxitminen, Alu-Produktion und Alu-Hütten. MAL ist auch in Rumänien, Slowenien, Bosnien und Deutschland präsent.

70 bis 75% der Produktion geht in Länder Westeuropas.

1999 ist das Umweltschutz-Managementsystem gemäss ISO 14001 eingeführt worden.

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swissinfo.ch


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