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Dick Marty: Mehr als nur Wein und Risotto

Dick Marty wünscht sich einen verstärkten Dialog zwischen den verschiedenen Sprachregionen.

(Keystone Archive)

Dick Marty, Präsident von Schweiz Tourismus, wurde 1995 nach achtjähriger Tätigkeit in der Tessiner Kantonsregierung in den Ständerat gewählt. Vor seiner politischen Karriere engagierte sich Dick Marty im Rahmen der Tessiner Justizbehörde vor allem im Kampf gegen das organisierte Verbrechen und den Drogenhandel. Das Projekt, eine Session der eidgenössischen Räte nach Lugano zu verlegen, ist auf seine Initiative zurückzuführen.

Ausgangspunkt für die Idee, in der italienischsprachigen Schweiz eine parlamentarische Session stattfinden zu lassen - angesichts des nüchternen und konventionellen Umfeldes, in dem Landespolitik betrieben wird, ein kühner Vorschlag - waren eine Begegnung und eine Feststellung.

Die Begegnung: An einem gemeinsamen Essen erzählte mir die Präsidentin des Regierungsrates des Kantons Genf unter anderem, wie wichtig die Session der eidgenössischen Räte 1993 in Genf für ihren Kanton gewesen sei. Dass der Schauplatz der Landespolitik für drei Wochen nach Genf verlegt worden sei, habe das Verhältnis zwischen Bund und Kanton wesentlich verbessert. Die übrige Schweiz sei sich bewusst geworden, dass dem Kanton in Bezug auf die internationalen Organisationen eine besondere Rolle zukomme. Diese Aufgabe liege zweifellos im Interesse des gesamten Landes, sei aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht richtig wahrgenommen und in der Bundespolitik nur unzureichend berücksichtigt worden.

Die Feststellung: Bundesbern macht sich vom Tessin eine verschwommene Vorstellung, und das Tessin seinerseits kennt die Mechanismen der nationalen Politik schlecht. Mangelhaftes Wissen um eine Realität ist meiner Meinung nach schädlicher als schlichtes Unwissen: Es führt zu Missverständnissen, Verwechslungen und damit zu Vorurteilen. Mit anderen Worten: Halbwahrheiten sind schädlicher als Lügen; diese Meinung vertritt seit Jahren auch der italienische Kassationshof. Zwischen der italienischen Schweiz und dem Bund herrschen tatsächlich Missverständnisse und Vorurteile. Und zwar hüben wie drüben.

Natürlich wird eine Session im Tessin nicht mit einem Schlag sämtliche Probleme lösen. Sie wird jedoch zum gegenseitigen Verständnis beitragen, und dies in einer historisch besonders schwierigen Zeit. Die Globalisierung hat den Konkurrenzdruck auf allen Ebenen verschärft und droht das labile Gleichgewicht, das dem Land trotz der kulturellen Unterschiede ein harmonisches Wachstum erlaubt hat, zu zerstören.

Die traditionelle Solidarität, ein wichtiger Pfeiler unserer politischen Kultur, scheint mehr und mehr einer grundsätzlich egoistischen Haltung Platz zu machen, die das Eigeninteresse in den Vordergrund rückt. Randzonen wie die Südschweiz drohen dabei als erste ausgegrenzt zu werden.

Ich bin überzeugt, dass ein Land auf symbolisch bedeutsame Ereignisse angewiesen ist (und nicht nur auf gesunde Finanzen!). Dass sich die Protagonisten der Bundespolitik - Parlamentarier, hohe Beamte und die Medien - drei Wochen in Lugano aufhalten, wird nicht nur eine Renaissance von Risotto und Merlot bewirken, wie böse Zungen behaupten. Eine solche Prognose zeigt nur, wie hartnäckig sich gewisse Vorurteile halten.

Die Frühjahrssession in Lugano - sie besteht aus Arbeit und Informationsaustausch, aber auch aus geselligen Momenten - ist in erster Linie eine willkommene Gelegenheit, über die Wertvorstellungen dieser so reichen und reichhaltigen Schweiz nachzudenken; und über die Notwendigkeit, nicht nur das Zusammenleben, sondern auch den Dialog zwischen den verschiedenen Landesteilen zu pflegen. Die Schweiz wird sich in diesen Wochen vermehrt bewusst werden, wie wichtig und wertvoll die italienische Kultur für ihre Identität ist, während das Tessin in seiner schweizerischen Zugehörigkeit bestärkt wird.

Dick Marty


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